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Neue Welt des alten Wissens

Das Wissen um die Heilkräfte von Pflanzen ist tief in unserer Kulturgeschichte verankert. Die Natur bot unseren Vorfahren alles: Schutz, Lebensraum, aber auch Nahrung und Arznei. Eine Kräuterwanderung gibt Einblick in die Welt der Wildpflanzen.

Was über Jahrhunderte ganz alltäglich war, nämlich im Gleichklang mit der Natur und im Rhythmus der Jahreszeiten zu leben, wurde mit fortschreitender Industrialisierung mehr und mehr als rückständig gebrandmarkt. Synthetisch hergestellte Medikamente ersetzten zunehmend die natürlichen. Viele der verbreiteten Kenntnisse über die Wirkungsweise von Pflanzen und Heilkräutern wurden dadurch nicht mehr an die nächste Generation weitergegeben.

Heute erleben jahrhundertelang tradierte Heilmittel und -verfahren jedoch einen neuen Aufschwung. Immer mehr Menschen tauchen wieder in die alten Welten der Naturheilkunde ein. Zu diesen Pflanzenkundigen gehört auch die Kräuterpädagogin Renate Ebner aus Faistenau, die ihren Wissensfundus im Rahmen von geführten Wanderungen (und Workshops) an interessierte Menschen weitergibt. Eine knapp dreistündige Wanderung lohnt sich in vielerlei Hinsicht - vor allem eröffnet sie eine völlig neue Perspektive auf eine Pflanzenwelt, die voller verborgener Geheimnisse ist.

Mehr als nur Würzmittel
Wer heute von "Kräutern" spricht, meint damit oft nur jene Gewürz- und Küchenkräuter, die in Supermärkten erhältlich sind. Abseits der gängig eingesetzten Würzmittel, wie etwa Oregano und Basilikum, tut sich aber ein ganzes Universum an genießbaren heimischen Pflanzen auf. Viele schmecken nicht nur hervorragend, sondern können auch eine enorme Heilwirkung bei den verschiedensten Beschwerden entfalten. "Wildkräuter sind voller Vitamine und Mineralstoffe und sekundärer Pflanzenstoffe", erklärt Renate Ebner gleich zu Beginn der Wanderung. "Darunter sind auch Bitterstoffe, die unsere Verdauung in Gang setzen, und Gerbstoffe, die Krankheitserreger abwehren." Exemplarisch für diese Wirkung stehe etwa ein Frühlingsblüher, den viele Menschen wahrscheinlich als unverdaulich einstufen würden - der Löwenzahn. Obwohl die Pflanze fast überall gedeiht und sehr bekannt ist, wissen doch die wenigsten, welche erstaunlichen Eigenschaften die gelb blühende Pflanze in sich birgt. Vom Diätbegleiter für Fastenkuren bis zur Zutat für den Salat, vom Tee bis hin zum Kaffee-Ersatz kann das Taraxacum officinale tatsächlich so einiges.

Klein, aber wirksam
Es wird wieder ein Stück weitergewandert. Oft sind es die unscheinbaren kleinen Blühgewächse entlang des Weges, die bei näherer Erläuterung ihrer Wirkungsweise am meisten in Erstaunen versetzen. Renate Ebner zupft eine kleine blau blühende Blume aus der Wiese: Es sei der sogenannte Gundermann, der auch als Gundelrebe bezeichnet und häufig mit dem ähnlich aussehenden Kriechenden Günsel verwechselt werde, erklärt sie. Der Name rühre von der Heilkraft dieses Krauts bei Eiter her, der früher nämlich als "Gund" bezeichnet worden sei, weiß Ebner. Und: Die kleine Pflanze mache ihrem Namen tatsächlich alle Ehre. So helfe sie bei schlecht heilenden Wunden ebenso gut wie bei eitriger Bronchitis, Harnwegserkrankungen und Schnupfen. Aber nicht nur Schmerzen lindern könne der Gundermann, auch in der Küche finde er als schmackhaftes Würzkraut Anwendung. Man erfährt, dass schon die Germanen für ihre kräftigende Kräutersuppe zu Ostara Frühlingskräuter wie den Gundermann verwendet haben. Mit der Christianisierung, so die Pflanzenkundlerin, sei der Brauch schließlich als Gründonnerstagssuppe übernommen worden.

Besondere Wirkungsweisen
Entlang des Weges gelangt man schließlich zur "Abteilung für Frauenheilkunde". "Schon von alters her wurden Frauenmantel und Hirtentäschlein zur Linderung klassischer Frauenbeschwerden eingesetzt", erklärt die Expertin. "Bereits Hildegard von Bingen verwendet den Frauenmantel bei typischen Frauenleiden."

Die besondere Eigenschaft der Pflanze, an den Blättern Wassertropfen bilden zu können, galt im Mittelalter als mystisch. So wurden die Tautropfen der Pflanze als "himmlisches Wasser" bezeichnet und Legenden zufolge auch bei Versuchen eingesetzt, den Stein der Weisen zu finden. Eine starke Wirksamkeit bei gynäkologischen Beschwerden wird auch dem Hirtentäschelkraut zugesprochen. Dieses habe sich, so die Expertin, in der Naturheilkunde als Blutstiller bewährt. Das Kraut enthalte Flavonoide, Kalium, einige Gerbstoffe sowie Peptide und zeige eine harntreibende, blutreinigende, blutstillende und schmerzlindernde Wirkung.

Tee, Absud oder Auszug
Auch zu den verschiedenen Möglichkeiten der Verarbeitung erfährt man einiges während einer Kräuterwanderung. Es gilt: Um den Heilpflanzen ihre aktiven Substanzen zu entziehen, benötigt man im Allgemeinen eine Flüssigkeit, die die Pflanzenwirkstoffe löst. Neben der gebräuchlichsten Art der Zubereitung als Tee kann auch ein Absud oder Auszug hergestellt werden. Eine besondere Auszugsvariante bestehe in der Herstellung eines sogenannten Oxymels, weiß Ebner. "Das Gemisch aus Essig und Honig wurde bereits in der Antike und im Mittelalter als Stärkungs- und Heilmittel eingesetzt." Individuell mit Kräutern angesetzt ist der Sauerhonig nach gut vier Wochen Lagerung fertig und genießbar. "Bei der Auswahl der Kräuter und der Menge kann man sich ruhig auf den eigenen Instinkt verlassen", so die Expertin. Entlang der saftigen Wiesen am Rande des Hintersees wird weitergewandert. Am Waldrand zupft Ebner wieder - scheinbar wahllos - ein Pflänzchen aus dem Boden. Was ist es? Die meisten der Teilnehmer wissen sofort, worum es sich handelt. Der Giersch ist eine Pflanze, die unwissende Gartenbesitzer auf den ersten Blick wahrscheinlich als Unkraut verteufeln und sofort eliminieren würden. Das wäre aber völlig falsch, denn der Giersch ist alles andere als ein Unkraut. In Klostergärten wurde er früher sogar absichtlich kultiviert, vor allem wegen seiner Wirkung gegen Gicht. Das Kräutlein enthält viele Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente und der Vitamin-C-Gehalt ist sogar vier Mal höher als jener von Zitronen. Die wohlschmeckenden Blätter eignen sich für Salate und Suppen, als Spinatersatz und auch für Aufstriche. Das Fazit: Eine Kräuterwanderung macht Lust darauf, mehr zu erfahren und den eigenen Speiseplan zu erweitern. Vor allem lehrt sie, die umgebende Natur mit ganz neuen Augen zu sehen.

Aufgerufen am 23.10.2021 um 11:01 auf https://www.sn.at/leben/lifestyle/neue-welt-des-alten-wissens-93488047

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