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Der göttliche Faltenwurf der Südsteiermark

Sausal und Sulmtal: Im hügeligen Süden der Steiermark wartet auf Besucher eine sonnige Draufgabe auf den Sommer.



Von der Autobahnabfahrt Leibnitz biegt man direkt ins Sulmtal ab, lässt die Hektik hinter sich, im Wald wird es schon dunkel. Die Abzweigung zum Weinhof Kappel ist schnell gefunden, dann geht's steil bergauf nach Kitzeck. Und es wird wieder hell dort oben, der Ort thront auf dem Bergrücken, dem Blick steht nichts im Weg, bis zur Saualm im Westen, den Karawanken im Süden und dem weiten Vulkanland im Osten. Als ob er möglichst viel Landschaft auf kleinstem Raum unterbringen wollte, hat der Schöpfer die Gegend in elegante Falten gelegt, mit Reben, Obstbäumen und Kukuruz geschmückt und großzügig mit Buschenschanken ausgestattet. Auch mit Kochkunst und Gastfreundschaft hat er hier nicht gespart. "Sie kennan jetzt sicha a woames Essen vertragen", begrüßt uns die Wirtin mit einem Blick auf die Vespa, mit der wir angereist sind, und ihre durchfrorenen Fahrer. Ein Schnitzerl vom Sulmtaler Huhn bietet sich an. Das einzige Tier, dessen Fleisch Kaiserin Sisi aß, ist hier heimisch.

Die Aussicht vom Balkon am nächsten Morgen legt nahe, dass Menschen schon sehr früh das Sulmtal als idealen Siedlungsort erkannt haben. Rundum von Berg- und Hügelketten geschützt, ausreichend Ackerland und Weiden. Tatsächlich sind einige der Hügel, die man vom Balkon des Weinhofs unten in der Ebene bei Kleinklein entdecken kann, Tumuli, Fürstengräber aus der Hallstattzeit. Es ist die bedeutendste Nekropole des Ostalpenraums. Greifbar wird der Stellenwert dieser Kultur im Museum in Großklein. Die Grabbeigaben können sich sehen lassen, die berühmte Bronzemaske erinnert gar ein wenig an jene des Agamemnon. Um das Leben des gemeinen Volks zu dokumentieren, wurde ein kleines prähistorisches Gehöft am Burgstallkogel wiedererweckt. Dazu die lebhaften Schilderungen von Museumskustodin Susanne Niebler, und schon geht die Zeitreise los.

Schnelllebiges hat hier keine Chance

Das Sausal lässt sich überhaupt nicht so gern von schnelllebigen Moden hinreißen, nur wenn es den Menschen hier vernünftig erscheint, dann sind sie ihrer Zeit sogar manchmal voraus. Und dabei stehen die Älteren den Jüngeren mit Rat und Tat zur Seite. Egal ob das nun der junge Winzer Rainer Warga-Hack ist, der mittlerweile ausschließlich biologische Weine produziert und in seinem anfangs ausgesprochen skeptischen Vater nun einen Kompagnon beim Verkauf in der Buschenschank hat.

Oder die Familie Harkamp, deren jüngerer Sohn Wein und Sekt produziert. Was die Eltern anfangs eher für eine Schnapsidee hielten. Sie wurden eines Besseren belehrt: Die Sektmanufaktur Villa Hollerbrand muss mittlerweile ausgebaut werden. Und das Restaurant Harkamp haben nicht nur die Gourmets entdeckt und mit einer Haube ausgezeichnet, es hat sich darüber hinaus als erstklassige Hochzeitslocation mit fantasievollen Zimmern einen Namen gemacht. Die Eltern sind jedenfalls stolz auf ihren Nachwuchs.

Wahrscheinlich sehen das die Fischers ebenso, denen der Junior die genügsamen Ferkel ausgeredet und den Hof auf Milchwirtschaft umgestellt hat. Und gleich auch auf reine Heumilch, damit der Käse auch wirklich perfekt wird.

Schließlich haben wir dann noch einen Hof gefunden, auf dem ausschließlich glückliche Sulmtaler leben, die gefiederten nämlich. Gertrude Strohmeier hat es sich zur Aufgabe gemacht, die rare Rasse am Leben zu erhalten, die Letzten ihrer Art leben auf weiten Wiesen abseits der Zivilisation. Ihre "Buabalen", wie sie die Hähne nennt, krähen nach Aufforderung stolz, zeigen aber keine Anzeichen jenes Verhaltens, das die meisten Züchter zurückschrecken lässt. Nachdem Österreich als einziges Land weltweit das Kastrieren verboten hatte, dezimierten sich die geschlechtsreifen Hähne in wilden Kämpfen selbst, da war es dann ziemlich ruhig im Korb.

Dank der ausgeklügelten Strohmeier'schen Spezialdiät mit Rotklee und anderen hormonwirksamen Kräutern lassen sich die Gockel nun nicht mehr so leicht irritieren und wachsen gemächlich, nämlich viel länger als gewöhnliche Rassen, ihrem Schlachtgewicht entgegen. Gertrude kann wieder Hühner liefern, die jenen aus der Bresse um nichts nachstehen. Nur Hansi, der Maior Domus, wird sicher nie auf dem Teller landen. Ist er doch ihr Sulmtaler "Lieblingsburli".

Quelle: SN

Aufgerufen am 22.09.2018 um 01:15 auf https://www.sn.at/leben/reisen/der-goettliche-faltenwurf-der-suedsteiermark-1072213

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