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"Heuer ist ein Stück Wehmut mit am Weg"

Ein beliebtes, uraltes Brauchtum findet heuer ohne Publikum statt. Die feierlichen Almabtriebe im Salzburger Land sind wegen Corona abgesagt.

Prachtvoll geschmückt zurück ins Tal. Das ist heuer anders. SN/eva
Prachtvoll geschmückt zurück ins Tal. Das ist heuer anders.

Es ist ein jahrhundertealter Brauch. Jedes Jahr im September, nachdem rund 67.000 Rinder sowie 20.000 Schafe und Ziegen den Sommer auf einer der 1800 Almen im Salzburger Land verbracht haben, geht es für die Tiere zurück auf den Hof. Sie werden mit aus Tannengrün und Blüten gebundenem Kopfschmuck und Glocken geschmückt zurück in den Stall getrieben. Ein Schauspiel, das Jahr für Jahr viele Besucher anlockt und das für die Bauern eine große Bedeutung hat.

Doch wie so oft macht heuer das Coronavirus auch den Almbauern einen Strich durch die Rechnung. Sämtliche Feierlichkeiten sind abgesagt, stattdessen werden die Tiere ohne Publikum und ungeschmückt zurückgeholt. So auch bei Andreas Haym und seiner Familie auf dem Untersulzberghof in Radstadt. Seit Jahren verbringen rund 80 Rinder den Sommer auf den Almen der Familie. Und seit Jahren ist der Almabtrieb im September ein Höhepunkt, der mit dem großen Hoffest endet. "Heuer nicht", sagt der Landwirt. Die Tiere würden in den kommenden Wochen mit Traktor und Anhänger von den Almen geholt. Die 20 Kilometer lange Strecke würden die Tiere zu Fuß normalerweise in rund 4,5 Stunden bewältigen. "Mit dem Traktor brauchen wir durch das ständige Hin- und Herfahren länger."

So viel Aufwand das Brauchtum mit sich bringt, Haym findet es schade, dass es nun entfällt. Normalerweise treibt er die Herde zusammen mit 20 Leuten ins Tal. "Der Zug ist dann schon einen Kilometer lang." Die Sicherheitsvorkehrungen seien enorm. Die Polizei regle den Verkehr, ein Waschwagen fahre hinterher und reinige die Straße. Danach finde auf dem Hof ein großes Fest statt. "Da sind dann rund 1000 Besucher", so Haym. Zu viele in Zeiten wie diesen. "Ich möchte nicht riskieren, dass ein Cluster von unserem Hof ausgeht."

"Heuer ist ein Stück Wehmut mit am Weg, wenn die Bauern die Tiere ins Tal bringen", sagt Sylvester Gfrerer aus Großarl. Der Gersbichlbauer, Bundesrat und Obmann der Pongauer Bezirksbauernkammer, hat im Sommer 30 Stück Rinder und Pferde auf der Alm. Die Landwirte hätten schon im Frühjahr entschieden, dass es heuer keine öffentlichen Almabtriebe geben wird. Auch wenn es für sie ein wichtiger Schlusspunkt nach einem guten Almsommer sei. Denn abgetrieben wird nur, wenn über den Sommer hinweg weder Tier noch Mensch zu Schaden gekommen sei. Als Dank werden die Tiere aufgekranzt. Derart geschmückt würden sie mit ihrem Geläut die feindlichen Dämonen von der Alm ins Tal vertreiben. Nun werde das jeder Hof für sich machen. "Wir werden uns danach zu Hause zusammensetzen und ein Schnapserl trinken", so Gfrerer.

Abgesagt ist heuer auch das Krimmler Almabtriebsfest. "Zum ersten Mal in 34 Jahren", sagt Petra Lemberger, Geschäftsführerin des Tourismusverbands Krimml. 4000 Besucher strömen jedes Jahr zu der Veranstaltung. Das sei heuer nicht machbar.

Das Besondere auf den Krimmler Almen: Dort weiden auch Südtiroler Tiere, die traditionell über den Krimmler Tauern nach Südtirol abgetrieben werden. Auch in Hollersbach, Stuhlfelden und Mittersill gehen die Almabtriebe ohne Publikum vonstatten. Dabei hätten die drei Gemeinden heuer das Brauchtum wieder aufleben lassen wollen. Mittersill-Plus-Geschäftsführer Michael Sinnhuber: "Wegen der großen Sicherheitsvorkehrungen wurde das in den vergangenen Jahren zurückgefahren. Nun starten wir hoffentlich 2021 mit neuen Idee in den Almabtrieb."

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