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Zu Besuch bei Harry Potter im Filmstudio

Besuch in den Warner-Bros.-Filmstudios in Hertfordshire bei London. Wenn es mit echtem Schnee nicht klappt, hilft immer noch die Zauberkraft.

Tief beeindruckt. So ähnlich muss sich Harry Potter gefühlt haben, als er den Großen Saal in der Zaubererschule Hogwarts betrat. "Die Wände der Halle waren mit funkelnden Eiskristallen geschmückt und Hunderte von Girlanden aus Mistelzweigen und Efeu überwucherten die gestirnte schwarze Decke", heißt es im vierten der sieben Bücher, "Harry Potter und der Zauberkelch". Der Saal erstrahlt in festlichem Glanz. Nicht mehr für Harry und seine Freunde, die sind längst ausgeflogen. Aber für Besucher aus aller Welt.

Wer zu Weihnachten hier war, erinnert sich noch gut an gefüllten Norfolk-Truthahn und Schwein im Blätterteig-Schlafrock samt sautierten Kohlsprossen und Cranberrysaft. Klingt köstlich, schmeckt auch so. Typisch englisches Weihnachtsessen, erzählt Amy von der Harry-Potter-Studio-Tour. Keine Spur von magischem Drachenlenden-Steak oder einem Braten vom "Hippogreif", dem Fabelwesen, vorne Adler, hinten Pferd.
Das könnte daran liegen, dass Autorin Joanne K. Rowling in ihren Potter-Büchern trotz genereller Detailfreude auf insgesamt mehr als 4300 Seiten keinen Schwerpunkt auf das Thema Essen legt. Auch in den Filmen ist das kaum ein Thema. "Oft essen Harry, Ron und Hermine nur Kleinigkeiten, Snacks oder Süßigkeiten", sagt Amy. Sie ist Expertin, was das Leben von Harry Potter und seinen Freunden betrifft. Die Studio-Tour findet auf dem Gelände der Leavesden-Filmstudios unweit von London statt. Bis zum Zweiten Weltkrieg gab es hier einen kleinen Flughafen, wo Rolls-Royce Flugzeugmotoren produzierte.

Das Essen im Großen Saal von Hogwarts ist der erste Höhepunkt einer Tour durch die Warner-Bros.-Filmstudios in Leavesden in Hertfordshire, wo von 2000 bis 2010 die Harry-Potter-Filme gedreht wurden. Das Gelände ist zu einer Art Harry-Potter-Museum mutiert, einem magischen Ort, an dem Harry Potters Zauberwelt so zum Greifen nahe ist wie nirgends sonst.

Während der zehn Jahre dauernden, fast durchgehenden Drehzeiten fielen zahllose Kostüme, Requisiten und ganze Filmsets an, die aufbewahrt wurden, um sie bei Bedarf noch einmal verwenden zu können. Als 2010 der letzte Film im Kasten war, blieben mehrere Tausend Gegenstände und Kulissen übrig. Anders als sonst wurden sie nicht nach dem Dreh weggeworfen. Sie bilden heute den Grundstock einer Besichtigungstour durch die Entstehungsgeschichte der Harry-Potter-Filme.
Dazu gehört der Blick auf Harrys "Zimmer unter der Treppe" bei seinen spießigen Stiefeltern, den Dursleys, ebenso wie jener in das Burschen-Schlafzimmer samt ungemachten Betten und über den Sessellehnen hängender Wäsche von Harry und Ron, ebenso die Besichtigung von Hagrids Hütte zwischen Schloss und Verbotenem Wald. Dort lauern den nichts ahnenden Besuchern gigantische Riesenspinnen auf - auch sie sind wie der gesamte Wald im Winter komplett mit Schnee überzuckert. Apropos Wald: Für die Aufnahmen zu "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes" konstruierten Kulissenmaler bis zu 180 Meter lange Hintergründe.
Die Studio-Tour umfasst einen repräsentativen Teil aus 19 Bäumen mit beachtlichen Durchmessern von gut
3,7 Metern.

Ebenfalls zu sehen: die Peitschende Weide, in die Harry und Ron bei ihrem Versuch, einem verpassten Zug zu folgen, mit ihrem auffrisierten Ford Anglia krachen. Dieses Fahrzeug, in seiner Form dem ostdeutschen Trabi nicht unähnlich, habe sie in die Potter-Abenteuer aufgenommen, weil es für sie als Schülerin der Inbegriff von Freiheit war, erzählte die Autorin später. Seit einer ihrer Freunde den Führerschein hatte, "musste ich nicht mehr meinen Vater bitten, mich herumzukutschieren, was für einen Teenager das Schlimmste am Landleben ist". Freilich hat die Autorin das Originalmodell für Potter noch etwas gepimpt: mit einem Unsichtbarkeits-Servoantrieb und der wunderbaren Fähigkeit, fliegen zu können.

Ein weiterer und unbestreitbarer Höhepunkt der Potter-Studio-Tour ist der Besuch in der Zaubererbank Gringotts in der Winkelgasse. Turmhohe Marmorsäulen und Kristallluster bilden das von Kobolden geführte zeitlose Finanzinstitut, dessen Schätze nicht durch moderne Hochsicherheitssafes gesichert sind, sondern - altmodisch, aber wirksam - durch einen feuerspeienden Drachen.

Das berühmte Gleis 9¾ - jener verborgene Bahnsteig, von dem Zauberschüler aus der realen Welt der Muggel in das Reich der Magie wechseln können - wäre nun der logische Umsteigebahnhof zurück in die Realität. Doch nicht so schnell. Vorerst stehen noch diverse Werkstätten auf dem Programm, die gesammelten Entwürfe Dutzender unterschiedlicher Zauberstäbe, der dreistöckige Autobus und eine Verkostung des berühmten Butterbiers. Dazu nur eines - wer sich davon etwas annähernd Ähnliches wie Bier erwartet, der sei an dieser Stelle gewarnt.

Erst gegen Schluss des Rundgangs, für den man auch bei zügigem Tempo mindestens zwei Stunden veranschlagen sollte, ist erstmals die gesamte Schlossanlage zu sehen. Das existiert freilich nur als gewaltiges Modell, für das ein vormaliger Flugzeughangar gerade die erforderliche Größe aufweist. Sämtliche Außenaufnahmen wurden mit diesem Modell gemacht. Auch die winterlichen Szenen mit Schnee. Und über dessen Erzeugung gibt hier im Hangar eine eigene Station Aufschluss. Je nach Anforderung der Filmsequenz - ob er nun schweben und glitzern oder aber unter den Schritten von Harry, Ron und Hermine laut knirschen sollte - kamen dabei unterschiedliche Zutaten wie Papiergranulat und Salzkörner zum Einsatz. Bei den Dreharbeiten wurde die passende Mischung von oben durch ein Sieb auf die Filmszenerie gestreut - wie Staubzucker auf einen Kuchen.

Nichts mehr vermag einen zu überraschen am Ende dieser langen Reise durch das magisch verschneite Winterwunderland namens Hogwarts. Nicht einmal, wenn das grönländische Fräulein Smilla mit seinem untrüglichen Gespür für Schnee eine entfernte Cousine von Harry Potter wäre.

INFO

Anreise: Mehrmals pro Woche von Salzburg direkt nach London fliegen British Airways, Easyjet, Ryanair und Jet2com, www.salzburg-airport.com

Die Warner Bros. Studio Tour London - The Making of Harry Potter gibt es seit 2012, Tickets müssen im Voraus gebucht werden. Neu: magischer Afternoon Tea mit Teesorten, Kaffee, Sandwiches und englischen Scones, www.wbstudiotour.co.uk

Harry-Potter-Ausstellung in Wien, interaktiver Blick hinter die Kulissen, harrypotter-ausstellung.at

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