Reisen

Einst Hölle, jetzt Himmel

Dem wenig bekannten Nordirland auf der Spur. Es muss nicht immer Küste sein: Das Hinterland birgt viel mehr als nur Sehenswürdigkeiten.

YIan Sturdee sagt: "Kalki", und zwar so, als hätte er ganz schlimmes Halsweh. Doch Sturdee ist kerngesund. Er ist lediglich waschechter Nordire. Als solcher hat er mit der Aussprache gälischer Wörter keine großen Schwierigkeiten. Was sich wie "Kalki" mit Rachenentzündung anhört, wird Cuilcagh geschrieben. Dabei handelt es sich offiziell um den hundertsiebzighöchsten Berg auf der Grünen Insel. Was den Cuilcagh so besonders macht, ist seine jüngste Geschichte. Und die ist wiederum untrennbar mit Ian Sturdee verbunden. Denn er hat sie geschrieben.

1985 war der Cuilcagh dem Tod geweiht. 2019 zählt die 655 Meter hohe Erhebung mit ihrem imposanten Rücken zu den touristischen Hotspots Nordirlands. Dazwischen liegen mehr als dreißig Jahre Kampf um ein einzigartiges, weil gigantisches Moor, das weite Flächen des Cuilcagh überzieht. "Riesige Maschinen fuhren damals auf. Sie kratzten den Torf von den Flanken des Berges", erinnert sich Sturdee mit Schrecken. Er verzieht sein von Wind, Sonne und Regen zerfurchtes Gesicht, als könne er den Schmerz des Berges fühlen. Die Auswirkungen auf das Ökosystem waren verheerend. Selbst die Qualität des Trinkwassers in der Umgebung begann zu leiden.

Als die Maschinen abzogen, kam der kleine, bullige Mann und nahm sich des schwer verwundeten Cuilcagh an. In bloßer Handarbeit forstete er mit ein paar Gleichgesinnten das Moor wieder auf. Heute kennt Ylan Sturdee jedes Kräutlein, jede Blume, jeden Busch, jeden Stein und jedes Tier, das sich angesiedelt hat. Um große Worte ist er nicht bemüht. Als wäre es ihm peinlich, murmelt er durch seinen buschigen, weißgrauen Bart: "Es ist das erste Moor der Welt, das wiederhergestellt wurde." Er blickt hinauf zum Gipfel, kneift die Augen zusammen und fügt leise hinzu: "Da bin ich schon ein wenig stolz drauf."

Seit Kurzem kann man das Moor durchschreiten und so trockenen Fußes den Cuilcagh bezwingen, auf dem die Fernsicht an klaren Tagen atemraubend ist und das Auge sich an der nahezu baumlosen, geschwungenen Landschaft sattsehen kann. Möglich macht dies der Boardwalk, ein gleichermaßen schlichter wie genialer Holzsteig aus hellen Brettern, der sich elegant durch den lebendigen Sumpf schlängelt. Von begeisterten Wanderern und Naturliebhabern wurde der Boardwalk längst zum "Stairway to Heaven", zum Stiegenhaus direkt in den Himmel, umgetauft. Vielleicht auch deswegen, weil man auf ihm irgendwie über das Moor zu schweben scheint. Dieser Bretterpfad ist Teil des Geoparks, zu dem auch die "Marble Arch Caves" gehören, eine zwei Kilometer lange Tropfsteinhöhle, die teils mit Booten durchkreuzt wird. Vom Besucherzentrum aus werden Touren angeboten, die entweder tief unter die Erde führen oder hinauf zu den torfigen Hängen des Cuilcagh.

Wie ein schlafender Riese liegt er da und wacht über die Grafschaften Fermanagh und Cavan. Dass erstere auf britischem und zweitere auf irischem Territorium liegt, mag politisch von Bedeutung sein. Dem schweifenden Blick sind die Grenzen egal, weil unsichtbar. Fernab tosender Meeresbrandung, fernab ausladender Besucherparkplätze und Buskolonnen wird hier aus dem Touristen schnell jemand, der dazugehört, der mit Landschaft und Bewohnern eins wird. Als würde er in aller Gemächlichkeit bis zu den Knien im Torf versinken, dabei entrückt lächelnd.

Für den Verstand ist es eine unüberwindbare Hürde, dass just hier, wo Seele und Geist zu einem großen, friedvollen Ganzen verschmelzen, einst die Hölle auf Erden gewesen sein soll. "Es gab immer Gründe, die Insel zu verlassen." - "Das Reisen ist in die irische DNA geschrieben." Es sind Sätze wie diese, die belegen, wie qualvoll sich das Leben noch vor 150 Jahren gestaltet hat. Die "Potatoe Famine", die Kartoffelpest, auch genannt "Great Hunger", der große Hunger, raffte von 1845 bis 1849 eine Million Menschen dahin. Ein Drittel der Bevölkerung ernährte sich damals ausschließlich von Erdäpfeln. Die Menschen darbten in winzigen, fensterlosen, verqualmten Hütten, besaßen weder Gestühl noch Schuhwerk und waren lediglich reich an Kindern, die, ohne jemals eine Schule von innen gesehen zu haben, mit den Händen aus Strohkörben aßen.

Die Grausamkeit steckt im Detail, denn wer sich in der schlimmsten Not an Hasen oder Fischen vergriff, dem drohten Gefängnis, Strick oder Fallbeil. Das Farmland gehörte nämlich dem Adel. Und der ließ die Bauernfamilien inmitten des satten Grüns elend zugrunde gehen. Religionskriege sowie enormer Arbeitsplatzmangel taten ihr Übriges: Allein aus Ulster - einer der vier großen irischen Provinzen, geografisch mit Nordirland nahezu deckungsgleich - wanderten im 18. und 19. Jahrhundert zwei Millionen Menschen aus. Die Hälfte davon in die Vereinigten Staaten von Amerika.

Bis zu 14 Wochen dauerte die Überfahrt ins gelobte Land. Die Zustände auf den überladenen Schiffen waren so entsetzlich, dass ein Drittel der unter Deck zusammengepferchten Männer, Frauen, Kinder die Passage nicht überlebte.

Davon erfährt man heute im Ulster American Folk Park in Omagh, mitten im bezauberndsten Nirgendwo Nordirlands. Knapp 20.000 Einwohner zählt die Stadt am River Strule, die immer ein bisschen verschlafen, aber nie ausgestorben wirkt. Gleiches gilt für Enniskillen am Südzipfel des Lower Lough Erne. Mit einer Länge von 20 Kilometern ist er der zweitgrößte See Nordirlands. Zahlreiche kleine Inseln recken ihre grünen Köpfe aus dem finsteren Gewässer - darunter auch Devenish, ein sagenhafter Ort und längst verlassen, auf dem vor tausend Jahren tausend Menschen lebten. Sie alle wurden magisch angezogen von einem Kloster, das der heilige Molaise auf dem Eiland im 6. Jahrhundert gründete. Die Überreste seines Grabes sind - nebst Rundturm, Friedhof und Hochkreuz - immer noch vorhanden. Weisheit ist angeblich jedem beschieden, der es schafft, den steinernen Sarkophag vier Mal zu umrunden, ohne zu stolpern.

Möge ebendiese Weisheit auch all jenen beschieden sein, die in Nordirland den Frieden erhalten sollen. Denn wenn es einst hieß, es gebe immer einen Grund, Nordirland zu verlassen - gegenwärtig gibt es immer einen, um es zu besuchen. Das nordöstliche Eck der Grünen Insel, nicht einmal doppelt so groß wie das Bundesland Salzburg, schleppt seinen Ruf als gefährliches, unsicheres Terrain größtenteils zu Unrecht mit sich herum. Zwar sind die Spuren der "Troubles", jener Kämpfe zwischen Katholiken und Protestanten, die zwischen 1968 und 1998 rund 3500 Tote gefordert hatten, nach wie vor sichtbar. Besonders in der Hauptstadt Belfast. Kämpferische Parolen an kilometerlangen Trennmauern, meterhohe Stacheldrahtzäune, die die Wohnviertel der beiden Streitparteien voneinander trennen sowie massive Eisentore, die abends verriegelt werden, damit es nicht zu gewolltem oder ungewolltem Kontakt kommt. Und fast jeder Nordire, egal auf welcher Seite er steht, kann seine persönlichen Erinnerungen zum Besten geben, kennt oder kannte Personen, die im Kugelhagel ums Leben gekommen sind oder jahrelang im Gefängnis saßen. Schmerz, Wut und Trauer sitzen vielerorts tief.

Doch der Bürgerkrieg gehört der Vergangenheit an. Nicht dem Hier und Jetzt. Belfast ist gerade dabei, sich zu einer Touristenmetropole zu entwickeln. Als Flaggschiff dient das Titanic Museum im Hafenviertel, das seit seiner Eröffnung 2012 Besucher aus aller Welt in Massen anlockt. In revitalisierten Fabriksruinen der längst verblichenen Leinenindustrie haben sich innovative Kleinbetriebe einquartiert, es gibt Festivals und Flaniermeilen ebenso wie ausgezeichnete Küche, passend zur traditionell hochgehaltenen Trinkkultur. Man spürt, wie Belfast sich aus seiner alten Haut zwängt, um neu zu erblühen. Im Sog der Titanic-City herrscht auch im Hinterland Aufbruchstimmung. Und allesamt hoffen sie inständig, dass die aktuellen politischen Verwerfungen ("Brexit") dieser Entwicklung nicht schon bald brutal einen Strich durch die Rechnung machen. Denn eine Grenze, die quer über den Cuilcagh verläuft, wäre nicht nur für den Torf-Moor-Retter Ian Sturdee unvorstellbar.

Aufgerufen am 25.10.2020 um 03:46 auf https://www.sn.at/leben/reisen/einst-hoelle-jetzt-himmel-68486836

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