Reisen

Bei Kopfjägern außer Dienst

Der Kopfjagd haben die Naga abgeschworen, ihre anderen Traditionen aber pflegen sie im indischen Bundesstaat Nagaland weiterhin.

"Kopflos bist eh schon, also kann dir dort nicht viel passieren", meinten gute Freunde beruhigend, als sie erfuhren, dass es mich ins Nagaland zieht. Ja, wer einstige Kopfjäger besuchen will, muss solche Scherze mit Fassung tragen. Tatsächlich aber ist die Gefahr eines Hauptverlustes äußerst gering. Vor einem Jahrhundert schon haben US-amerikanische Baptisten-Missionare den Naga die Jagd nach menschlichen Erinnerungsstücken ausgeredet und sie überzeugt, dass Christen so etwas nicht tun. Seither beschränkt sich die Folklore im Nagaland auf Tanz und Gesang.

Zusammen mit sieben anderen Bundesstaaten, von denen wohl Assam der bei uns bekannteste ist, liegt das Nagaland ziemlich entlegen im östlichen Anhängsel Indiens, das nur durch den schmalen westbengalischen Korridor mit dem "Mutterland" verbunden ist. Am bequemsten erreicht man das Gebiet auf dem Luftweg. Und vom Flughafen Dimapur geht es per Bus oder Taxi in zweistündiger Fahrt aus der Tiefebene durch eine dichte subtropische Vegetation mit Bananenstauden und Betelnusspalmen in die 1500 m hoch gelegene Hauptstadt Kohima.

Von weitem schon sieht man die Gebäude der einstigen britischen "hill station" auf den Bergketten thronen. Aber bevor die Straße das Zentrum erreicht, schlängelt sie sich noch in unzähligen Kurven die Hänge entlang. Allmählich werden Verkehr und Besiedlung dichter, aus dem Häusermeer gucken Kirchtürme hervor. Und Anfang Dezember wirft Weihnachten mit Jingle Bells und Lichterketten seine Schatten voraus. Dazu grüßt inmitten von Watteschnee ein rotgewandeter Santa Claus, neben ihm lacht ein aus weiß gekalkten Autoreifen gebastelter Schneemann, der dem Bibendum von Michelin ähnelt.

Im Zweiten Weltkrieg war Kohima Schauplatz erbitterter Kämpfe der Alliierten gegen die Japaner. Heute zeugt auf dem einstigen Schlachtfeld ein Gefallenen-Friedhof mit 1500 bronzenen Grabplatten und einer Stele für 900 Hindu- und Sikh-Soldaten vom hohen Blutzoll.

"Die Naga" gibt es eigentlich gar nicht. Das Volk besteht vielmehr aus 30 verschiedenen Ethnien, von denen nur die Hälfte im Nagaland lebt. Die andere Hälfte verteilt sich auf die nordostindischen "Schwesterstaaten", einige wohnen gar in Myanmar. Linguistisch sind die Stämme noch zersplitterter; man zählt rund 60 Dialekte, die freilich alle der sino-tibetischen Sprachgruppe angehören. Das früher zur Verständigung der einzelnen Ethnien untereinander gebrauchte Pidgin-Nagamesisch wird sukzessive von Englisch abgelöst, das auch offizielle Landessprache ist.

Trotz babylonischer Vielfalt der Idiome weisen die Naga-Stämme kulturelle Gemeinsamkeiten auf. Etwa Häuser mit Giebelkreuzen und - zur Abwehr böser Geister - oft auch Büffelschädel. Oder innerhalb der Dörfer die Stein- und Holztore, die einzelne Viertel voneinander abgrenzen. Wie die Versammlungshäuser, in denen die Kopfjäger ihre Trophäen aufbewahrten. Auch schliefen dort bis zu ihrer Initiation die Jungmänner und eine riesige Einbaumtrommel stand bereit, um den Ältestenrat einzuberufen. Im Kisama Heritage Village, einem Freilichtmuseum außerhalb von Kohima, kann diesen Traditionen nachgespürt werden. Dort findet auch in den ersten Dezembertagen das Hornbill Festival statt, das Nashornvogelfest.

"Fest der Feste" nennen es die Naga, hat doch jeder Stamm daneben noch eigene Feten. Nach Kisama aber kommen sie alle, als Akteure oder als Zuseher. Schon stürmen zwei Dutzend Krieger in die Arena, prächtig aufgeputzt mit den schwarz-weißen, in der Sonne leuchtenden Federn des Nashornvogels. Andere "Kopfjäger" tragen Helme, deren riesige Büffelhörner sie "wikingerartig" aussehen lassen. Auf der Bühne singen Mädchenchöre von der Liebe oder von einer guten Ernte, während junge Burschen versuchen, eingeölte Bambus-"Maibäume" zu erklettern. Kraft und Geschicklichkeit sind auch beim Seilziehen gefragt, beim Feuerschlagen und beim Ringen. Unter großem Hallo wird eine Miss Nagaland gekürt. Und am Abend dröhnen Rockkonzerte.

Auch rund um die Arena des Kisama Heritage Village tut sich was. Hier blühen in einem Glashaus herrliche Orchideen, dort zeigen Models in einer Fashion Show Trachten im Pseudo-Naga-Look. Ethno-Läden preisen Schnitzereien und Webarbeiten an, die sich ideal als Souvenirs eignen. "Food stalls" sorgen mit Snacks für den kleinen Hunger, dazu fließt Reisbier. Eher großen Appetit müssen die Teilnehmer am Chili-Ess-Wettbewerb mitbringen. Doch ein empfindlicher Magen bleibt besser bei weniger scharfen Leckerbissen, etwa den im Nagaland so beliebten Hornissenmaden.


INFOS:

Das Nagaland ist etwa so groß wie unser Bundesland Steiermark (16.500 qkm) und hat knapp zwei Millionen Einwohner. Wegen ihrer gebirgigen Lage ist die Hauptstadt Kohima nur auf dem Landweg erreichbar, der Flughafen Dimapur (Verbindungen mit New Delhi und Kalkutta) liegt 70 km entfernt.
Knapp 90 % der Bevölkerung sind Naga, ebenso hoch ist der Anteil an Christen.
Der größte Event des Landes, das Hornbill Festival, ist nach dem von den Naga verehrten Doppelnashornvogel benannt und findet jedes Jahr vom 1. bis 10. Dezember statt.

www.nagaland.gov.in
http://hornbillfestival.co.in

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Aufgerufen am 18.10.2018 um 11:13 auf https://www.sn.at/leben/reisen/bei-kopfjaegern-ausser-dienst-20337595