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Kräuter und grüne Feen

Im Val de Travers im Schweizer Jura wird trotz mancher Verbote seit dem 18. Jahrhundert Absinth gebrannt.

Im Kanton Neuenburg taten es viele Jahrzehnte hindurch alle, auch die Polizisten, die Richter, die Gemeindeärzte und die Bürgermeister … Jeder hatte seinen Lieferanten, und man fand es umso reizvoller, weil es verboten war. Wovon ist die Rede? Von Absinth, jenem Kräuterschnaps, der Ende des 18. Jahrhunderts im Val de Travers, im Hinterland von Neuchâtel, erfunden und - wenn man ihn mit Wasser mischte - seiner blassgrün-milchigen Farbe wegen die "grüne Fee" genannt wurde. Wer zu viel davon erwischte, konnte durchaus geisterhafte Erscheinungen aus dem nebelhaft trüben Getränk aufsteigen sehen.

Absinth wurde zu dem Getränk der Belle Époque. Der späte Nachmittag war für viele die "heure verte", die verträumt-beschwipste "grüne Stunde", für Maler wie Toulouse-Lautrec wie für "poètes maudits" wie Baudelaire, Verlaine oder Rimbaud.

Andere jedoch schrieben keine Gedichte, sondern wurden einfach nur betrunken und sogar verrückt oder gewalttätig. Im Jahr 1905 rottete der Weingartenarbeiter Jean Lanfray im Absinthrausch seine ganze Familie aus. Auf so einen Vorfall hatte der Gesetzgeber nur gewartet. 1910 wurde nach einer Volksabstimmung die Absinthherstellung verboten. Aber an der Côte aux Fées, der Feenküste, wie das Val de Travers auch genannt wurde, produzierte man ihn einfach munter weiter, halt eben privat und illegal. Waschbottiche wurden zu Destillierkolben, die "jurassische Milch" wurde hinter doppelten Wänden destilliert. Höchst diskret und nur, wenn die Dämpfe wenig stark zu riechen waren, also bei Regen oder Wind und im Winter. Oder man rührte in der Jauchegrube um. Trotzdem lag über dem Tal der feine Duft des Absinths.

"Alle wussten es, und wenn der Staatsanwalt bei meinem Haus vorbeiging, grüßte er mich mit ,Ça va, l'heure verte?'. Mir rutschte das Herz in die Hose - aber nichts passierte", sagt Willy Bovet, früher Uhrmacher bei Piaget, Bürgermeister von Môtiers - und Schwarzbrenner. Im Jahr 2005 war Schluss mit dem Versteckspiel: Die Absinthproduktion wurde mit der Auflage wieder zugelassen, dass der Thujongehalt 35 Milligramm je Liter nicht übersteigen durfte. Thujon, ein Bestandteil des ätherischen Öls des Wermutkrauts, wurde als Auslöser der derangierten Bewusstseinszustände unter Absintheinfluss ausgemacht.

Nun konnte man sich an die Aufarbeitung der Geschichte des Absinths in seiner Herkunftsregion machen. Dazu wurde 2014 die Maison de l'Absinthe in Môtiers eröffnet, die kurioserweise im ehemaligen Gerichtsgebäude untergebracht ist, in dem den Schwarzbrennern der Prozess gemacht wurde. Die Originalrezeptur - großes und kleines Wermutkraut, Ysop, grüne Melisse, Minze, Fenchel und Anis - geht, so erfährt man dort, auf die Spitzenklöpplerin Henriette Henriot, genannt "la Mère Henriot", zurück, die damit Abhilfe für ihre Magenprobleme suchte.

Wenn man sich den höchst aktiven Willy Bovet, den quirligen Nicolas Giger und den vitalen, längst pensionierten Francis Martin so ansieht - alle drei ehemalige Schwarzbrenner -, dann könnte man dem Schnaps glatt gesundheitsförderliche Wirkung zusprechen. Nicolas Giger braucht man nicht zu bekehren: "Für mich ist er ein Medikament! Ich trinke mindestens zwei Gläser am Vormittag: das erste, um überhaupt mit irgendetwas zu beginnen, das zweite, um die Kehle frei zu bekommen."

Francis Martin pflichtet bei und verkündet in aller Unschuld: "Wir haben doch das Know-how und kulturelle Erbe erhalten!" Das kommt jetzt seinem Sohn Philippe zugute, der die Distillerie La Valote Martin betreibt. Philippe ist Purist: Er lässt die zu Bündeln geschnürten Kräuter, wie schon sein Vater, auf dem Dachboden trocknen. Und zwar ein Jahr lang auf natürliche Weise und nicht elektrisch und nur für ein paar Wochen, wie das andere Produzenten tun. Alles für das "echte" Aroma. Kenner können es hoffentlich auseinanderhalten und haben dazu Gelegenheit bei der Fête de l'Absinthe in Boveresse, dem Nachbarort von Môtiers, die ein Mal jährlich im Juni abgehalten wird: ein lustiges Volksfest mit Blas- und Popmusik und Zelten, in denen man Absinth in allen Schattierungen von den heute etwa zwanzig lokalen Brennereien degustiert.

Wer das Fest gerade versäumt hat, kann - bei Voranmeldung - an Verkostungen der Brennereien teilnehmen. Die gibt es zudem auch in der Maison de l'Absinthe und im früheren Absinth-Trockenspeicher von Boveresse, heute Standort einer Dauerausstellung zum Thema. Auf der 52 Kilometer langen "Route de l'Absinthe" zwischen dem Val-de-Travers und dem bereits auf französischer Seite gelegenen Pontarlier haben Wanderer Gelegenheit, die Stationen der Herstellung zu besichtigen, von Wermutfeldern bis zu Brennereien, Verkostungen inklusive. Ob man da weit kommt …

INFORMATION

Anreise: Nightjet bis Zürich (www.oebb.at), weiter mit Öffis (www.swisstravelsystem.com)
Museum und Absinth-Route:www.maison-absinthe.ch, www.routedelabsinthe.ch
Infos zur Region: Schweiz Tourismus, www.MySwitzerland.com

Quelle: SN

Aufgerufen am 24.09.2020 um 01:18 auf https://www.sn.at/leben/lifestyle/kraeuter-und-gruene-feen-92681746

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