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Dario Pegoretti : Die Freiheit, dem Rad eine Seele zu bauen

Der Italiener Dario Pegoretti baut Fahrräder, die leben. Besuch in seiner Werkstatt in Verona, einem Ideen- und Lebensraum.

Blut rinnt am Sattelrohr nach unten. "Guan tanamo" nennt Dario Pegoretti den Radrahmen, auf dem sich ein Stacheldraht windet. Sein US-Importeur fand das Design zu hart. Pegoretti schüttelt den Kopf. Seine Arbeit verschmilzt mit allem, was die Welt ist.

"Am Ende der Arbeit bietet ein Rahmen die Oberfläche, auf der ich mich und meine Gedanken ausdrücken kann." Zuerst sei er aber Rahmenbauer, sagt Pegoretti. Für viele ist er der Beste, weil er ein Genie des Schweißens ist, weil er akribisch feilt. Danach erst kommt die Bemalung, oft ein bloßes Kritzeln, freihändiges Zeichnen, das jeden Rahmen auch optisch zum Unikat macht. So wie die technische Konstruktion jedes Rahmens schon einzigartig ist.

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Ein Rad, vermessen für das ganze Leben

In seiner Werkstatt tüftelt der 59-Jährige an Kunstwerken, auf denen perfekt Rad gefahren werden kann, weil Pegoretti nach jener Vollkommenheit strebt, die höchstmögliches Glücksfahrgefühl auslöst. Wer zu Pegoretti kommt, will ein maßgefertigtes Rad, also einen Begleiter fürs Leben. "Ich brauchte nur eine Banknote darzureichen, um das Fahrrad zu erhalten", schrieb einst Jean-Paul Sartre über einen Radkauf. Seine Investition war einfach und wog dennoch schwer. Es brauche aber sein "ganzes Leben, um den Besitz zu realisieren".

Kalter Stahl und nackte Zahlen bilden das Gerüst für Pegoretti, der seit 1971 Radrahmen baut. Nach einer kurzen, recht erfolgreichen Karriere als Amateur begann er in der Firma seines damaligen Schwiegervaters Luigino Milani, einer Legende des Radbaus. 1995 macht er sich in Calde nazzo nahe Trento selbstständig, 2015 übersiedelte er nach Verona. Profiteams ließen sich von ihm Räder auf den Millimeter genau schweißen und pickten dann die Logos ihrer Sponsoren auf die Rahmen.

Merckx, Indurain, LeMond - für alle das ideale Maß

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Vergilbte Zettel mit Körpermaßen, Winkelgrößen oder Rohrlängen liegen lose in einer Schachtel. Darauf stehen Namen wie Merckx, Indurain, Delgado, LeMond oder des verstorbenen Schauspielers und Radliebhabers Robin Williams. "Vergangenheit", sagt Pegoretti trocken. Der Glanz der Berühmtheit spielt keine Rolle auf dem Weg zum idealen Rad. Dieses ideale Rad gibt es immer nur ein Mal - für den, dem er es baut. Bei Nächsten geht das Maßnehmen, das Tüfteln, das akribische Schweißen von Neuem los.

Im Rahmen steckt die Seele des Fahrrads. Die Rohrkonstruktion ist das Gerüst, schlicht und anmutig dafür gemacht, die Last bei der Bewegung des Geräts zu tragen. Schon seit der Erfindung des Diamantrahmens 1885 durch John Kemp Starley ist die Form dieses Gerüsts prinzipiell vollendet. Wenn der Rahmen genau angepasst wird, wenn er für alle Körperteile die ideale Haltung schafft - sodass sie effizient, kontrolliert und auch in Anstrengung bequem arbeiten können -, dann sind Bremsen, Schaltung oder Laufräder nur mehr verfeinernde Zugabe.

Zehntausende Rahmen hat Pegoretti gebaut. "Es geht nicht um Mengen", sagt er. "Es geht um das Gefühl für jedes Einzelne." Pegoretti baut auf handwerkliches Genie, seine Erfahrung und eine nie versiegende Lust an Innovation. Zeit, Dinge gedeihen zu lassen, sei dabei wichtigster Faktor. Aber Zeit ist knapp. "Jeder will alles sofort, so schnell wie möglich, weil sich mit Geld angeblich alles machen lässt", sagt er und macht es anders, folgt stur dem Motto: "Fatto con le mani." Handgemacht. Und zwar alles. Und mit Muße.

Die Freiheit, gegen die Masse zu sein

350, 400 Rahmen baut er mit seinem kleinen Team pro Jahr. Es gingen sich ein paar mehr aus, sagt er. Aber warum sollte er? "Es reicht für uns." Es geht nicht um Reichtum, um Expansion. Es geht um Qualität, um Wahrhaftigkeit, um eine Nähe zu dem, das aus eigenen Händen entsteht. "Das ist meine Freiheit", sagt er und streicht sich die grauen Strähnen aus dem Gesicht. Weich sind seine Finger, geschmeidig und doch schauen sie nach Arbeit aus. Denn vor dem Design, vor der Kunst komme "immer das Handwerk, das Ausdenken neuer Lösungen", sagt er.

Pegorettis Arbeit, seine Grundhaltung zu Fragen von Existenz und Gesellschaft bildeten ein "Gesamtkunstwerk", sagt Günter Mayer, Cartoonist und Leiter des Medienkulturhauses in Wels - und einer, der durchaus mit Rad zu Terminen bei der Biennale in Venedig anreist. Mayer gestaltet mit dem Salzburger Fotografen - und ehemaligem Radamateur und immer noch Radliebhaber - Herman Seidl in der Galerie der Stadt Wels eine Schau, die Pegoretti als Rahmenbauer zeigt, aber auch als Maler, Fotografen, Designer. Es ist die erste Personale über Pegoretti (ab 19. Jänner).

Radikaler Individualismus besiegt Schablonen

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"Pegoretti ist einzigartig, ein Wunder", sagt Seidl, der den weisen Meister seit gut 20 Jahren kennt. Das Wunderbare und Seltene beziehe sich auf das Handwerk ebenso wie auf die Haltung, mit der Pegoretti "in einer Industrie der Gleichförmigkeit seine Ideale aufrechterhält".

Aus Stahl baut er, selten, aber doch auch aus Aluminium. Das ist alte Schule und gegen den Trend. Rennräder wurden Massenware, erzeugt aus Karbon, gefertigt in Billiglohnländern, tausendfach gegossen in Schablonen. Pegoretti widersetzt sich dem, weil er es kann und will. Er hasst Schablonen. Ihn treibt radikaler Individualismus. So übersetzt er Eigenheiten und Eigenschaften der künftigen Nutzer in eine technische Konstruktion. Am Ende entsteht eine Einheit zwischen Gerät und Besitzer. Sie werden ein Körper.

Highway Rider als Soundtrack

"Die Inspiration kommt . . ." Pegoretti sitzt auf einer breiten Couch, schaut durch große Fenster aus dem Besprechungsraum, der aussieht wie eine Alt-Hippie-Wohnung, in den Werkraum. "Highway Rider" von Jazzpianist Brad Mehldau läuft. Musik gibt es bei Pegoretti immer. Er hat Rahmen nach Pink-Floyd-Songs benannt oder John Col trane gewidmet. Pegoretti schaut, als würde da draußen in seinem Arbeits-, Denk- und Lebensraum die Antwort schweben und er müsste sie im Moment einfangen. "Inspiration? Es kommt alles aus dem Leben", sagt er.

Auf den fertigen Rahmen notiert Dario Pegoretti nahe dem Tretlager den Tag der Fertigstellung. Keine Zahlen stehen da, sondern Namen. San Benedetto, etwa, der Heilige, dessen Namenstag am Tag der Rahmenvollendung gefeiert wird. "Was denkst du?", fragt Pegoretti in das überraschte Gesicht des Besuchers. "Irgendein Geist begleitet den Fahrer stets", sagt Pegoretti lächelnd und streichelt sanft den glänzenden Rahmen, die Seele dieses Rades.


Info: Personale - Dario Pegoretti. Twentyone Pieces. Galerie der Stadt Wels (ab 19. Jänner 2016)

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