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Venedig ohne Seufzer

Stadt in der Lagune - Touristenhorden haben sie zum Jahrmarkt gemacht. Wer sich Zeit nimmt, findet dennoch authentische Viertel und stille Winkel.

Wer mit den Gondolieri Kaffee trinken möchte, muss früh aufstehen. SN/pixabay/skeeze
Wer mit den Gondolieri Kaffee trinken möchte, muss früh aufstehen.

Leises Glucksen dringt von draußen herein. Es ist der Kanal Rio de la Pieda. Und was da gluckert, sind die Wellen der Wassertaxis oder ab und zu die einer Gondel. Sie sind auch noch im dritten Stock des Palazzo gut zu vernehmen. Dort oben wohnen Marco und Alice Scurati. Wer in ihrem Bed & Breakfast ein Zimmer gebucht hat, der ist nah dran am lebendigen Venedig, wie es die Besucher wünschen und meist doch nicht erleben.

Ein Lastkahn mit Obst biegt um die Ecke, ein anderer fährt eine Waschmaschine - alles auf Booten, anders geht es im historischen Venedig nicht. Alles muss auf dem Wasserweg transportiert werden. Diese Szenerie, das Schaukeln des Wassers, die Zurufe der Handlanger, mag für die Besucher pittoresk sein, für die Bewohner ist es nicht so lustig: Einheimische können sich Venedig kaum noch leisten. Leer stehen die Palazzi trotzdem nicht: Sobald jemand auszieht, werden die frei werdenden Wohnungen postwendend an Touristen vermietet.

Alice und Marco Scurati haben es anders gemacht: Sie zogen schon vor 15 Jahren unters Dach in dem Palazzo am Kanal Rio de la Pieda und vermieten den Rest von Marcos elterlicher Wohnung seither als Bed & Breakfast. Den Blick in den Garten und Marcos Insider-Tipps gibt es gratis dazu. Zum Markusplatz geht man keine zehn Minuten und dennoch beginnt hier eine andere Welt: das Venedig der Venezianer.

Wer ein anderes Venedig als die Tagesgäste erleben möchte, muss früh aufstehen. Und am besten morgens schon um halb sieben aus dem Haus gehen. Nur so lässt sich der Markusplatz erleben, morgenstill und leer - mit Ausnahme des einen chinesischen Hochzeitspaars, das auf die Hochzeitsreise das Brautkleid mitgenommen hat, um noch mal ganz in Weiß auf dem Markusplatz die Hochzeitsfotos zu machen. Und die Gondolieri sind ebenfalls schon da und trinken ihren Morgenkaffee am Tresen der Bar Al Todaro; drei Stunden später wird ebendiese Bar die Preise verdreifacht haben, dafür haben die Kellner dann aber auch weiße Sakkos an. Und die Gondolieri sind längst bei der Arbeit.

Straßenkehrer fegen die "goldene Meile" zwischen Dogenpalast und Rialtobrücke blitzblank für den kommenden Tag. Jenseits der berühmtesten Brücke der Welt beginnt der Rialtomarkt. Etwas versteckt hinter dem Souvenir- und Ramschmarkt formen die Stände des Stadtmarkts von Venedig ein buntes Bild. In der Ruga Oresi wetteifern die Gemüsehändler. Zucchini und Artischocken, Kräuter und Weinbergschnecken wechseln hier den Besitzer.

Gleich daneben in der Ruga dei Spezieri, der Straße der Gewürzhändler, wehen dem Besucher der Duft von Safran und Minze, aber auch von frisch gerösteten Kaffeebohnen um die Nase. Rechter Hand, Richtung Canal Grande, lockt der Fischmarkt. Seezungen und Krabben, Tintenfische, aber auch die in Venetien so beliebten "Canoce", Fangschreckenkrebse, warten hier appetitlich drapiert auf Käufer. Auch dort heißt es früh dran sein; seit 1000 Jahren beginnt der Fischmarkt, die "Pescheria", täglich außer sonntags um kurz nach sieben Uhr.

Zwischen halb acht und halb zehn kaufen die Venezianerinnen ein. Wem dann nach einer kleinen Stärkung ist, dem sei gleich hinter der Fischhalle ein Bummel durch den Stadtteil San Polo empfohlen, vielleicht auf einen Giro d'Ombre, einen Kneipenbummel - nach alter Venezianer Sitte durchaus auch schon frühmorgens. Ombra heißt Schatten und erinnert an die fliegenden Weinhändler, die mit ihren Fässern immer dem Schatten des Campanile um den Markusplatz folgten. Wer in Venedig auf einen "Schatten" geht, der trinkt ein Glas Wein, am besten mit Cicchetti, der hiesigen Variante der spanischen Tapas. Diese Appetithappen können mit Schinken belegt sein, mit Käse oder ganz original mit Stockfischmousse.

Der älteste dieser venezianischen "Bacari", also Weinschenken, ist die Cantina Do Mori in San Polo 429 gleich hinter dem Fischmarkt. Straßenadressen gibt es im historischen Venedig nicht, jedes Viertel ist komplett durchnummeriert - aber gottlob ein Karree meist in einem Hunderterblock. Do Mori, so viel sei verraten, finden Sie in der Calle di Do Mori. Auch nach einem Inhaberwechsel gibt es dort weiter die besten Cicchetti al baccalà und einen vernünftigen Prosecco aus dem Venezianer Hinterland.

Nur ein paar Schritte weiter im Gewirr der Marktgassen gelangt man zur Osteria All' Arco in San Polo 436. Hier werden liebevoll Crostini mit Käse, Pilzen und Trüffel angerichtet, und - man kann auch draußen sitzen. Oder man macht es wie die meisten Einheimischen: Man stellt sich nur schnell an die Theke und isst ein Häppchen zu seinem Gläschen Wein.

Und dann? Inzwischen sind natürlich die Busgruppen gekommen, am Markusplatz ist längst kein Durchkommen mehr. Jetzt könnte man als Erster schon um 10 Uhr früh im Museum Collezione Peggy Guggenheim den berühmten nackten Reiter von Marino Marini bewundern, dessen bestes Stück angeblich ursprünglich abschraubbar war - für die Tage, an denen der Kardinal das Museum besuchen kam.

Man könnte mit dem Vaporetto, dem Linienbus-Boot, auf die kleinen Inseln in der Lagune fliehen. Oder man könnte da bleiben und Gondel fahren. Das ist zwar der pure Nepp, aber wenigstens kostet es überall das Gleiche: 95 Euro, ab Einbruch der Dunkelheit 119 Euro. Aber Venedig ohne Gondeln, das geht doch nicht. Oder doch? Wer keine Lust hat, so viel Geld für ein wenig Klischee auszugeben, für den gibt es die Gondelfähren. Einmal Übersetzen über den Canal Grande dauert damit zwar nur drei Minuten, dafür zahlt man aber auch nur zwei Euro. Und viel billiger ist in Venedig, der überlaufensten Stadt der Welt, garantiert nichts.

Quelle: SN

Aufgerufen am 16.01.2019 um 06:08 auf https://www.sn.at/leben/lifestyle/venedig-ohne-seufzer-40352059

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