Reisen

Beschauliche Grenzgänge

Iron Curtain Trail. Im ehemaligen Grenzstreifen zwischen Ost und West verläuft der wohl spannendste Fernradweg Europas.

Im Juni werden es 30 Jahre. Die unerbittliche Grenzlinie, deren Drahtzaun Außenminister Alois Mock damals gemeinsam mit Premier Gyula Horn symbolisch durchtrennte, ist seither vom Eisernen zum grünen Vorhang geworden. Ein Grund zum Feiern, auch für Radfahrer. Denn heute ist der "green belt", das "grüne Band", das längste ökologische Verbundsystem der Welt. Und mittendrin, quer durch Europa, verläuft ein höchst spannender Fernradweg, der EuroVelo 13, der Iron Curtain Trail. 10.400 Kilometer, von Finnland bis zum Schwarzen Meer. Der tschechisch-österreichische Abschnitt ist einer der reizvollsten.

"Alle Gebäude mussten weg." Stani Kuchař beschreibt einen weiten Bogen mit seinem Arm, folgt der weiten Biegung des Flusses Thaya im Tal. Die heißt hier auf der tschechischen Seite Dyje und war zu großen Teilen Grenzfluss. Häuser und auch viele historische Flussmühlen wurden abgerissen, zu groß erschien die Gefahr, die Gebäude könnten Fluchtwilligen als Unterschlupf dienen. Mittlerweile heißen die Anrainer Wildkatze, Schwarzstorch und Schwertlilie. Die Natur hat ihr Reich zurückerobert.

Nun ist also die erste Etappe - Stanis persönliche Lieblingsstrecke - von Hardegg, Österreichs kleinster Stadt, bis ins südmährische Znaim geschafft. Über die Thayabrücke in den tschechischen Nationalpark Podyjí, mit Pause im Besucherzentrum Čižov und bei den mahnenden Resten des Eisernen Vorhangs. Die alte Königsstadt Znaim, hoch auf dem Felsen über der Thaya, ist jedenfalls einen ausgiebigen Zwischenstopp wert. Mit dem Rad geht die Besichtigung noch flotter.

"Im Jahr 1260 war der erste Mauerring fertig", sagt Stani in perfektem Deutsch. Warum aber die Türme so seltsame Namen wie Eselsturm, Hundsturm, Katzen- und Wolfsturm hätten, wisse er auch nicht. Mit wenigen Pedaltritten geht es in die Böhmerstraße zur Barockfassade der Dominikanerkirche mit ihrem Altarbild von Franz Anton Maulbertsch. In der engen, romantischen Kramergasse ist es besser, das Rad zu schieben, dafür belohnt ein Blick auf den Rathausturm mit seinen kuriosen neun Kupfertürmchen. Znaim war - schon lang vor den Radtouristen - ein begehrter Rastplatz. Karl VI. wohnte 1723 ein paar Tage hier, 1804
war Napoleon hier, auf dem Weg nach Austerlitz, und schließlich 1866 auch Franz Joseph I. Auch die Arbeitsstätte von Gregor Mendel kennt Stani, ebenso wie das zweisprachige Gymnasium. "Hier hat Peter Alexander maturiert", sagt der passionierte Radfahrer mit einem schelmischen Seitenblick auf seine österreichischen Gäste.

Dann doch lieber weiter zur Katharinen-Rotunde mit ihren berühmten Fresken aus dem 12. Jahrhundert, noch einen kurzen Blick auf den Pöltenberg gegenüber und seine Kirche St. Hippolyt, dann rollen die Räder talwärts.

Mit Schwung passieren die Drahtesel die Thayabrücke - weit weniger symbolträchtig als bei Hardegg - und weiter geht es. Für Gemütliche entlang des Flusses, wer stählerne Wadeln oder ein E-Bike hat, kann auf die Kraví hora, den Kuhberg, hinaufstrampeln, dann zur Belohnung den wirklich eindrucksvollen Blick auf Znaim genießen und sich danach auf den uralten Handelsweg begeben, der Znaim und die Stadt Retz verbindet.

Munter geht es wieder bergab, durch idyllisch verschlafene Dörfer wie Konice und Popice. Hier, im einstigen Poppitz, wurde 1793 Charles Sealsfield geboren, allerdings als Carl Anton Postl. Sein Gedenkplatz zeigt einen schönen Blick auf die Thaya, in seinem Geburtshaus erzählt ein kleines Museum über die bewegte Geschichte des Abenteurers und Schriftstellers.

Weingärten folgen, barocke Bildstöcke und Marterl, eine Kirschallee, das Dorf Havraníky und schließlich Šatov - die vorerst letzte Station auf tschechischer Seite. Ein Bunker, sichtbar nur als grünbrauner Gupf über den blühenden Wiesen, und Reihen von Panzersperren, sogenannten Tschechenigeln, erinnern entlang eines Lehrpfads an die gar nicht so guten früheren Zeiten. Ein wenig später gemahnt jedoch nur mehr lapidar ein Blechschild daran, dass hier die Grenze zwischen tschechischer und österreichischer Republik liege.

Nach Retzbach ist das Zwischenziel erreicht - die Weinstadt Retz. Eine Ehrenrunde bleibt jedoch noch: der Anstieg zur historischen Windmühle. Bei festlichen Anlässen drehen sich die mächtigen Holzflügel und im Steinofen bäckt das Brot. Ein Glas Wein und eine Brettljause jedenfalls können jetzt nicht schaden - und dazu ein abschließender Blick weit ins offene, freundliche Grenzland, das gar nichts Eisernes mehr an sich hat.

INFORMATION

Der Iron Curtain Trail EuroVelo 13 verläuft entlang des einstigen Eisernen Vorhangs, heute "green belt". Der Abschnitt durch Waldviertel/Südböhmen und Weinviertel/Südmähren (von Gmünd/ České Velenice bis Hohenau an der March) ist 329 Kilometer lang und in neun Etappen gegliedert. Von dort geht es entlang der March-Thaya-Auen bis ins Südburgenland. Wegen einiger Schotter- und Waldwege empfehlen sich Trekking- oder Mountainbike, beides auch als Leih-E-Bike, etwa täglich in der Tourismusinformation Retz, Tel. 02942/2700

Die interaktive Landkarte mit Unterkunfttipps: www.ev13.eu

Kostenlose Fahrradpläne zum EuroVelo 13 und anderen Radrouten verschickt auch die Tschechische Tourismuszentrale, zu bestellen unter:

Tel. 01/89 202 99
Mail: wien@czechtourism.com
www.czechtourism.com

Infos zu den Regionen:

www.waldviertel.at

www.jiznicechy.cz

www.weinviertel.at

www.jizni-morava.cz/de

Aufgerufen am 02.12.2020 um 08:12 auf https://www.sn.at/leben/reisen/beschauliche-grenzgaenge-70993006

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