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Warum Laufen süchtig machen kann

Ausschüttung von Hormonen. Wenn das regelmäßige Laufen Glücksgefühle beschert.

Laufen als „Droge“ SN/Maridav - stock.adobe.com
Laufen als „Droge“

"Das gute Gefühl" nennen viele als Grund dafür, sich regelmäßig in ihr Laufgewand und nach draußen zu begeben. Die positiven Auswirkungen auf die Psyche führt man heute insbesondere auf einen Vorgang zurück: die Ausschüttung von Hormonen. Gebildet in unterschiedlichen Teilen des Körpers, haben sie die Aufgabe, den Körper auf die Außenwelt angemessen reagieren zu lassen. So auch beim Sport. "Wer anfängt zu laufen, bemerkt sofort eine physische Belastung. Die Herzrate und die Atemfrequenz erhöhen sich, der Kreislauf wird mehr beansprucht", beschreibt Susanne Ring-Dimitriou, die im Bereich Trainings- und Bewegungswissenschaft an der Universität Salzburg forscht und unterrichtet. "Diese Veränderungen passieren durch die Hormone Adrenalin und Noradrenalin, die den Körper aktivieren. Man fühlt sich wach und ist mit seiner Aufmerksamkeit voll da."

Der Fett- und Kohlenhydratstoffwechsel
Wer bei einer niedrigen Intensität läuft und sich dabei noch unterhalten kann, fördert seinen Stoffwechsel, insbesondere den der Fette. Grund dafür ist Cortisol - eigentlich ein stressbedingtes Hormon. Der Grund dafür ist einfach: "Für den Körper bedeutet Sport Stress", erklärt Ring-Dimitriou, "es ist eine Belastungssituation, auf die er sich einstellen muss. Je besser er daran gewöhnt ist, umso schneller kann er reagieren." Wird die Intensität beim Sport gesteigert, wird das Cortisolsignal vermehrt unterdrückt. Stattdessen sorgt nun das Hormon Insulin dafür, dass Energie in Form von Kohlenhydraten für die Muskeln bereitgestellt wird. Statt auf Fett greift der Körper nun auf Zucker zurück.

Während ungeübte Läufer über die genannten Hormone zumeist nicht hinausgelangen und durch die ungewohnten Anstrengungen eher ungünstigen Gefühlslagen ausgesetzt sind, sieht die Situation für besser Trainierte anders aus. Hier kommt es durch eine Vielzahl von Hormonen zu regelrechten Glücksgefühlen. Ein Auslöser für das tolle Gefühl, wenn es "gut läuft", ist Dopamin, das auch als Glückshormon bezeichnet wird: "Glückshormone belohnen ein Verhalten und geben einem das Gefühl, genau das Richtige zu tun. Damit motivieren sie auch, Handlungen zu wiederholen." Die gute Durchblutung, frische Luft und das Gefühl der Selbstwirksamkeit führen zu einer Verbesserung der Gefühlslage. Das erfordert keine Spitzenleistung und passiert bereits bei entspannten Läufen, "dann, wenn es eine spürbare und doch bewältigbare Belastung darstellt".

Körpereigene "Drogen"
Leidenschaftliche Läufer bezeichnen den Sport mitunter gern als "Droge" - und liegen damit in Sachen Hormonen richtig. Denn tatsächlich kommen bei geübten Läufern Cannabinoide zum Einsatz. Stoffe, die sich in der Cannabispflanze finden und für Drogen verwendet werden, die der Körper jedoch auch selbst herstellen kann. "Dazu kommt es aber nur bei wirklich erfahrenen Läufern, die in der Lage sind, eine Belastungsintensität im Bereich der anaeroben Schwelle zu laufen und beizubehalten. Das bedeutet, 40 Minuten oder länger einen Puls von 160 bis 180 aufrechtzuerhalten." Der Hormonmix aus Cannabinoiden und Endorphinen, der in der Lage ist, Schmerzen zu betäuben, führt zu einer euphorischen Stimmungslage - auch bekannt als das sogenannte Runner's High.

Feinere Wahrnehmung und besseres Immunsystem
Auch die körpereigenen Abwehrkräfte werden durch Hormone beeinflusst. Bei regelmäßiger sportlicher Belastung verbessert sich die Leistung der Rezeptoren, die die Wirkung der Hormone an die Zellen weitergeben. "Die Rezeptoren erhalten Signale aus der Umgebung, zum Beispiel ,zu hohe Temperatur', ,zu wenig Wasser' oder ,zu geringer Sauerstoff', und reagieren entsprechend." Bei häufiger sportlicher Aktivität werden diese Immunrezeptoren mit der Zeit empfindlicher und können schneller und besser agieren. Dabei können sie allmählich auch an Größe und Zahl zunehmen. Nach und nach verbessert sich so das Immunsystem, kann sich rascher auf die Einflüsse seiner Umwelt einstellen und ökonomischer arbeiten. "Es muss immer wieder mit körperlicher Belastung umgehen und wird so gestärkt. Insofern trainiert man beim Laufen auch das Immunsystem und stärkt die Abwehrkräfte."

Liebe zum Laufen: Interview mit Sportmediziner Josef Niebauer

Josef Niebauer SN/schrofner
Josef Niebauer

Wer regelmäßig laufen geht, verspürt einen regelrechten Drang danach. Josef Niebauer vom Uniklinikum Salzburg kann das erklären.

Was begeistert Läufer an ihrem Sport? Josef Niebauer: Bei Sportlern spielt das Flow-Gefühl eine große Rolle. Das Rhythmische beim Laufen löst ein Gefühl der Harmonie aus - dieses Gefühl wünschen sich die meisten. Außerdem sieht man wieder den Wald, nicht mehr nur einzelne Bäume.

Wie meinen Sie das? Durch die Bewegung denkt man anders über die Dinge nach. Man erhält oft einen anderen Blickwinkel und sieht wieder Lösungen, wo vorher Probleme waren.

Spielt auch die bessere körperliche Leistung eine Rolle für die Psyche? Definitiv. Körper und Psyche lassen sich kaum voneinander trennen. Der Körper spürt, er ist gewappnet für Belastungssituationen - das stärkt das psychische Wohlbefinden.

Aufgerufen am 24.09.2020 um 06:14 auf https://www.sn.at/leben/lifestyle/warum-laufen-suechtig-machen-kann-86842342

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