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Voggenberg mon amour

Steil. Nördlich von Salzburg verstellt der Voggenberg den Blick ins Rennradparadies. Ein Unscheinbarer, der das Laktat in die Beine schießen lässt.

Brian Johnson schreit ins Ohr. "She was a fast machine, she kept her motor clean." Schön. Und gut. Und vor allem laut. Im Hämmern der Rockmusik höre ich meine Beine nicht. Die Playlist für die radikale Quälerei am Stadtrand ist sekundengenau getimt. Wenn ich nach knapp acht Kilometern von daheim mitten in der Stadt konsequent gleichmäßig trete und in Bergheim die letzten sanft ansteigenden Meter auf der Furtmühlstraße fahre, kommen nach Kraftwerk gleich AC/DC. Und dann kommt die scharfe Rechtskurve hinein zwischen die Häuser von Hintergitzen, die sich an den Sonnenhang schmiegen. Hier beginnt der Voggenberg.

Nach 2,3 Kilometern ist man oben. Knapp 200 Höhenmeter. Das ist kein mythischer Anstieg der Radsportgeschichte, aber eine Legende für Locals und das steile Tor zum Flachgau. Und also gehört er oft zum Ausfahrtsprogramm, wenn es von Salzburg in den Norden geht und man nicht gelangweilt an der Salzach seine Kilometer flach abspulen will. Der "Voggi" ist die steile Hürde vor dem sanften Hügelland.

Der Voggenberg - 581 Meter hoch - gehört nicht zu den Legenden, hier gab es keine epochalen Rennentscheidungen für die Geschichtsbücher. Hier kämpft jeder für sich. Trotzdem fühlen sich die ersten 400 Meter an wie die ersten Meter nach der Haarnadel kurz nach dem Campingplatz "5 étoiles Isère", wo die D211 scharf nach rechts biegt. Dort ist der Kopf jener Schlangenstraße hinauf nach Alpe d'Huez, einer Legende des Rennradfahrens. In die Beine schießt der Schmerz am "Voggi" wie in der harten Linkskurve im Weiler Saint-Estève an der Südflanke des Mont Ventoux, dem Ort, wo Tom Simpson 1967 noch einmal in einer kleinen Bar nachgeladen hat, bevor oben in der Wüstenlandschaft unterhalb des Gipfels die Sonne den Mix aus Alkohol und Amphetaminen zum tödlichen Überkochen brachte. Wer sich solchen Anstiegen nähert, weiß, was passiert. Am "Voggi" weiß man das auch - und lässt sich täuschen von seiner Kürze.

Der Schmerz der ersten Tritte wird nicht nachlassen. Es hilft auch nicht, dass der Voggenberg zwischendrin Schonung erlaubt. Nach etwa 600 Metern wird es erholsam flacher. Das ist bloß Tarnung. Vor dem Ende zieht es wieder mächtig an. Oben geht der Blick über den Luginger See und den Ragginger See weit in den Flachgau, hinaus in ein Rennradparadies. Wer das Laktat unter Kontrolle bringt, nimmt einen der vielen Wege Richtung Haunsberg. Wer Schonung braucht, bleibt auf den Höhenrücken, schaukelt sanft Richtung Obertrum und Mattsee. Da sind AC/DC schon wieder verstummt. Da kommen auf der Playlist Yes, "Owner of a Lonely Heart". Dieses Herz rast sich erst mit der ersten Abfahrt wieder zurück in einen erträglichen Rhythmus.

Aufgerufen am 25.04.2019 um 08:01 auf https://www.sn.at/leben/lifestyle/voggenberg-mon-amour-68532229

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