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Wird der guten Küche bald endgültig der Garaus gemacht?

Die Zubereitung einer Suppe richtet sich nicht nach dem Gesetz, sondern danach, wann sie fertig ist. Wer hat noch die Zeit dazu?

Es war ein verzweifelter Hilferuf, der viele Menschen aus der Küche von "Butterlins Restaurant" erreichte. Das Lokal befindet sich im schwäbischen Ostfildern. Es gehört dem Elsässer Jean Remy Butterlin. Sie wissen ja: Elsässer und Franzosen im Allgemeinen haben ein ausgeprägtes erotisches Verhältnis zum Essen. Sie halten sich diesbezüglich nicht mit billigen Dirnen der Nahrungsmittelindustrie auf. Franzosen machen schon den Einkauf ihrer Zutaten zu einem prickelnden frivolen Schauspiel. Da wird hingebungsvoll an Obst und Gemüse geschnüffelt und lüstern auf Fleisch gestarrt. Und erst der Anblick, wenn ein Franzose zart über die Kiemen eines Fisches streicht, um dessen Frische zu überprüfen ... - mon dieu!

Französische Köche haben es noch halbwegs gut. Weil ihre Gäste eben Bescheid darüber wissen, dass frische Speisen einen Wert haben. Diesen Wert heruntersetzen zu wollen, das käme dort einer Blasphemie gleich.

Franzosen haben aber auch kein Problem damit, wenn sie durchschnittlich 30 Prozent ihres Einkommens für Restaurantbesuche und für ihr Essen daheim ausgeben. In Österreich und Deutschland sind das gerade einmal zehn bis 13 Prozent. Tendenz fallend. So erhielt auch Butterlin in Ostfildern an einem trüben Vormittag einen tristen Anruf. Ein Kunde wollte wissen, ob er den Preis des bestellten Hochzeitsmenüs auf 20 Euro drücken könne. Butterlin installierte daraufhin eine Handykamera in seiner Küche, schabte ein paar frisch gemachte Spätzle in einen Topf und ließ gehörig Dampf ab: "20 Euro? Wie soll das gehen?", fragte er in seinem millionenfach geteilten Video. "Bei mir ist alles frisch. Bei mir gibt es kein Scheiß-Fast-Food, wo die Leute nach dem Essen Flecken im Gesicht haben. Dafür beginnt für mich der Arbeitstag um sechs Uhr früh, enden tut er Mitternacht." Dann stellte sich der sichtlich frustrierte Koch die Frage, was das für eine Gesellschaft ist, wenn Menschen zwar einen Weber Grill um 1000 Euro kaufen - und dann daheim Billigfleisch vom Diskonter draufwerfen, wo das Fleisch billiger ist als das Gemüse.

Wie es zu dieser Entwicklung kommen konnte, das wollte die Teufelsküche vom Werfener Koch Rudi Obauer wissen. Er meinte, das sei leicht erklärt: "Die Zubereitung einer guten Suppe richtet sich nicht nach dem Arbeitszeitgesetz, sondern danach, wann sie fertig ist." Also kaufen heute immer mehr Köche Fertig- und Billigprodukte. Und damit es ganz schnell geht, konstruiert die Industrie schon Dialoggarer. Diese kochen mit elektromagnetischen Wellen. Apropos Wellen. Wissenschafter schätzen, dass es in Europa wegen des Ausbaus des 5G-Netzes bald bis zu 20 Milliarden neue Drahtlosanschlüsse gibt. Spätestens dann dürfte sich unser Essen zum Nulltarif garen.

Quelle: SN

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