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Fratzen des Brauchtums

Brutales Brauchtum? Worauf Eltern achten sollten, wenn Perchten und Kramperl unterwegs sind. Und was Zuschauer gesetzlich "dulden" müssen und was nicht.

„Krampusse sollten Kinder nicht berühren, schon gar nicht ihren Eltern entreißen.“ Karl Heinz Brisch, Kinder- und Jugendpsychiater SN/stockadobe-kirchmayer
„Krampusse sollten Kinder nicht berühren, schon gar nicht ihren Eltern entreißen.“ Karl Heinz Brisch, Kinder- und Jugendpsychiater

Die Glocken läuten und die Ketten rasseln, es ist wieder so weit: Rund um den 5. Dezember treiben dämonische Schreckensgestalten ihr Unwesen. Krampusse und Perchten gelten als österreichisches Brauchtum mit langer Tradition - sie geraten aber auch immer wieder in Kritik. Einfach, weil ein gewisses Ausmaß an Angst und Gewalt Teil des Spektakels ist. Und das macht den Krampus zu einer heiklen Brauchtumsfigur.

Wie also umgehen mit den mystischen Horrorgestalten, insbesondere was die eigenen Kinder betrifft? Experten empfehlen durchaus nicht, Kinder völlig von diesem Brauchtum fernzuhalten.
"Krampus und Perchten sind Kulturbestandteile, die durchaus ein positives Erlebnis bringen können", sagt etwa Karl Heinz Brisch, Kinder- und Jugendpsychiater an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg. Grundvoraussetzung sei aber: Jeder körperliche Übergriff, gerade auf Minderjährige, sei tabu. Perchten und Krampusse sollten Kleinkinder gar nicht berühren, geschweige denn ihren Eltern entreißen.

Tatsache sei, dass die Horrorgestalten Kindern "gewaltige Angst machen", sagt Brisch - und dass Kindergarten- und Vorschulkinder noch nicht zwischen der realen Welt und der magischen Geister- und Gespensterwelt unterscheiden könnten. Es komme darauf an, die Wünsche der Kinder ernst zu nehmen: "Wenn ein Kind sagt, dass es vom Krampus wegwill, und sich auch auf dem Arm nicht beruhigen lässt, sollte man das respektieren." Der Versuch, ein Kind absichtlich einer Angst auszusetzen, um diese Angst quasi zu "kurieren", könne zu ernster Traumatisierung führen - "sodass die Betroffenen zeitlebens mit Angst und Schrecken auf Perchten und Krampusse reagieren können."

Andererseits könnten die gehörnten Gesellen "Kindern dabei helfen zu lernen, mit ihren Ängsten umzugehen und diese zu bewältigen - und zwischen echten und unechten Gefahren zu unterscheiden", sagt die Tiroler Psychologin Manuela Werth. Aber wie? Bei Kindergarten- und Vorschulkindern sei das Erklären mit Sprache noch nicht sinnvoll: "Das ist eh nur ein verkleideter Mann" sei eine Aussage, die eher Volksschüler emotional und rational begreifen könnten. Kleinkindern sei oft geholfen, wenn sie etwa die Krampusmaske vor dem Umzug oder dem "Hausbesuch" anschauen dürften und den Darstellern beim Umziehen zusehen könnten. Eine Methode, die übrigens auch für Erwachsene mit starken Kramperl-Ängsten Sinn habe.

Werth: "Wenn beim Kind Panik entsteht, ist räumlicher Abstand wichtig. Einfach ein wenig zurückgehen - und das Kind merkt, dass man etwas dagegen tun kann, wenn man sich bedroht fühlt." Voraussetzung sei, dass die monströsen Darsteller diese Distanz respektierten. "Auch auf einen Vater loszugehen, der sein Kind auf dem Arm hat, das geht gar nicht", sagt die Psychologin.
Etwas anders sieht es Sabrina Galler, fachliche Leiterin des Salzburger Kinderschutzzentrums. Zwar seien Brauchtum und Tradition etwas, das Kindern Halt und Sicherheit gebe und den Jahreskreis strukturiere. Aber: "Bei Perchten- und Krampusläufen stehen Angst und Gewalt oft doch stark im Vordergrund", sagt die Psychologin. "Und so etwas ist aus meiner Sicht einfach ein Event für Erwachsene." Ältere Kinder, also im späteren Hauptschulalter, könne man unter Umständen mitnehmen: "Wenn man das Gefühl hat, dass sie schon diesen gewissen Reiz des Adrenalins spüren und das richtig einordnen können."

Mindestens genauso vorsichtig müsse man sein, wenn Nikolo und Krampus ins Eigenheim eingeladen würden: "Denn dort ist der persönliche Lebensbereich, die Sicherheitszone eines Kindes. Wenn dort bedrohliche Eindringlinge auftauchen, kann das auch zu wochenlangen Albträumen führen."
Unbedingt nötig sei, den Auftritt der Gestalten genau durchzubesprechen und zu strukturieren. Kinder unter drei Jahren könnten vermutlich selbst mit dem Nikolaus kaum umgehen, geschweige denn mit einem Höllenungetüm. Bei älteren Kindern, etwa im Volksschulalter, gelte: Der Krampus, sofern nötig, müsse immer der "Knecht" des Nikolo bleiben, das Gute solle stärker sein und auch obsiegen. Der Nikolaus solle Wohlverhalten belohnen, der Krampus aber nicht als Disziplinierungsmittel eingesetzt werden: "Das ist schwarze Pädagogik."

Das sieht auch Psychiater Brisch so: "Ein Krampus, der droht, böse Kinder in seinem Sack mitzunehmen, löst massive Ängste aus. So erreicht man zwar vielleicht eine Verhaltensanpassung. Aber sicher nicht auf die Art, die vernünftige Eltern sich wünschen würden, denn durch die Krampus-Drohungen können Kinder traumatisiert werden, das kann lebenslange Ängste zur Folge haben."
Freilich sind auch Erwachsene nicht gefeit vor Angst, Schrecken und schlimmstenfalls Verletzung - und hier stellt sich die Frage, wer wann wie haftet. Die Antwort liefert ein Salzburger Fall, den der Oberste Gerichtshof (OGH) zu entscheiden hatte: Eine Frau zog bis dorthin, weil sie bei einem "Freilauf" verletzt wurde - dabei mischen sich die Verkleideten unter die Zuschauer. Angeblich war ein Krampus in die Menge gestürmt, hatte ein Mädchen an den Haaren gepackt und sie mit dem Griff der Rute am linken Auge verletzt. Die Frau klagte den Verein, der den Lauf veranstaltet hatte. Denn es gab keine Absperrungen und, so das Argument der Klägerin, keinen ausreichenden Ordnungsdienst oder Registrierung der Läufer.

Der OGH aber gab den "Kramperln" recht - denn, so die Richter, man könne solche Vorfälle quasi nur verhindern, wenn jeder Krampusläufer einen eigenen Ordner zur Seite gestellt bekäme, und das sei natürlich unzumutbar. Und: Absperrungen wären bei einem "Freilauf" geradezu widersinnig. Aber auch dem besagten Krampus ist laut OGH kein Fehlverhalten anzulasten: Die Rute war am Handgelenk des Darstellers gebaumelt und hatte die Frau erwischt; der Krampus könne beim Toben nicht ständig die Rute unter Kontrolle haben.

In der Urteilsbegründung finden sich aber auch ganz allgemeine Hinweise zu Krampusläufen. Es gilt: Wer eine Gefahrenquelle schafft, muss dafür sorgen, dass niemand zu Schaden kommt. Daher muss der Veranstalter des Krampuslaufs für die Sicherheit aller Beteiligten und Zuschauer sorgen - wobei aber die Verkehrssicherungspflicht nicht überspannt werden darf.

Und: Das Risiko sei den Teilnehmern solcher Veranstaltungen durchaus bekannt, sodass diese sich auf die Gefahren einstellen könnten. Für den OGH sind die Besucher beim Freilauf nicht bloß passive Teilnehmer, sondern Mitwirkende - und zwar zur eigenen Unterhaltung und des Nervenkitzels wegen. Aufgabe der Krampusse sei es, die Opfer mit der Rute zu "attackieren", wobei sich die Zuschauer entweder fügen oder davonlaufen, was ebenfalls Teil des Spiels sei. Mit dem Treiben der Krampusse sei ein gewisses Gefährdungs- und Verletzungsrisiko verbunden. Ein Mindestmaß an Regeln habe jedoch zu gelten: Demnach haben Mitwirkende typische Verletzungen wie etwa Rötungen an den Beinen, verursacht durch Rutenschläge, zu dulden - nicht aber darüber hinausgehende Verletzungen.

Aufgerufen am 10.12.2019 um 05:13 auf https://www.sn.at/leben/lifestyle/fratzen-des-brauchtums-80136235

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