Reisen

Der mit dem Wolf wandert

Rumäniens Ostkarpaten. Wer die Natur liebt, wandert hier richtig. Die scheuen vierbeinigen Hausherren in diesem Wolfsrevier zu Gesicht zu bekommen ist ein Glücksfall.

Der Weg führt vom Lagerplatz quer durch den Wald Richtung Tal, auf der Suche nach einer Wasserquelle. Béla kennt den Weg genau, doch er ist nervös. Die letzten Sonnenstrahlen vergolden den dichten Laubwald, keine Menschenseele ist hier unterwegs - außer uns, einer kleinen Gruppe von Freunden. Es ist Mitte August und völlig still. Jetzt singen auch keine Vögel mehr. Endlich haben wir die Quelle gefunden und genug Wasser aufgetankt, doch Béla mahnt zur Eile. Bald darauf erklärt er seine Unruhe: Die Quelle wird am Abend auch öfter von Wölfen aufgesucht, die vom Tal heraufkommen.

Er ist überzeugt davon, dass sie uns im Visier hatten, aber in Deckung blieben. Wir spüren Respekt, Faszination - und auch etwas Angst, die uns beschleicht. Immerhin wandern und übernachten wir im Freien in einem Gebiet, wo nicht nur einzelne Wölfe unterwegs, sondern Dutzende Wolfsrudel beheimatet sind.

Der 24.000 Hektar große Calimani-Nationalpark in den Ostkarpaten im Norden Rumäniens ist wie noch viele Gebiete in Rumänien fast völlig frei von menschlicher Infrastruktur, doch voller Urwälder und weiten Wiesen. Ein letztes Rückzugsgebiet für große Beutegreifer wie Braunbär, Wolf, Steinadler und Luchs, die es früher auch in Mitteleuropa in größerer Zahl gab.

Auf Hütten kann man im Nationalpark Calimani nicht zählen, was benötigt wird, findet im Rucksack Platz. Wir ziehen übers Land, auf der Suche nach Wasserquellen und geeigneten Schlafplätzen, wo wir unter Planen schlafen und am Lagerfeuer kochen. Smartphones bleiben zu Hause, auf Erreichbarkeit und GPS wird verzichtet, dafür auf alte Methoden wie Karte und Kompass vertraut. Welche Route und welcher Schlafplatz gewählt wird, entscheidet die Gruppe. "Nomadisch Wandern" nennt Ursula Sova diese Form, miteinander unterwegs zu sein. Sie hat gemeinsam mit dem Übersetzer Béla Benkö die Wanderung in kleiner Gruppe
organisiert.

Die Langsamkeit beginnt bereits am Bahnhof in Wien. Mit dem Zug geht es nach Rumänien, weiter mit dem Linienbus zu unserem Ausgangspunkt, dem Dorf Piatra Fântânele. Dort gibt es eine alte, mit Steinplatten gepflasterte Römerstraße zu bewundern, zum Übernachten bietet sich ganz stilvoll das Hotel Castel Dracula im mittelalterlichen Baustil an. Wanderwege durch den Nationalpark, wie die von uns gewählte "Via Maria Theresia", gibt es wenige, meistens nur Pfade, die Schäfer und Jäger benutzen. Der historische Weg wurde vor mehreren Hundert Jahren angelegt, um die österreichisch-ungarischen Grenzsoldaten des Habsburgerreichs mit Verpflegung und Munition zu versorgen, und geriet später in Vergessenheit. Nun wurde er von der rumänischen NGO Tasuleasa Social, die sich auch um Aufforstung kümmert, als Wanderweg und Marathonstrecke wiederbelebt.

Eine Woche lang sind wir unterwegs und begegnen ausschließlich Menschen,
die auf den Almen ihrer Arbeit nachgehen wie Heidelbeerpflücker oder Schäfer. Einer von ihnen ist Nicolae, der Herr über rund 800 Schafe. Mit seinen Helfern verbringt er ein halbes Jahr auf der Alm. Sie leben ganz selbstverständlich mit Bär und Wolf, die immer wieder versuchen, sich ein Schaf zu holen.

"Der Wolf ist auch schon am helllichten Tag da gewesen", erzählt Nicolae. Die beeindruckenden Hunde der rumänischen Rasse Ciobanesc Românesc, der Hirtenhund der Karpaten, sind seine wichtigsten Mitarbeiter. Oftmals werden auch Esel zur Verteidigung eingesetzt. Sie sind äußerst furchtlos und stellen sich mit Geschrei, mit Bissen und Huftritten jeder Gefahr. Ein paar Schafe verliert Nicolae trotzdem jedes Jahr. "Das ist nichts Besonderes", sagt er gelassen.

Wir beschließen, in der Nähe der Herde zu übernachten. Mitten in der Nacht weckt uns lautes, wütendes Hundegebell. Ein Wildgeruch liegt in der Luft. Am Morgen fragen wir Nicolae, was in der Nacht los war: Dieses Mal hat sich kein Wolf, sondern ein Bär der Herde genähert. Die Hunde haben ihn aber erfolgreich vertrieben. Es mag sein, dass er in unserer Nähe war, daher der strenge Geruch in der Luft, meint er. Die Begegnung mit einem Bären oder Wolf, so die allgemeine Meinung, sei für den Menschen gefährlich. Doch letztlich ist die Sichtung eines Wolfs aber ein absoluter Glücksfall.

Bären und Wölfe sind sehr scheue Tiere, greifen keine Menschen an, es sei denn, sie fühlen sich bedrängt oder verteidigen ihre Jungen. Dennoch sollte man vielleicht ein hungriges Wolfsrudel im Winter eher meiden. Das Glück, einen Wolf zu sichten, hatten wir nicht, dafür beäugten uns halbwilde Pferdeherden. Béla wird trotz nervöser Momente weiterhin in den Karpaten wandern gehen. Denn er ist überzeugt: "Der Wolf hat genauso das Recht hier zu sein wie wir, in Rumänien und in Österreich."

INFORMATION

Nationalpark Călimani

in den rumänischen
Ostkarpaten:

www.calimani.ro


Weitwanderweg:

www.via-maria-theresia.ro

Naturnahes Wandern
bei Nomadisch Wandern:

www.nomadischwandern.at

Info zu Region und Land:

www.rumaenien-tourismus.com

Quelle: SN

Aufgerufen am 10.12.2019 um 11:44 auf https://www.sn.at/leben/reisen/der-mit-dem-wolf-wandert-69320365

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