Reisen

Die Gelassenheit des Südens spüren

Der österreichische Sommer war so lala? Rund um das andalusische Cádiz lässt er sich trefflich verlängern. In aller Ruhe. Denn Hast und Eile haben in Südspanien nichts verloren.

Manuel Marin steht seit zehn Uhr vormittags in einer der engen kleinen Gassen in der Altstadt von Cádiz. Wenn die ersten Touristen sich den Weg vom Torre Tavira zur großen Markthalle bahnen, ist er bereit und bietet feine Leckerbissen in kleinen Papierstanitzeln an. Den "Schinken der Meere" - den luftgetrockneten Thunfisch Mojama de Atún - oder würzige kleine Krebse, die Camarones.

An der Ecke nebenan hat ein Verkäufer mit einem grünen Koffer und einer kleinen Registriermaschine Aufstellung genommen. Er bietet lautstark Lotterielose feil und kann nicht über Nachfrage klagen. "Das ist immer so", sagt der Fremdenführer und zuckt mit den Schultern, "je größer die wirtschaftliche Krise, desto mehr boomt das Glücksspiel." In der südlichsten Provinz Spaniens, in Cádiz, liegt die Arbeitslosigkeit bei annähernd 30 Prozent - die Jugendarbeitslosigkeit noch höher. Viele Junge suchen ihr Heil im Ausland oder bleiben zu Hause im Hotel Mama.

Eine der Haupteinnahmequellen in Cádiz ist der Tourismus - was bei den Attraktionen in der Region kein Wunder ist.

Während im südspanischen Hochsommer die Temperaturen auf ein für Mitteleuropäer ungemütliches Niveau klettern, ist Andalusien im Frühling bis zum Frühsommer sowie jetzt im Herbst bestens dazu geeignet, den Sommer zu verlängern.

Wer Strände, Kultur sowie feines Essen mag und eine gehörige Portion Gelassenheit mitbringt, ist hier goldrichtig. Denn das Leben läuft in gemütlicheren Bahnen - was den höheren Temperaturen geschuldet sein mag. Die Länge der Schlange vor der Kasse hat für einen typischen Andalusier keinen Einfluss auf seine Arbeitsgeschwindigkeit. Irgendwann wird ohnehin das Ende der Schlange erreicht sein. Wieso also in Hektik verfallen?

Der Nachwuchs tollt beim Essen lautstark herum

Auch eine typische Venta kann für Mitteleuropäer ganz schön gewöhnungsbedürftig sein. Früher wurden an diesen Gaststätten die Pferde gewechselt, heute werden die Raststationen gezielt angefahren, weil sie sich auf unterschiedliche Speisen spezialisiert haben. Die eine Venta ist bekannt für ihren Jamón Ibérico, etwa die Venta el Pan an der Autobahn von Jerez de la Frontera nach Sevilla, eine andere für ihre köstlichen und durchaus bezahlbaren Rindersteaks.

Doch da wäre, erstens, die Lautstärke. Eltern legen hier am Wochenende auf dem Weg zum Strand mit ihren Kindern eine Pause zum Frühstücken ein. Der braunäugige, dunkelhaarige und herzige Nachwuchs tollt dann lautstark herum, während die Erwachsenen ungerührt essen und sich unterhalten. Ein für Mitteleuropa unübliches, aber durchaus erheiterndes Bild. Das von Touristen ein wenig Nervenstärke verlangt. Zweitens, das Essen selbst: Bestellt wird ein Café con leche, ein trüber Milchkaffee, mit einem unterarmlangen, getoasteten Weißbrot. Dieses wird mit Olivenöl beträufelt und mit einer Knoblauchzehe kräftig abgerieben. Darauf kommt dann wahlweise luftgetrockneter Schinken vom iberischen Schwein, der mittlerweile bereits berühmte Jamón Ibérico, Grammelschmalz oder eine Art pikanter Mettwurstaufstrich. Am besten Einheimische um Tipps bitten.

Schwimmen im Mittelmeer oder Atlantik

Wer Strände liebt, wird in Cádiz keinesfalls enttäuscht werden: Von den 260 Küstenkilometern sind 138 Kilometer Strände, die entweder an den Atlantik oder an das Mittelmeer grenzen. Kilometerlange Dünenstrände, geschützte Buchten, Steilklippen- oder quirlige Stadtstrände. Im Strandbad der Altstadt in Cádiz stieg immerhin Halle Berry im Bond-Streifen "Stirb an einem anderen Tag" mit viel Grazie aus dem Wasser. Am südlichsten Zipfel, in Tarifa, finden sich Wind- und Kitesurfer aus aller Welt ein und warten auf den Levante-Wind, der besonders oft an der Costa de la Luz auftritt.

Dort gibt es übrigens auch die meisten Sonnenstunden pro Jahr in Spanien. Und die größte Sherryproduktion. Eine der größten Bodegas, der Kellereien, ist González Byass in Jerez de la Frontera. Sie produziert jene Klassiker, die auch bei uns im Regal zu finden sind: den trockenen Tío Pepe, den weißen Creamsherry Croft oder den dunklen Solera. Doch vor Ort schmecken sie noch besser und eine Führung zahlt sich allemal aus.

Aufgerufen am 16.11.2018 um 12:57 auf https://www.sn.at/leben/reisen/die-gelassenheit-des-suedens-spueren-1049953

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