Reisen

Kaisers Brücken, Kaisers Austern

Die "Thronländer". Ein Besuch im Dreiländereck an der Adria führt zu den Spuren der Donaumonarchie in Kroatien, Bosnien und Montenegro.

Ein Blick aus dem Fenster des Ausflugsbusses, der auf der schmalen Küstenstraße über dem tiefblauen adriatischen Meer dahinrollt: tief unten die Bilderbuchkulisse der Altstadt von Dubrovnik, ein Mosaik aus grauem Stein und roten Ziegeldächern, davor in der Bucht geblähte weiße Segel, die auf das üppige Grün der vorgelagerten Insel Lokrum zusteuern - hier fand die US-Filmindustrie die ideale Kulisse für die Fantasy-Serie "Game of Thrones".
Eine Stadt im Spiegel des "Overtourism", eine Region als Spielball der Mächte. Im Bus von "Seniorenreisen" sind Österreicher unterwegs. "Vor gut 100 Jahren war der Kaiser Franz Josef noch da", sinniert einer, "und mein Urgroßvater auch." Unterwegs im Süden Kroatiens, im "Dreiländereck" zwischen dem einstigen k. u. k. Kronland Dalmatien, Bosnien und Montenegro, sind die Spuren der bewegten Geschichte sichtbar - nicht zuletzt jene der letzten zwei Jahrhunderte.
Ausgehend von Dubrovnik lassen sich bei gut zwei Stunden Fahrzeit entlang der zerklüfteten Küste oder durch wilde Karstgebirge pittoreske Städte und Landschaften erleben. Doch besonders in den Grenzregionen sind die Bruchstellen erkennbar, Häuserruinen mit Einschusslöchern - Spuren des Bosnien-Kriegs der 90er-Jahre. Ebenso unübersehbar sind die Spuren der vor 100 Jahren im 1. Weltkrieg untergegangenen österreichisch-ungarischen Monarchie. Diese Länder waren einst "Franz Josefs Land".
Verlassen und vergessen liegen die schienenlosen Trassen der ehemaligen Dalmatinerbahn da, halb schon überwucherte Tunnel, in der wasserlosen und unbewohnten Karstlandschaft der südöstlichen Herzegowina. Unter schwierigsten Anforderungen gebaut, diente die 1901 eröffnete Bahn primär militärisch-strategischen Zwecken der kaiserlichen Armee. Heute führen die Trassen auch in das Gebiet der selbsternannten Serbenrepublik "Republika Srpska".
Deren Zentrum ist Trebinje mit rund 30.000 Einwohnern. Fast 400 Jahre, bis 1878, war der Ort am verträumten Fluss Trebišnjica osmanisch. Davon zeugen die Stadtmauern und zwei Moscheen. 1908 kam die kaiserliche Militärverwaltung, man nannte das Annexion, und drückte der "Neustadt" mit ihrem Baustil den k. u. k. Stempel auf. Im Museum der Stadt befindet sich angeblich eine Hälfte des Denkmals, das 1917 in Sarajevo für den dort ermordeten Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Gattin Sophie errichtet worden war. Gleich gegenüber fällt der Blick auf ein Haus mit der Aufschrift "K. u. K. Brieftaubenzüchterverein - Station Trebinje". Wer die 80 Meter lange "weiße Brücke" über die Trebišnjica überquert, kommt zum einstigen Bahnhof und zu einer Dampflok aus Kaisers Zeiten, die immer noch dort steht.
Die Bahn, die Monarchie, die Brücken: In Mostar - mit 110.000 Einwohnern sechstgrößte Stadt in Bosnien-Herzegowina - gehören sie untrennbar zur Geschichte. Franz Ferdinand kam am 25. Juni 1914 mit der Bahn in die Stadt - drei Tage vor seiner Ermordung in Sarajevo. Wahrzeichen und Herz der Stadt ist jedoch die "alte Brücke", Stari Most. 1566 vollendet, spannt sie sich hoch über dem Neretva-Fluss, symbolträchtige Verbindung zwischen dem muslimischen Osten und dem kroatischen und daher katholischen Westen. Eingebettet in die Flusslandschaft zwischen Wachtürmen und Minaretten, ist sie UNESCO-Weltkulturerbe - 1993 im Krieg zerstört und nach siebenjähriger Bauzeit im Juli 2004 wieder eröffnet. Heute stürzen sich professionelle Brückenspringer wagemutig aus 20 Metern Höhe in die zehn Grad kalte Neretva, gegen ein Trinkgeld der begeisterten Touristen.
Zurück an der Adriaküste führen weitere Ausflüge im Dreiländereck in die Republik Montenegro. Kaum zwei Stunden von Dubrovnik entfernt gibt es mittelalterliche Altstadt-Juwele zu entdecken, allen voran Kotor. Die quirlige Hafenstadt liegt in einer großartigen Bucht, die - umrahmt von hohen Bergen - fast fjordähnlich anmutet. Die Venezianer errichteten die 4,5 Kilometer lange Wehrmauer, die das Städtchen heute noch umgibt, später wurde das Städtchen zum Stützpunkt der k. u. k. Marine. Und auch der Badeort Budva, mit seinem langen Sandstrand und der malerischen, von einer hohen Stadtmauer umschlossenen Altstadt mit Zitadelle, zählte zum Kaiserreich - hier, im südlichsten Zipfel der Donaumonarchie, war die letzte k. u. k. Garnison stationiert.
Wer wissen will, wie Sisis "Franzl" gespeist hat, sollte unbedingt einen Abstecher ins kroatische Ston unternehmen. Hier, im Schutz einer 5,5 Kilometer langen Mauer, hütete die Republik Ragusa nicht nur ihre Salinen: Seit der Römerzeit wurden und werden noch immer im glasklaren Wasser der Bucht von Mali Ston Austern gezüchtet. Nicht ohne Stolz erzählt der Wirt der "Vila Koruna", dass sich Kaiser Franz Josef wöchentlich aus Ston diese Austern nach Wien habe liefern lassen. Heute genießen die Bewohner von Ston 90 Prozent der jährlichen Austernproduktion lieber selbst. Man muss mit der Zeit gehen.

Info und Termine zu den Seniorentreffen:www.seniorenreisen.cc

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