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Bangkok: Eine Ära verdampft

In Bangkok brodelt es. Die Behörden wollen nämlich den traditionellen Straßenküchen den Garaus machen.

In einer roten Brühe schwimmen Schweinefleischstücke neben Fischbällchen und Reisnudeln. Tintenfischteile räkeln sich zwischen frittiertem Tofu und Wasserspinat. Eine Chiliwolke steigt auf. Für seine berühmte Fischsuppe hat Peti alle Hände voll zu tun. Jeden Tag fährt er durch die halbe Stadt nach Chinatown, um seine kleine Garküche zu betreiben. Sechs bis zehn Stunden muss er die Suppe täglich vorbereiten. Dafür stehen die Kunden am Abend Schlange.

Garküchen gehören zum Bild der thailändischen Hauptstadt wie ein Pfarrer in die Kirche. Der Fernsehsender CNN kürte Bangkok kürzlich wieder zur Stadt mit den weltweit besten Straßenküchen. Trotzdem wollen die Behörden den Köchen einen Strich durch die Rechnung machen.

Sie haben der Tradition der Straßenküche den Kampf angesagt. Die Kampagne ist Teil einer größeren "Aufräumaktion" der Militärregierung, mit der sie das Image Thailands aufpolieren will. Zu dreckig seien die Küchen auf Rädern, ist eines der Hauptargumente der Bangkok Metropolitan Administration (BMA). Jeder Straßenverkäufer müsse weg, in den 50 Stadtbezirken sollten Sicherheit und Sauberkeit oberste Priorität haben, ließen sie verlauten. Strafen von umgerechnet 55 Euro drohten sie an. Ein ordentliches Stadtbild solle in Bangkok hergestellt werden.

Auch frittierte Insekten sind dabei

Tatsächlich bleibt oft nur ein halber Meter Platz für Fußgänger zwischen Garküche und viel befahrener Straße. Müllberge türmen sich im berühmtesten Viertel für die schnelle Küche, in Chinatown. "Yaowarat" nennen die Einheimischen diese Gegend. Zu Häppchen drapierte Früchte finden sich da neben Grillspießen und Suppen. Auch frittierte Insekten sind dabei: Bambusmaden, Seidenraupen oder Heuschrecken. Touristen können eine "Streetfood-Hopping-Tour" buchen.

Thailand ist Spitzenreiter bei Straßenküchen.  SN/sabrina glas
Thailand ist Spitzenreiter bei Straßenküchen.

Ein Tourguide bringt die Touristen zu den sieben besten Plätzen der Straßenküche. Knapp 35 Euro zahlt man dafür. Dreieinhalb Stunden schiebt man sich dann zwischen Einheimischen und Touristen durch die "Dragon Street". Zu Beginn der Straße gibt es nur ein paar Küchen am Wegrand. Je weiter man zum "Bauch des Drachens" vordringt, desto dichter wird die Menschenmenge, die sich zwischen den Garküchen hindurchdrängt.

Nicht nur beim Tee eine Stadt der Extreme

Peti arbeitet flink in seiner mobilen Küche. Während er die frischen Reisnudeln in die Fischsuppe rührt, umhüllt der Dampf sein Lächeln. Ein Stückchen weiter im Canton House werden Dim Sums in Bambuskörben serviert. Die kantonesischen Teigtaschen gibt es in grellem Grün, sie sind groß genug für genau einen Bissen. Zwischendurch soll ein Kräutertee die Balance zwischen Heiß und Kalt im eigenen Körper herstellen. Reiseleiter Top hängt an den Lippen seiner Gruppe, während diese kostet. Und er lacht herzhaft, als er merkt, dass den bitteren Teegeschmack keiner so recht verträgt. Es gibt auch eine andere Möglichkeit als herbe Kräuter: einen Chrysanthemum-Tee - so süß, dass er schon im Mund die Geschmacksnerven aneinanderklebt.

Bangkok ist nicht nur beim Tee eine Stadt der Extreme: Bei den Garküchen kaufen sich die Einwohner Nudelsuppen für 50 Baht, umgerechnet etwa 1,30 Euro. In nahen Restaurants müssten sie dafür das Hundertfache auf den Tisch legen. "Bei beidem kann man satt werden", sagt Top. Er verliert seine positive Einstellung auch bei dem extremen sozialen Gefälle in der Stadt nicht.

Thais nennen ihre Haupstadt "Stadt der Engel"

Dabei spricht er gern in Metaphern. Wenn es darum geht, aufs Klo zu gehen, umschreibt er es gern mit "Blumen pflücken" und "Elefanten schießen". Wenn er auf einen Park deutet, nennt er ihn die "Lunge Bangkoks". Nicht nur Top spricht so, ihre Hauptstadt nennen alle Thais liebevoll "Krung Thep" - Stadt der Engel. Und sie lieben ihr Zuhause: "Ich muss noch mindestens zehn Mal wiedergeboren werden, damit ich alles in Bangkok erleben kann", schwärmt Top.

Die berühmten „Klongs“ in Bangkok. SN/glas
Die berühmten „Klongs“ in Bangkok.

Pflaumenstadt heißt Bangkok wörtlich übersetzt. Die Stadt ist Sumpfgebiet, vieles, was früher ein Kanal war, ist heute Straße. Es gibt sie aber immer noch, die berühmten "Klongs" - das thailändische Wort für Kanäle. Über 1000 davon schlängeln sich durch die Metropole. Top spricht das Wort aus, als würde seine Zunge das Innenleben einer mächtigen Kirchenglocke bändigen. Hier summt die Melodie der Stadt, alles ist überall gleichzeitig.

Eine Stadt, die nach oben strebt

Sosehr das Boot sich anfangs noch durch den Fluss peitscht, so ruhig schmiegt es sich in die Arme der Kanäle und nimmt einen mit in das "alte" Bangkok. Das ursprüngliche, von Pflanzen umschlungene Bangkok, dessen kleine Wellblechhäuser die Klongs säumen, verbunden durch Brücken, die an Venedig erinnern. Thais, die ihr Wohnzimmer mit offenen Türen bewohnen, Einblicke in ihr Leben gewähren.

Heute strebt die Stadt nach oben. Statt Bäumen zieren Hochhäuser das Ufer. Mehr als acht Millionen Einwohner wohnen in der Metropole, dazu kommen mindestens fünf Millionen unangemeldete. Eine halbe Million von ihnen seien Betreiber von Garküchen, sagen Schätzungen. Ein mobiler Stand, ein Topf und ein Kochlöffel genügten bisher, um Teil dieser kulinarischen Tradition zu werden.

Daran stoßen sich die Behörden. Im aktuellen Streit wird aber wohl nicht so heiß gegessen wie gekocht. Schon jetzt rudert die offizielle Seite zurück. Der internationale Aufschrei war zu groß, die Emotionen kochten zu hoch. Kritiker warnten vor dem Verlust einer einzigartigen Essenskultur.

Das Resultat: Es soll kein generelles Verbot geben. Auf Hygiene und Ordnung soll dennoch mehr als bisher geachtet werden. Einige Betreiber von Garküchen haben ihre Stände um ein paar Meter nach hinten in Seitenstraßen verlegt, das beruhigte die Situation. "Garküchen werden nie verschwinden", sagt Top. Die einfachen Menschen seien zu sehr darauf angewiesen.

Bei den Mieten gibt es ein ähnliches Gefälle wie beim Essen. Zu horrenden Preisen werden Luxuswohnungen angeboten. Für eine der berühmten "Schuhkartonwohnungen" zahlt man so viel wie für ein Essen in Chinatown. Kein Fenster findet sich darin, die Toilette ist auf dem Balkon. Für eine Küche gibt es da keinen Platz.

Für die weltweit beste Straßenküche bekannt: Die Dragon Street in Bangkok. SN/glas
Für die weltweit beste Straßenküche bekannt: Die Dragon Street in Bangkok.

Es gibt zu jeder Tageszeit etwas zu essen

Auch Top isst jeden Tag in einer der Frischluftküchen, ins Restaurant geht er selten. Zu Hause besitzt er nur einen Kühlschrank und eine Mikrowelle. Im Gegensatz zu anderen Weltregionen spielt der Stand der Sonne beim Essen in Bangkok keine Rolle - es gibt zu jeder Tageszeit etwas zu essen und auch immer die gleiche Auswahl.

Morgens, mittags und abends Reis mit etwas drauf: Fleisch, Gemüse, Chili. Und natürlich Nudeln. Abwechslung kümmert die Thailänder wenig. "Das Lächeln ist ohnehin das Wichtigste", sagt Top. Das sei ganz normal hier. Das werde den Thais schon in die Wiege gelegt - "das Leben lässt sich so viel leichter meistern".

Auch Peti lächelt, während er seine Fischsuppe rührt. "Sa-wa-di-kap" deuten seine Lippen an - die Begrüßung der Thais. Dazu faltet er die Hand, eine kleine Verbeugung symbolisiert eine Lotusblume. Der Duft seiner berühmten Fischsuppe mischt sich mit Abgasen der knatternden Tuk-Tuks. Alles geschieht gleichzeitig. Menschenmassen schieben sich durch die Straßen, Highways schlingen sich ineinander, am Eck betet ein Mönch.


Aufgerufen am 21.10.2018 um 03:33 auf https://www.sn.at/leben/reisen/bangkok-eine-aera-verdampft-19802632

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