Reisen

Aphrodites Farbpalette

Es war vielleicht kein Zufall, dass die griechische Göttin der Liebe, Schönheit und Sinnesfreude ausgerechnet auf Zypern dem Meer entstiegen ist.

Wie vor 100 Jahren lebt es sich in Tochni. SN/thiel
Wie vor 100 Jahren lebt es sich in Tochni.

"Das hier ist mein Paradies, das werde ich nie verlassen." Die alte Eflamia, die von allen nur Yaja, also Großmutter, genannt wird, überprüft behutsam den Reifegrad der Orangen, pflückt einige Früchte, schält sie und reicht sie den Besuchern. Eflamia bedeutet übersetzt "die Erleuchtete", so wirkt sie auch ein wenig auf die Besucher. Der Geruch im Orangenhain ist betörend, man verzichtet aufs Reden und gibt sich ganz dem olfaktorischen Hochgenuss hin. Weithin leuchten die orangen Früchte, gleichzeitig stehen die Bäume in voller Blüte. Bienen und Schmetterlinge schwirren und summen und flattern in einer Intensität, die einem Städter völlig fremd ist.

Die ganze Insel ist im Frühjahr von einem gelben Teppich überzogen. Gelbe Margeriten, meterhoher wilder Fenchel, gelb blühende Mimosenbäume, dazwischen roter Mohn, blau blühende Kamelfußbäume, weiße Orchideen, blasslila Malven. Und dann wächst hier auch der rosa Pfeffer: Prächtige Beeren hängen in dichten Dolden zwischen den zartgrünen, gefiederten Blättern des Pfefferbaums. Und im Landesinneren wartet das Troodos-Gebirge mit einer reichen Grün-Palette auf: Pinien, Schwarzkiefern, Zedern, Zypressen, Platanen, Goldeichen und Johannisbrotbäume verpassen den vielfältigen Schattierungen des vulkanischen Gesteins immer wieder kräftige, grüne Farbkleckse.

Im Frühsommer, wenn sich die Strände von Paphos, Ayia Napa und Protaras mit Gästen füllen, wird die Farbenvielfalt abgelöst von dem silbrig schimmernden Grün der Olivenbäume. Ihre knorrigen Äste - manche von ihnen sind viele Hundert Jahre alt - zeichnen hübsche Muster vor der Kulisse des je nach Tageszeit und Sonneneinstrahlung türkis, dunkelblau oder grünblau leuchtenden Meeres. Als hätte ein mythischer Künstler allein auf dieser Insel seine Farbpalette ausprobiert.
Und auch abseits des quirligen Strand- und Nachtlebens der Hochsaison ist es weiterhin ruhig und beschaulich, mitnichten aber langweilig. Wer seine heilige Ruhe möchte, findet diese. Etwa in den zahlreichen Unterkünften im Landesinneren, allen voran in kleinen, feinen Agrotourismus-Betrieben.

Sofronis Potamitis entwickelte vor 25 Jahren das Konzept "Cyprus Villages". Das sollte der ländlichen Bevölkerung Arbeit und somit eine Perspektive verschaffen. Und so arbeitet er mit Bauern und Fischern zusammen, baut selbst Obst, Gemüse und Kräuter an. "Wir möchten, dass unsere Gäste Teil des zypriotischen Lebens werden, dann fühlen sie sich richtig wohl", sagt der energiegeladene Sofronis überzeugt. Mitanpacken ist auch erlaubt, ja sogar erwünscht. "Wir freuen uns, wenn jemand in der Landwirtschaft oder der Käserei mithelfen möchte." Spricht's, grinst und bietet seinen Gästen knallrote Erdbeeren an. Authentisch ja, aber nicht ohne Komfort: Seine Häuser verfügen über Swimmingpools, bieten Spa-Anwendungen, Freizeitaktivitäten, Auto- und Fahrradverleih und sogar lokale Tavernen, wo sich die zypriotische Küche in der von der Natur inspirierten Farbenpracht auf das Angenehmste genießen lässt.

Stundenlanges Schlemmen - das passiert, wenn "Mezes" aufgetischt werden, eine schier endlose Abfolge von kleinen Gerichten. Das entzückt nicht nur das Auge, die bunten, appetitlichen Häppchen verzaubern vor allem den Gaumen. Der Schmaus gipfelt in einem Hauptgericht aus Fisch oder Fleisch und endet mit einem im "Briki", einem langstieligen Kupferkännchen, über heißem Sand gebrauten Kaffee. Wer diesen nicht allzu süß mag, sollte ihn unbedingt mit dem Zauberwort "metrios" bestellen.

"Ich habe die Insel 1994 entdeckt", sagt Thomas Wegmüller. "Das schöne Wetter mit mindestens 300 Sonnentagen im Jahr, das herrliche Essen, die guten Weine, das schimmernde Meer, authentische Dörfer, Klippen und Canyons, wunderschöne Strände und Sandbuchten, Zypern ist perfekt für Radfahrer." So klingt die Begeisterung eines ehemaligen Schweizer Radrennprofis. Für mehrtägige Inselerkundungen auf dem Fahrrad bedarf es dennoch einiger Kondition und einer professionellen Planungshilfe, weniger ambitionierte Pedalritter beschränken sich auf Tagesausflüge. Ein ausgedehntes Wegenetz für sowohl Straßenfahrer - Achtung, Linksverkehr - als auch Mountainbiker steht zur Verfügung. Dann liegt es nur mehr an der Wadelkraft, um diese bunt schillernden Landschaften mit den geschichtsträchtigen Kulturstätten der Insel zu erobern.


Information

Flug: flyNIKI ab Wien oder München, Fahrräder können gegen Voranmeldung und ev. Gebühr mitgenommen werden.
Essen: Authentisches Mezes-Essen bietet "Kyra Yiorgena", Tel. 99467217. Wenn Gitarrist Andreas griechische und zypriotische Lieder singt und anschließend zum Sirtaki bittet, bleibt kein Einheimischer sitzen.
"Carob Mill" in der quirligen, modernen Altstadt von Lemesos (www.carobmill-restaurants.com) bietet in einer ehemaligen Johannisbrotmühle authentische Küche mit temporärem Touch.
Schlafen: Traditionelle Ferienhäuser, auch im Angebot von Jahn Reisen: www.cyprusvillages.com.cy

Angebote: Jahn Reisen, www.jahn-reisen.at; bikeCyprus unter der Leitung von Thomas Wegmüller organisiert geführte und individuelle Radreisen, www.bikeCyprus.com

Infos zu Land und Leuten: Fremdenverkehrszentrale Zypern, www.visitcyprus.com

Aufgerufen am 02.12.2020 um 04:54 auf https://www.sn.at/leben/reisen/aphrodites-farbpalette-93326191

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