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Die Wiege Neuseelands

Eintauchen in Geschichte und Kultur der Maori. Nirgendwo sonst gelingt das so wie im Zentrum von Te Tai Tokerau, Neuseelands Northland.

Furchteinflößende Krieger und exzellente Seefahrer: Neuseelands indigene Maori.
Das Cape Reinga im äußersten Nordwesten ist für die Maori der Absprungort der Seelen.
„Galionskopf“ auf einem hochseetauglichen „Waka“, einem Maori-Kanu.
Gespielt, getanzt und gesungen auf traditionelle Art wird im Kulturzentrum Waitangi Treaty Grounds.
Den Pazifik entlang führt der berühmte Spazierpfad Mangawhai Heads Walk bei Kerikeri.
Viele Jahrhunderte wird der mächtige Kauri-Baum alt.

Eine steife Brise bläst um die Ohren. Dann steigt der typische Meergeruch in die Nase. Und was ist das? An die Beine klammern sich die kalten Tentakel eines Oktopus! Kaum zu glauben, dass man nicht auf hoher See ist, sondern vielmehr im wohlig-warmen Trockenen, und zwar im 4D-Theater im Kultur- und Bildungszentrum "Manea Footprints of Kupe" in Opononi in der Region Te Tai Tokerau im nördlichsten Teil von Aotearoa. Oder, wie die Manuhiri, das sind die "Besuchenden" in der indigenen Sprache der Maori, sagen: in der Region Northland in Neuseeland.

Nur 75 Minuten dauert die virtuelle Reise des polynesischen Seefahrers Kupe, der vor etwa 1000 Jahren als einer der Ersten den Sternen gefolgt und von Hawaiki nach Aotearoa, dem heutigen Neuseeland, gesegelt ist. "He ao, he ao, he aotea, he Aotearoa!", soll seine Frau Kuramarotini beim Anblick der Inseln gerufen und ihnen so den Namen Aotearoa - lange weiße Wolke - gegeben haben. Gelandet ist Kupe schließlich im stürmischen Hafen von Hokianga im Westen der Nordinsel, etwa dreieinhalb Stunden nördlich von Auckland. Dort sind die Erinnerungen an ihn unter seinen Nachkommen, dem Stamm Ngā Puhi, heute noch genauso präsent wie die beeindruckenden Sanddünen auf der Nordseite des Hafens.

Geschichte hin oder her, nur wenige Touristen verirren sich in die Region. Die meisten treibt es direkt zur Spitze Northlands, zum mystischen Cape Reinga, dem Absprungplatz der Seelen, wenn es nach den Maori geht. Oder sie gehen in der Küstenstadt Paihia an Bord eines Boots, um die Bay of Islands zu erkunden. Für die Region dazwischen bleibt da keine Zeit. Sich diese zu nehmen lohnt sich jedoch. Denn nirgendwo sonst sind die Geschichte und die Kultur der Maori so lebendig wie hier.
"Kupes Spuren bleiben, sie haben sich eingeätzt in Papatua nuku, der Mutter Erde. Seine Fußabdrücke spiegeln sich in allem wider, was wir sehen hier in Hokianga!" 90 Jahre ist John Klaricich alt, doch wenn er von seinem Ahnen spricht, leuchten seine Augen wie die eines Kindes.

Dem Seefahrer Kupe hat der Bauer, der als 13-Jähriger die Schulausbildung abgebrochen hat, die vergangenen zwanzig Jahre seines Lebens gewidmet und schlussendlich das von ihm mitinitiierte Kultur- und Bildungszentrum Manea Footprints of Kupe Ende 2020 eröffnet. Geht es nach Matua John, wie ihn alle nennen, ist Manea Footprints of Kupe viel mehr als ein hochmodernes Spektakel. Es ist eine Einführung in te ao Maori, die traditionelle Welt des indigenen Volkes mit seinen altüberlieferten Waiata, Karakia und Whakairo, also Gesängen, Gebeten und Schnitzereien, sowie den sagenumwobenen Atua, den Göttern.

Einige dieser Bräuche und Traditionen gehören in Aoteaora mittlerweile zum gelebten Alltag. Doch die Kolonialisierung durch die Briten Ende des 18. Jahrhunderts hat auch den Inselstaat im Südpazifik geprägt: In weniger als 100 Jahren verloren die indigenen Tangata Whenua nicht nur rund 95 Prozent ihres Landes, sondern auch ihre Kultur und Identität. Obwohl sich die Maori-Renaissance seit den 1970er-Jahren um eine Wiederbelebung bemüht und die Geschichte Neuseelands seit heuer in allen Schulen verpflichtend auf dem Unterrichtsprogramm steht, sind die Folgen der Besiedelung durch die Weißen weiterhin spürbar.

"Es gibt immer noch viele Leute, die sagen, dass die Pakeha, die Neuseeländer europäischer Abstammung, als Erste hier angekommen sind",sagt Ramai Ngakuru, die zehn Minuten vom Kulturzentrum aufgewachsen ist. "Ich möchte aber, dass jeder unsere Geschichte kennt." Als Tour-Guide im Kultur- und Bildungszentrum trägt Ramai heute selbst zur Bekanntmachung bei: "Unsere Geschichte beginnt mit Io Matua Kore, unserem höchsten Gott, und führt uns zu Himmelsvater Ranginui und Erdmutter Papatua nuku." Mit diesen Worten begrüßt sie die Besucher von Manea bei der ersten einer Reihe von übermannshohen Götterstatuen. Zwei Jahre hätten vier lokale Meisterschnitzer daran gearbeitet, berichtet sie. Dass ihr Vater einer davon war, das verschweigt sie bescheiden. Stattdessen erzählt sie - barfuß und in traditioneller Tracht gekleidet - die Entstehungsgeschichte der Welt: Wie Ranginui und Papatua nuku in ewiger Umarmung miteinander verbunden waren und die göttlichen Kinder in die enge Dunkelheit dazwischen hineingeboren wurden. Alle Trennungsversuche scheiterten. Erst Tane, Gott der Wälder und der Vögel, stemmte sich erfolgreich gegen seine Mutter und seinen Vater.

Die Legende von der Entstehung der Welt kennt in Neuseeland jedes Kind, Maori oder nicht. Wohl fast ebenso berühmt ist die lebendige Verkörperung des aufmüpfigen Waldgotts: Ruhig, mächtig und mit 51 Metern Höhe kaum zu übersehen steht Tane Mahuta, der größte unter Neuseelands selten gewordenen Kauri-Bäumen, im Waipoua Forest, etwa zwanzig Minuten von Opononi entfernt. Zwischen 1250 und 2500 Jahre soll der lebende Waldgott alt sein, der bereits 1924 entdeckt und identifiziert wurde.

Nach dem beeindruckenden Tane Mahuta ist auch eines der sechzehn Thermalbecken der Ngawha-Quellen beim Ort Kaikohe benannt. Ein Bad darin soll vor allem gegen Verbrennungen helfen, heißt es. "Die Becken unterscheiden sich nicht nur in ihrer Heilkraft, sondern auch in Temperatur, Mineraliengehalt und Wasserfarbe", berichtet Kate Clarke vom Vorstand der Quellen, rund fünfzig Autominuten von Manea entfernt.

Wie alles in der Kultur der Maori haben die Thermalbecken zudem ihr eigenes Whakapapa, ihre Genealogie: Sie stammen zwar von derselben Quelle, fließen aber durch individuelle Kanäle. Seit dem 16. Jahrhundert gehören die heißen Becken, die mit den Vulkanen auf Hawaii verbunden sind, zum Kulturgut der lokalen Bevölkerung. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, das unberührte Thermalwasser auch für die nächsten Generationen zu erhalten. Und dessen Heilkraft für körperliche Beschwerden wie Arthritis ist wissenschaftlich belegbar. Die Wohltag in Tane Mahuta, Doktor, Salomon, Bulldogge und den anderen Becken hingegen muss man spüren. "Das Wasser ist nämlich nur ein Teil der Medizin", spricht Kate die Überzeugung der Ortskundigen aus. Mindestens ebenso wichtig sei das, was im Wasser passiere, das entspannte Beisammensitzen von Alt und Jung im Becken, das Pflegen der sozialen Kontakte ebenso, wie sich Zeit für sich selbst zu nehmen - ohne von Handy, TV oder anderen Stressfaktoren abgelenkt zu werden. So lässt sich ein Eintauchen in die Kultur der Maori mit allen Sinnen genießen.

INFORMATION:

Erleben:

Manea Footprints of Kupe,

Kulturzentrum, maneafootprints.co.nz

Ngawha Springs, www.ngawha.nz

Waipoua, Wald-Erkunden, Footprints of Waipoua, footprintswaipoua.co.nz

Hundertwasser Art Centre and Wairau Maori Art Gallery,

hundertwasserartcentre.co.nz

Te Ahurea Living Experience, www.teahurea.co.nz

Kiwi North (kiwinorth.co.nz
Schlafen:

Matapouri Glamping, Unterkunft zum Träumen, Safari-Zelt mit herrlicher Aussicht,

www.matapouriglamping.co.nz.

Kerikeri Glamping, fünf Themenzelte mit gemeinsamem Bad, Küche und WC, www.kerikeriglamping.co.nz.

Speisen:

Fish&Chips, manchmal mit Kumara-Chips aus den neuseeländischen Süßkartoffeln; herzhafte Pies mit verschiedensten Füllungen. Gute Adresse ist das Boat Shed in Rawene, www.boatshedcafe.co.nz/menus/
Auskünfte zur Region:
www.northlandnz.com;
airnewzealand.co.nz/destination-northland

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