Reisen

Durch die Abruzzen: Majella und Magie

Stufen hinauf in den Himmel. Eine Reise durch die Abruzzen.

Als der liebe Gott die Erde erschuf, hat er vor allem an Rom gedacht. Zum Glück für die anderen Regionen, wie zum Beispiel die Abruzzen. Die sind heute noch so, wie sie schon immer waren - warm, schön, rau und voller Magie.

Mit Kurs auf Chieti, Sulmona und Atri, herrliche Städte in einer so merkwürdigen Landschaft zwischen Adria und Apennin, nehmen wir die magische Spurensuche auf. Chieti ist eine der ältesten Städte Italiens. Ihr Archäologisches Museum, 300 Meter über dem Meer, bewahrt eine Sensation aus Stein auf: den "Krieger von Capestrano" aus dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert, eine Skulptur voller Rätsel. Sein Hut, groß wie ein Sombrero, ist wahrscheinlich ein wehrhafter Schild. Nur, warum trägt er den auf dem Kopf? Sein Schwert hält er nicht in der Hand, sondern umarmt es. Seine breiten Hüften und die schlanke Taille sind auffallend weiblich. Sieht so ein Krieger aus?Hinauf zum ApenninEs geht zum Apennin. Wir schlängeln uns auf zum Teil bedrohlich steil abstürzenden, aber aufregend schönen Straßen hinauf. Links ein Burggemäuer, rechts ein Bauernhof, links ein Abhang, rechts eine Steilwand, dann umgekehrt.

Über Roccaraso und Campo di Giove in mehr als 1000 Metern Höhe, Wintersportzentren, wo man im Sommer umso ungestörter wandern kann, führt uns der Weg zu borstigen Wiesen und unberührter Natur mit ungefilterter Luft und ungetrübten Ausblicken. Die Gämsen, weit, weit im Hintergrund, geben acht.

Das Ziel heißt Sulmona, ein Ort voller Kirchen und Kulinarik, Poesie und Paläste, bis hin zu einem stolzen Aquädukt, das quer über den Hauptmarkt läuft. Hier ist im Jahr 43 vor Christus einer der größten Dichter lateinischer Sprache geboren worden, Ovid. Seine Verse von der "Liebeskunst" genauso wie - umgekehrt - die "Heilmittel gegen die Liebe" brachten ihm prompt die Verbannung ans Schwarze Meer ein.Im Nachbardorf PacentroSzenenwechsel. Wir sind im Nachbardorf Pacentro, aus dem die Großeltern der zu Weltruhm aufgestiegenen Maria Louise Veronica Ciccone, besser als "Madonna" bekannt, stammen. Ein Mal im Jahr ziehen junge Männer ihre Schuhe aus und stürmen wie die Zigeuner (nach örtlicher Tradition war ein "Zingaro" arm und lief nur barfuß) den steilen Berg hinunter, kommen keuchend und mit blutenden Füßen wieder herauf bis zur Kirche, wo die Ärzte bereits mit Verbandszeug warten. Alles zur Ehre der Madonna von Loreto. Ein jahrhundertealtes Ritual. Kult? Klamauk? Gläubigkeit? Von allem etwas, aber so ist Italien.

Die schneebestäubten Gipfel waren stets präsent, aber erst jetzt sind wir der Mutter aller Gebirge richtig nahe gerückt, der Majella, wie sie die Abruzzesen ehrfurchtsvoll nennen. Es ist ein wildes, einsames, ein verschlossenes Gebirge, harsch und mächtig bis hinauf in die Spitzen der 2800 Meter. Manchmal, so meint man, steigt das Massiv aus dem Morgennebel heraus, als wäre es eine Insel in den ringsum ertrunkenen Tälern. Genau hier liegt vielleicht die Wiege der Spiritualität. Wen wundert's, dass rings um die Majella eine Einsiedelei nach der anderen zu finden ist, die eine über dem Abgrund hängend, die andere in die Wand geklemmt. Hier heißt es Stufen über Stufen steigen, um zu den Behausungen der Eremiten zu gelangen.Geheimnisvolle Kraft von obenAbgeschieden, aber dem Himmel ein bisschen näher, spüren wir selbst heute noch eine geheimnisvolle Kraft. Sie mochte auch den heiligen Peter von Morrone beseelt haben, der im Jahr 1294 als Cölestin V. den Papstthron bestieg, abdankte und dafür im Gefängnis landete. Als im Jahr 2013 abermals ein Papst, Benedikt XVI., emeritierte, blieb ihm dies erspart.

Benedikt XVI. war es auch, der durch seinen Besuch 2006 das Dörfchen Manoppello in die Schlagzeilen brachte: Im dortigen Kapuzinerkloster sei das Schweißtuch der Veronika, also das Abgar-Bild, entdeckt worden, ein Porträt von Jesus Christus. Entsprechend groß ist der Andrang der Gläubigen, die einen Blick auf das Seidentuch mit dem heiligen Antlitz werfen wollen.

Neben Wundern und Magie in den Abruzzen gibt es auch harte Realität. In L'Aquila, der abruzzesischen Hauptstadt, bebte vor fünf Jahren die Erde, doch die Stadt zerfiel nicht. 60.000 Menschen wurden mit einem Schlag obdachlos, aber sie widerstanden. Der Puls der Stadt, der Corso, pocht jedoch kläglich, zwei, drei eigensinnige Cafés haben geöffnet, ganze Viertel sind immer noch "Zona rossa": Sperrgebiet. Es riecht nach Moder und Zement. Der imposante Gran SassoDer mächtige Gran Sasso, 3000 Meter aufragend, hat das alles unbeschadet überstanden. An ihm fahren wir respektvoll vorbei nach Atri, diesem sympathischen Renaissance-Städtchen, von dem vielleicht die Adria ihren Namen bezogen hat. Diese meint man denn auch schon zu spüren. Und lässt sie den Schlussakkord spielen. Zwei, drei Tage sonnen, baden, schlendern und genießen sind wie der letzte Akt eines Schauspiels, das uns Szenen voller Magie geboten hat. Vielleicht ist die Natur selbst das größte Mysterium.

Quelle: SN

Aufgerufen am 20.11.2018 um 05:37 auf https://www.sn.at/leben/reisen/durch-die-abruzzen-majella-und-magie-3087157

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