Reisen

Das Land der Widersprüche

Mit dem Allrad durch Mazedonien. Ein Besuch in dem rauen und bergigen Land, das immer noch um seinen Namen ringt.

Es ist ein Binnenland, doch es hat auch sein eigenes Meer - und das ist nicht der einzige Widerspruch, der uns auf einer Offroad-Reise durch Mazedonien begegnen sollte. Die Rede ist vom Ohridsee, der als einer der ältesten Seen der Welt gilt und mit einer Länge von 30 Kilometern bei 15 Kilometern Breite und 300 Metern Tiefe heute noch Lebensformen beherbergt, die in anderen Seen als ausgestorben gelten. Gespeist wird das Gewässer im Dreiländereck von Albanien, Mazedonien und Griechenland vom höher gelegenen Prespasee, der sich seinerseits aus 270 Zuflüssen speist - und das Ergebnis ist in Form von kristallklarem Wasser zu erleben. Kein Wunder, dass die mit einer historischen Altstadt und Uferpromenade versehene Küstenstadt Ohrid am Nordufer des Sees im Sommer das Touristenziel des Landes ist - da kommt tatsächlich so etwa wie mediterranes Flair auf.

Doch so lieblich wie an diesem See gibt sich das ansonsten eher raue Mazedonien nur selten. Auf den fast 700 Kilometern, die wir hauptsächlich offroad im Škoda Kodiaq durch den Balkan von Sofia über den Ohridsee und entlang der albanischen Grenze bis Skopje bewältigen, erleben wir ein erstaunlich schroffes Bergland. Fast 35 Grad empfangen uns am ersten Tag, dann folgt Dauerregen und auf dem Weg zum Ohridsee eine echte Schlammschlacht: Unser Treck pflügt sich durch die Berge des Galičica-Nationalparks, der immerhin schon seit 1955 besteht. Unter dem Schlamm kommen langsam die Felsbrocken und Steine hervor, die scharf wie Messerkanten sind und ihren Tribut fordern: Im Zehn-Minuten-Takt gibt es an einem der Autos einen Plattfuß, und im strömenden Regen Reifen wechseln, das will man vermeiden. Darum quälen wir uns im Schritttempo über die Berge, bis wir unter einer dicken Wolkendecke eben diesen majestätischen Ohridsee erblicken.

Obwohl Mazedonien nur etwas größer als Niederösterreich ist und rund zwei Millionen Einwohner zählt, hat das seit 1991 unabhängige Land heuer schon mannigfache Schlagzeilen geliefert. Es geht um den Namensstreit mit Griechenland und es geht dabei auch ganz direkt um die Zukunft des Lands. Im Streit um den Begriff Makedonien, das ja auch eine griechische Provinz ist, hat Griechenland den seit 2005 verhandelten EU-Beitritt mit Mazedonien blockiert. Für eine der schwächsten Volkswirtschaften Europas eine kleine Katastrophe. Doch im heurigen Sommer kam der Durchbruch, das offiziell recht holprig Former Yugoslavian Republic of Mazedonia (FYROM) heißende Land soll künftig Republik Nord-Mazedonien heißen, im Gegenzug blockiert Griechenland nicht mehr die Verhandlungen. Was nicht dazugesagt wird: Mazedoniens Nationalheld Alexander der Große gilt laut diesem Kompromiss fortan als Grieche, was das Potenzial für neue Spannungen hat. Um diese zu vermeiden, wird die 2011 errichtete Statue von Alexander dem Großen in Skopje (Bild unten) nur mehr als Reiterstatue bezeichnet. Und was eine Arbeitslosenquote von offiziell 22,3 bedeutet, das erfahren wir weitab der Hauptrouten auch. So pittoresk schön das Land, so bitterarm seine Bewohner. Esel- und Pferdefuhrwerke sind unsere täglichen Begleiter auf den löchrigen Straßen, die das Fahrwerk besser prüfen als jede Teststrecke.

Landwirtschaftlicher Reichtum stammte einst von Wein und Tabak. Letztgenannter wird heute kaum noch angebaut, Wein dafür umso mehr. Der mazedonische Rotwein ist dank der vielen Sonnenstunden in dem Land von unglaublicher Kraft und Intensität, auch in puncto Alkoholgehalt. Unter 15 Prozent findet man kaum einen Rotwein hier, und auch die Preise sind kräftig: Gute Bouteillen kosten gleich einmal 20 bis 25 Euro. Dennoch ist der mazedonische Rotwein bei uns so gut wie unbekannt. Warum? Der Rotwein wird tankzugweise in die EU, hauptsächlich nach Deutschland, exportiert und dort mit anderen Sorten verschnitten. Schade um die edlen Tropfen, doch auch um den mazedonischen Wein entsprechend zu vermarkten, fehlt offenbar das Geld.

Mangels Meers und Küstenorte ist Mazedonien nicht das bevorzugte Urlaubsziel der Balkan-Reisenden. Doch wer mit dem Auto nach Griechenland fährt, dem sei ein Abstecher von der Autobahn weg ins Hinterland durchaus empfohlen. Ein kleiner Geheimtipp: Vor der Grenze zu Griechenland empfängt nunmehr eines der bekanntesten Weingüter Mazedoniens namens Popova Kula die Gäste mit guter Küche und ebenso schweren Rotweinen - und zum Glück auch mit Zimmern.

War es Vorsicht, war es Glück: Wir erreichen Skopje nach 700 Kilometern als einzige Besatzung ohne Reifenplatzer. Und wir staunen schon wieder: So rückständig das Land wirkt, so märchenhaft ist die Hauptstadt. In den letzten Jahren wurde Skopje grundlegend renoviert, und um den Stolz und die intellektuellen Errungenschaften des kleinen Lands hervorzuheben, wurde die Stadt mit Statuen vollgestellt. Bei 30 hören wir auf zu zählen, fast alles wirkt sehr klassizistisch, könnte so auch in den USA zu finden sein. Hübsch ist es nicht, eher skurril. Wir waschen uns den Staub aus den Haaren und genießen ein letztes Mal die mazedonische Küche. Die besteht einerseits aus sehr viel Gemüse und Salat, andererseits aus viel Fleisch, und das wird sehr deftig zubereitet. Aber die Mazedonier lieben ihre Küche: Die einst sieben McDonald's-Filialen wurden nach und nach geschlossen, seit 2013 ist Mazedonien McDonald's-frei.

INFORMATION

Seit 1991 unabhängig

Es ist eines der jüngsten und kleinsten Länder Europas: Seit 1991 ist Mazedonien unabhängig und zählt zwei Millionen Einwohner, 65 Prozent Mazedonier, ein Drittel Albaner. Die Spannungen zwischen den Volksgruppen sind leider spürb- und sichtbar: Weht die Fahne mit dem Sonnensymbol von den Häusern, ist man im mazedonischen Teil, der Doppeladler auf rotem Grund verrät die Heimat der Albaner.

Von Wien fliegt die AUA bis zu zwei Mal täglich nach Skopje, www.austrian.com.

Quelle: SN

Aufgerufen am 25.09.2018 um 09:55 auf https://www.sn.at/leben/reisen/das-land-der-widersprueche-39477994

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