Reisen

Bis zum Ändstraich

Zur Fasnacht herrscht in Basel "die drey scheenschte Dääg"lang ein Ausnahmezustand. Oder was man in der zivilisierten Schweiz dafür hält.

Bis zum Ändstraich SN/oberzill
Geradezu gespenstisch: beleuchtete „Ladäärne“ ziehen durch Basel.


Die Basler sind ein ziemlich sadistisches Völkchen. Wenn "drüben" in den katholischen Ländern, dem deutschen Baden-Württemberg und dem französischen Elsass, längst die Fastenzeit ausgebrochen ist, geht es am Schweizer Rhein erst so richtig los. Basel feiert seine Fasnacht, während man nördlich der Stadt beiderseits des Flusses schon in Sack und Asche geht. So lässt sich der Spaß doppelt genießen.

Die Basler sind aber auch Masochisten. Wie sonst wäre zu erklären, dass am ersten Montag nach Aschermittwoch in jedem Haushalt spätestens um 3 Uhr morgens, im Umland auch beträchtlich früher, der Wecker läutet?! Und dann alle aus den Federn springen, egal ob sie zu den 12.000 Aggtivi zählen oder nur zu den "Sehleuten". Hundertschaften von Fasnächtlern quellen zu unchristlicher Zeit aus dem Hauptbahnhof, aus allen Quartieren eilen sie zur Innenstadt, um noch vor vier Uhr Position zu beziehen.

Denn mit dem Vier-Uhr-Schlag der Turmuhr von St. Martin, Basels ältester Kirche, erlöschen alle Lichter. Stockfinster ist es nun und einen Moment lang auch geisterhaft still. Bis die Tambourmajore das Kommando "Achtig! Morgestraich! Vorwärts, marsch!" geben: Pfeifer und Trommler stimmen ihre schaurig-schöne "Melodie" an; mit den "Sujets" (aktuellen Themen) bemalte Ladäärne leuchten auf; dGoschdymierte (Kostümierte) setzen sich im Landsknechtstempo, 90 Schritt pro Minute, in Bewegung. Ein Bild von archaischer Kraft und Feierlichkeit.

Dieser Morgestraich, spektakulärer Auftakt der Basler Fasnacht, ist aber nur der erste Streich. Nun herrscht 72 Stunden lang der Ausnahmezustand. Wie sehr, lässt sich daraus erkennen, dass an diesen drei Tagen selbst Christoph Blocher, Chef der ein ganz klein bisschen xenophoben Schweizer Volkspartei, mit dem (freilich nur temporären) Zuzug von EU-Ausländern einverstanden ist. Doch keine Sorge: Das "Chaos" hält sich in überschaubaren Grenzen, schließlich sind wir in der Schweiz.

Begleitet vom schrillen Pfeifen der Piccoloflöten und dem dumpfen Trommeldröhnen ziehen die Laternengruppen bis zum Morgengrauen durch die Innenstadt. Irgendwann aber erlahmen die Kräfte selbst der fittesten Akteure. Zur Regeneration bieten "Beizen" die Fasnachtgerichte Mehlsuppe und Ziibelewaije (Zwiebelkuchen) an. Diese Kneipen sind auch nahezu die einzigen Etablissements, die in den närrischen Tagen vo dr Määlsubbe am Morgestraich bis am Donnschtigmorge fir dr letscht schwarz Kaffi offen haben. An den meisten anderen Geschäften liest man: Mäntig, Zyschtig, Mitwuch zue!

Montagnachmittag marschiert dr Cortège los: Etwa 500 "Cliquen" von dAagfressene bis zu die Zytloose ziehen in einer endlosen Prozession von der Altstadt über den Rhein und Stunden später retour. Zu Fuß und auf den Waggiswaage, Festwagen mit den als Waggis ("Elsässer Bauern") Verkleideten. "Waggis, gib mir öppis", ruft die Menge und schon kommen Orangen, Mimösli oder Räppli (Konfetti) geflogen. Freilich wird nur bedacht, wer eine Blaggedde (Plakette) angesteckt, also - Ehrensache - die Fasnacht durch einen Obolus mitfinanziert hat.

Individualisten gässle als Schyssdräggzygli (Scheißdreckzüglein = Minigruppe) oder Ainzelmassge, auch sie bleiben durch die obligaten Larven (= Masken) immer inkognito. Mit "gäll, de kensch mi nit" stürzt sich gerade ein "Intrigant" auf ein junges Mädchen, dem nun möglichst laut - damit es ja alle Umstehenden hören können - sein "Sündenregister" vorgebetet wird. Dabei darf das "Intrigieren" durchaus zweideutig sein, nie aber grob verletzend. Weiß sich jedoch der oder (meist) die Attackierte mit einer schlagfertigen Antwort zu wehren, ist der Angreifer der Blamierte, und das Publikum rät ihm, künftig an der Limmat, also im geliebten Zürich, zu provozieren.

Der Rest ist rasch erzählt: Am Zyschtig feiern die Kleinen ihr Kostümfest, abends gässle erneut die Großen. Überall lassen sich Guggemuusigge vernehmen, Blechbläser, die umso lauter spielen, je falscher sie dies tun. Der Mitwuch erlebt eine Reprise des montägigen Cortège und am Donnerstag, exakt um vier Uhr morgens, endet der Zauber mit dem Ändstraich. Was sich noch auf den Beinen halten kann, marschiert ins Bett.

Damit schlägt die Stunde der Saubermänner, die sich unglaublichen Bergen von Konfetti gegenübersehen. Dass freilich jedes Jahr unter den weggeschaufelten Räppli noch einige Bebbi (Basler) zum Vorschein kommen, die - wegen der Mülltrennung - nicht einfach zum Altpapier gekippt werden können, ist bloß ein Gerücht, sicherlich ausgestreut von missgünstigen Zürchern.

Quelle: SN

Aufgerufen am 18.11.2018 um 09:44 auf https://www.sn.at/leben/reisen/bis-zum-aendstraich-3067576

Schlagzeilen