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Schlaf-Geheimnisse

Im jeweiligen Schlaflabor erforschen der Arzt Alexander Kunz am Salzburger Universitätsklinikum der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität und der Psychologe Manuel Schabus an der Uni Salzburg gemeinsamden Schlaf.

Die „Vermessung des Schlafs“ einer Patientin im Schlaflabor (v. l.): Oberarzt Alexander Kunz, Universitätsprofessor Manuel Schabus. SN/andreas kolarik
Die „Vermessung des Schlafs“ einer Patientin im Schlaflabor (v. l.): Oberarzt Alexander Kunz, Universitätsprofessor Manuel Schabus.

Mit dem guten Schlaf steht es nicht so gut: Jeder/jede Vierte in Österreich leidet unter Schlafstörungen. Salzburgs führende Schlafforscher - in der Grundlagenforschung der eine, in der angewandten Forschung mit Patienten der andere - widmen sich mit unterschiedlichen Schwerpunkten, aber mit vielen gemeinsamen Schnittmengen und Projekten dem Thema Schlaf: Alexander Kunz ist Oberarzt und PMU-Lehrender an der Universitätsklinik für Neurologie, der biologische Psychologe Manuel Schabus ist Universitätsprofessor für "Schlaf & Bewusstsein" an der Uni Salzburg.

UN: Angesichts der Schlaf-Informationsflut in den diversen Medien samt unzähligen Tipps und Tricks zur Schlafverbesserung fragt sich der Laie, ob es überhaupt noch etwas gibt, was man nicht weiß über das Grundbedürfnis des Homo sapiens?
Manuel Schabus: Natürlich gibt es das, auch vieles, was man noch nicht im Detail versteht. Noch vor einigen Jahren war man ja der Meinung, im Schlaf sei man völlig inaktiv. Aber das stimmt so nicht. Das Gehirn ist in jedem Schlafstadium sehr aktiv und nimmt auch Reize wahr. An der Universität Salzburg beschäftigen wir uns vor allem mit "Schlaf und Gedächtnis", wir fragen uns, wie das Gedächtnis im Schlaf verbessert oder als Langzeitgedächtnis integriert wird und was wir im Schlaf unbewusst wahrnehmen. Es ist wohl so, dass der Schlaf dem Gedächtnis hilft, aber welche Aufgaben er tatsächlich fördert, welche Schlafphase welche Funktion hat, ist noch nicht ganz geklärt. Wir untersuchen auch den Babyschlaf, um zu verstehen, wie viel Babys bereits vor der Geburt lernen und ob sie daher auf die Stimme der Mutter bereits bei Geburt stärker reagieren. Das alles sind weitgehend unbekannte Themen im gesunden Schlafbereich.
Alexander Kunz: Die über 80 bekannten Schlaferkrankungen wechseln von der Definition her ständig, es gibt auch fast täglich neue Medikamente, die den Schlaf beeinflussen. Das ist auch ein Hauptthema unserer Forschung. Bei uns im Schlaflabor an der Universitätsklinik ist vor allem die Insomnie, also Einschlaf- und Durchschlaf-störungen, ein wichtiges Thema. Wir arbeiten auch im Bereich Wachkoma zusammen, mit Patienten, die nach einer Hirnverletzung oder einem Schlaganfall zwar einen Tag-Nacht-Rhythmus haben, aber doch im Koma liegen und auf äußere Reize schlecht bis gar nicht reagieren. Wir untersuchen auch die Auswirkungen neurologischer Erkrankungen auf den Schlaf und umgekehrt. Ein konkretes Beispiel ist das obstruktive Schlafapnoe-Syndrom, das Schnarchen mit Atempausen, ein bekannter Schlaganfall-Risikofaktor. Wir haben festgestellt, dass durch Entzündungsparameter, die durch Schnarchen entstehen, ein direkter Zusammenhang mit Atherosklerose besteht.

UN: Einige Funktionen des Schlafs kennt man, sagten Sie, andere nicht. Können Sie Beispiele dafür nennen?
Schabus: Die Impfung zum Beispiel: Wenn ich in der ersten Nacht nach der Impfung nicht schlafe, habe ich vier Wochen später 50% weniger Antikörper. Es gibt viele unterschiedliche Funktionen, die der Schlaf übernimmt - für das Immunsystem, für das Gedächtnis, für die Aufmerksamkeit, für die Regeneration, für das Abführen von toxischen Produkten - der Schlaf ist ein sehr komplexer Prozess.

UN: Wer oder was hat überhaupt das Kommando beim Schlaf - sofern er nicht künstlich herbeigeführt wird?
Kunz: Es ist ein Cocktail aus verschiedenen Transmitter-Substanzen, Botenstoffe, die Signale zwischen den Nervenzellen weiterleiten. Die einen fördern, die anderen unterdrücken den Schlaf im Zusammenwirken mit Hormonen, die über größere Distanzen wirken. Wirksam werden sie größtenteils im Stammhirnbereich, aber in sehr vielen verschiedenen Regionen bzw. kleinen Zellgruppen. Als klassisches "Schlafhormon" gilt das Melatonin. Es wird in der Zirbeldrüse erzeugt und hat einen zirkadianen, einen tagesabhängigen Verlauf über 24 Stunden. Melatonin beeinflusst also nicht die Schlafstadien, es sagt uns nur: Jetzt bin ich müde, jetzt muss ich schlafen. Die Produktion ist lichtabhängig, steigt in den Abendstunden stark an, ist über die Nacht recht hoch und fällt in den Morgenstunden ab. Je nach der Höhe des Anstiegs ist man übrigens Morgen- oder Abendmensch, das ist genetisch vorgegeben.
Schabus: Aktuell wird auch geforscht, wie sehr das Handy das Einschlafen beeinflusst, weil der Blaulichtanteil hier sehr groß ist. Es ist das "erregendste Licht" überhaupt und unterdrückt die Melatonin-Produktion. So wird der Einschlafrhythmus nach hinten verschoben, das verkürzt den Schlaf, morgens ist der Tagesbeginn ja meist fixiert. Man kann dem Gehirn den Schlaf sozusagen auch "verlernen", deshalb sind Einschlafrituale für besseren Schlaf nicht nur beim Kind, sondern auch beim Erwachsenen so wichtig.

UN: Wie - Schlaf kann man lernen und verlernen?
Schabus: Na klar, das Gehirn ist ein lernendes, ein biologisches System, das sich jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde verändert. Man nennt das Neuroplastizität. Durch gewisse Erfahrungen verändert sich diese Struktur. Ein gesunder Mensch hat für gewöhnlich ein Ritual vor dem Schlafengehen, so hat das Gehirn gelernt, Bett und Schlaf zu konditionieren. Bei Stress und Sorgen beispielsweise wird mehr vom Aktivhormon Cortison produziert und man kann nicht einschlafen. Was passiert? Der Körper, oder besser: das Gehirn, lernt sukzessive, Bett mit "nicht schlafen" zu koppeln.
Kunz: … und man gerät in einen Kreislauf, weil man sich geradezu davor fürchtet, zu Bett zu gehen und nicht einschlafen zu können. Dadurch entsteht immer mehr Stress. Man hat auch den Fernseher im Schlafzimmer oder man liest, lauter aktivierende Sachen im Bett, schaut ständig auf die Weckuhr - und plötzlich ist das Bett nicht mehr mit Schlafen verbunden, sondern mit Aktivität. Es gibt eine ganze Palette von Dingen, die den Menschen falsch konditionieren und so immer weniger schlafen lassen. Das ist ein zentraler Punkt bei der psychophysiologischen Insomnie, organische Probleme stehen oft nicht im Vordergrund. Es gibt die unterschiedlichsten Typen und Ursachen, warum jemand eine Schlafstörung entwickelt, aber es gibt noch keine individualisierten Therapien dafür.
Schabus: Auch das biochemische Set-up unterscheidet sich von Person zu Person, das gilt auch auf psychischer Ebene. Hier gibt es viele spannende Fragen, die man nur gemeinsam beantworten kann. Wenn also die Psychologen mit den Medizinern zusammenarbeiten, könnte es gelingen, maßgeschneiderte Therapien zu entwickeln.

Info: www.nukkuaa.com (Initiative für "Guten Schlaf" an der Universität Salzburg)

Quelle: SN

Aufgerufen am 20.11.2019 um 12:02 auf https://www.sn.at/leben/lifestyle/schlaf-geheimnisse-77522212

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