Reisen

Die Schöne wacht auf

Valencia hat aufgeholt. Die "Wiege der Paella" steht den Städten Madrid, Sevilla und Barcelona in Architektur, Kultur, Kulinarik und spanischem Lebensgefühl in nichts nach.

Als der aragonische König Jakob der Eroberer Valencia im Jahr 1238 einnahm, reichten die weitläufigen Reisfelder bis an die Stadt heran. Doch Malariaepidemien führten zu einem Erlass des Königs: Nur mehr an der Lagune Albufera durfte Reis angebaut werden. Heute ist die Malaria besiegt, Albufera ein Naturpark, und die Reisfelder beginnen wieder an der Stadtgrenze.

Hier ist, wie die Valencianos stolz behaupten, die Wiege der Paella, jenes so typischen spanischen Reisgerichts, das in einer flachen Eisenpfanne, der Paellera, auf offenem Feuer zubereitet wird. "Andar de paella" ist mehr als bloß "essen gehen", man feiert, man zelebriert. Und wenn im März beim Frühlingsfest, den Fallas, übergroße Figuren aus Pappmaché verbrannt werden, duftet es die ganze Nacht über aus den riesigen Pfannen, die über offenen Feuerstellen dampfen. Die Zubereitung des köstlichen Gerichts geht angeblich auf Landarbeiter zurück, die ihre Mahlzeit vor den Toren der Stadt kochten, deshalb sind in einer richtigen valencianischen Paella Bohnen, Kaninchen, Tomaten und Schnecken unabdingbar.

Valencia stand lange im Schatten von Madrid, Sevilla und Barcelona. Valencias Politiker investierten in den Neunzigerjahren in großem Stil, um die Stadt zu revitalisieren und neue Wahrzeichen zu setzen. Es wurde geplant und gebaut, die Krise war weit weg. Das alte Flussbett des Turia, der mehrmals die Stadt überschwemmt hatte und deshalb einfach außerhalb Valencias ins Meer geleitet wurde, sollte entlang der Altstadt zuerst für eine Stadtautobahn genutzt werden. Nach heftigen Bürgerprotesten entstand hier jedoch neben großzügigen Freizeit-, Sport- und Spielflächen die "Stadt der Künste und Wissenschaften". Entworfen vom wohl berühmtesten Sohn der Stadt, dem Stararchitekten Santiago Calatrava, und dem spanisch-mexikanischen Architekten Félix Candela, umfasst die "Ciudad de las Artes y las Ciencias" sieben einzigartige Bauwerke. Auch wenn die für Valencia so typischen traditionellen Azulejos, blaue Keramikfliesen, sich von der Verkleidung des kugelförmigen Gebäudes zu lösen beginnen, sollten Opernfreunde eine Vorstellung nicht versäumen im "Palau de les Arts Reina Sofía". Und im Oceanogràfic, Europas größtem Aquarium und Marinepark, und dem Wissenschaftsmuseum mit 800 interaktiven Ausstellungsmodulen in einer 200 Meter langen Glas- und Betonarchitektur vergeht auch Kindern die Zeit wie im Flug. Für den America's Cup - 2007 und 2010 - wurde gar die Sporthafenanlage neu errichtet und das Hafenviertel renoviert. 2008 drehten Rennautos hier ihre Runden, nachdem 100 Millionen Euro für eine Formel-1-Strecke aufgebracht worden waren. Es bleibt zu hoffen, dass sowohl die große Regatta als auch die Rennboliden an die Costa Blanca zurückkehren.

Die Ursprünge der Stadt liegen jedoch im Barrio del Carmen. Verwinkelte Gässchen und verträumte Plätze laden zum Verweilen ein, wie Cafés und Tapas-Bars in den historischen Gemäuern. Ein Besuch im Traditionslokal Horchatería Santa Catalina ist ein Muss, um die berühmte "horchata", eine Milch aus Erdmandeln, zu probieren.

Borja Puigmoltó führt die ultramoderne Vinothek samt Feinkostladen "Selección" des Weinguts Vegamar in der quirligen Einkaufsstraße Carrer de Colón. Während der Verkostung erklärt er das gelungene Zusammenspiel von Alt und Neu, das nicht nur das Stadtbild prägt, sondern sich auch in der Einstellung zu Essen und Trinken spiegelt. "Früher hat man einfach Wein gemacht. Jetzt behandeln wir unser Land wie eine alte Dame: mit Vorsicht, Rücksicht und Liebe, damit es uns seine wahren Schätze überlässt. Wir haben uns zurückbesonnen auf jene Sorten, die in dem Weinanbaugebiet Utiel-Requena hervorragend gedeihen." Damit schenkt er die Gläser erneut voll, bringt Teller um Teller mit Käse, Oliven, Serrano-Schinken, die aus der Umgebung des Weinguts stammen, und lädt die Anwesenden zur Besichtigung des Weinguts ein.

Einblick in Valencias Alltag erhält man - bereits ab sieben Uhr morgens - im Mercat Central, dem großen Markt. Stände mit Serrano-Schinken und Würsten wie Chorizo oder Salchichón vom Iberico-Schwein, andere mit Fischen, riesigen Mejillónes, Miesmuscheln, und weiteren Meeresfrüchten, daneben Gewürze, Kräuter, Früchte - hier liegt eine wahre Fundgrube für Gourmets und Gastroästheten unter dem Dach der prachtvollen Jugendstilhalle.

Valencia lässt sich mit dem Fahrrad bestens erkunden. So ist auch der 300 Meter breite Stadtstrand Malvarrosa leicht zu erreichen, die zahlreichen Restaurants und Bars im Hafenviertel sind schnell gefunden. Eine Radtour auf dem neu angelegten Radweg vom Hafen bis in den Albufera-Naturpark mit seinem wunderschönen Sandstrand El Saler ist eine erholsame Unterbrechung und zwar ganzjährig -
bei 300 Sonnentagen im Jahr.
www.spain.info

Aufgerufen am 27.11.2020 um 07:42 auf https://www.sn.at/leben/reisen/die-schoene-wacht-auf-93326059

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