Lifestyle

Wie die Erdäpfel heimisch wurden

Lungauer Eachtling werden geschätzt von alters her, aber den ersten Anbau hierzulande wagten die fortschrittlicheren Bauern im Pfleggericht Hüttenberg/St. Gilgen.

Spanische Seefahrer hatten die Kartoffel in nutzbarer Menge im 16. Jahrhundert mit Gold und Silber aus Südamerika mitgebracht. Anfangs dienten Kartoffeln als Zierpflanzen in höfischen Gärten; Marie Antoinette schmückte nicht ungern ihr Haar mit den Blüten.

Erdäpfel, wie wir sie im Salzburgischen nennen, gedeihen auch auf kargen Böden, widerstehen dem Hagel, sind nahrhafter als Getreide, schmackhaft, kalorienarm und gesund.

Dies erkannte der Preußenkönig Friedrich der Große als einer der Ersten, Kartoffeln waren relativ billige "Sattmacher", insbesondere auch für seine Soldaten.

Bei uns in Salzburg erfolgte ihre Einführung allerdings recht spät, wiewohl der Landesfürst, Erzbischof Hieronymus Colloredo (1772-1803), den Anbau energisch propagierte. Im Lungau setzten sich der Pfleger Ferdinand von Pichl und Pfarrer Kröll - zunächst ebenfalls mit mäßigem Erfolg - für die Eachtling ein. Erst nach einigen Jahrzehnten, so schreibt der Chronist, "wurden deren Namen (Pichl/Kröll) deshalb später, besonders in Missjahren, hochgepriesen". Lokale Hungersnöte, Getreideteuerungen und die Folgeschäden der Napoleonischen Kriege vermochten schlussendlich die bockige Landbevölkerung zu überzeugen.

Es gab ja allüberall große Vorurteile: Der giftige Oberteil der Pflanze enthalte den "Speichel des Teufels". Die Knechte brauchten eher "fette Schmalzkost", so die Sicht der Walser Bauern. Ein Vorarlberger Priester sah die "fleischliche Begierde" überhandnehmen, überdies komme so eine Frucht in der Heiligen Schrift gar nicht vor. Also bestenfalls Schweinefutter.

Aufgeklärtere Zeitgenossen beklagten im "Intelligenzblatt", das weit über Salzburg hinaus gelesen wurde, das Desinteresse und sparten nicht mit Anregungen: für jeden Gau einen Gärtner, der die Leute anleitet, in den Schulgärten und hinter den Kasernen anzubauen, für die "heller denkenden Erdäpfelbauern" eine kleine Prämie …

Domherr Graf Spaur warb ebenso für das "wohlthätige Erdgewächs" wie der Michaelbeurer Pater M. Berndl. Einmal suchte die Zeitung den Ehrgeiz mit der Meldung anzustacheln, dass vom Mühlviertel "ungeheurige Schiffsladungen nach Wien gehen", wo man anscheinend schon auf den Geschmack gekommen sei.

Als Erdäpfel-Missionar schlechthin wirkte der Klessheimer Hofgärtner Benedikt Meßmer, der schon 1784 über vier Sorten verfügte und viel Saatgut verschenkte. In einer Werbeschrift verfasste er eine "Theoretische und praktische Anweisung zur Verbreitung des Erdäpfelbaues": vom Anlegen der Furchen bis zur Verwertung in der Küche. (Sein Grabstein steht übrigens in der Siezenheimer Kirche.)

Nachhaltigere Wirkung hatte schließlich das Saatgut, das Franz I. im Hungerjahr 1816 verteilen ließ, besonders in den Pfleggerichten St. Johann und Taxenbach (die Flachländer waren ja schon überzeugter). "Die Freude war von Seiten der Untertanen so groß, dass jeder einen Kaiser-Erdapfel haben wollte", berichtete der Pfleger vom Erfolg.

Aber schon bald - der ärgste Hunger war gestillt! - griff ein Büchlein das "zweitstärkste Motiv" auf: "Die Erdbirne - bürgerlichen Mädchen für diätische Zwecke empfohlen." (Über die letztliche Wirkung dieser Botschaft wissen die Quellen aber wenig.)

Von 1830 bis 1967 vergrößerte sich jedenfalls die Anbaufläche im Land Salzburg immerhin auf das Fünffache.

Der Schöngeist Matthias Claudius fürs Poesiealbum: "Schön rötlich die Kartoffel sind und weiß wie Alabaster … für Mann und Frau und Kind ein rechtes Magenpflaster."

Quelle: SN

Aufgerufen am 11.07.2020 um 01:43 auf https://www.sn.at/leben/lifestyle/wie-die-erdaepfel-heimisch-wurden-41425924

Kommentare

Schlagzeilen