Reisen

Kirchen, Bücher und die Liebe

Litauens Hauptstadt Vilnius. Die baltische Metropole ist ein geschichtsträchtiger Hingucker, nicht nur für Kunsthistoriker.

Wer frühmorgens die Vorhänge im geräumigen Zimmer des Hotel Kempinski in Vilnius aufzieht, ist geblendet. Oft von der Sonne, aber auf jeden Fall von der Schönheit des ehemaligen Centralen Telegraphenamts der litauischen Hauptstadt, in dem das Kempinski untergebracht ist. Und auch vom Anblick der klassizistischen Kathedrale, die in ihrem strahlenden Weiß mehr einem Tempel der Aufklärung gleicht als einer katholischen Kirche.
Vilnius ist immer für eine Überraschung gut. Die baltischen Länder - Estland, Lettland und eben Litauen - werden ja gerne in einem Atemzug genannt, in einen kulturellen Topf geworfen und auch meistens miteinander irgendwie verwechselt. Dabei sind sie trotz ihrer Kleinheit grundverschieden, und das trifft naturgemäß auch auf ihre Hauptstädte zu. Vilnius besitzt jedenfalls einen zutiefst mitteleuropäischen Charakter, sodass man sich sofort wie zu Hause fühlt, dazu den größten erhaltenen historischen Stadtkern im Osten Europas. Ein kleines Wunder, betrachtet man das nahe, im Zweiten Weltkrieg quasi völlig zerstörte Minsk. In Vilnius, zu Deutsch Wilna, ist die Altstadt jedoch nicht nur erhalten, sondern auch vollkommen intakt und wirklich so durchgehend instand gesetzt, dass nichts auf die Geschichte der Stadt schließen lässt. Von den einst 95 Synagogen des "Jerusalem des Nordens" steht allerdings nur noch eine. Aber von Ostblock keine Spur. Vilnius lebt, vibriert, pulsiert, fühlt sich an wie Klagenfurt oder Graz, es gibt alles hier: Geschäfte, Cafés, Restaurants, Bars, Galerien, Museen, mehrere Theater, zwei Opern ...
Und eine unglaubliche Anzahl von Kirchen in den verschiedensten Stilen, die dazu jeweils eine spezielle nationale Eigenart aufweisen. Kunsthistoriker erklären das damit, dass die betreffenden Moden hier, an der Peripherie Europas, immer mit einer gewissen Verspätung ankamen, sodass sie vervollkommnet und mit einer lokalen Note versehen werden konnten.
Das hervorragendste Beispiel dieses ästhetischen Sonderwegs ist die Kirche Sankt Peter und Paul. Mehr als 300 Jahre vor dem ersten "Concept Store" ließen die Litauer schon diese "Concept Church" errichten, in der alles, aber auch wirklich alles in Weiß gestaltet ist.
Weiße, bauschige Wolken ziehen von der Ostsee her über das Spätsommerblau des Himmels. Nicht unpassend. Ist doch die Hauptstadt von Litauen ein Barockjuwel, von überschaubarer Größe, ein wenig verspielt, fast mediterran. Auf den hübschen Plätzen, zwischen vanillefarbenen Fassaden lässt sich ein Espresso schlürfen, plaudern, oder eine kleine, gefüllte Teigtasche namens "Pirogi" verspeisen. Und über die guten Seiten von Social Media sinnieren. Denn vor ein paar Jahren bescherte mir Fook die Freundschaft mit Andrius Mamontovas. Der stellte sich bei unserer Begegnung in Vilnius nicht als einfach irgendein sympathischer Schauspieler heraus, sondern entpuppte sich als gefeierter Popstar seines Landes und sogar ein wenig als Nationalheld Litauens. Sein - noch zu kommunistischen Zeiten - produzierter Hit "Lagerfeuer" war damals zur Hymne der Unabhängigkeitsbewegung geworden. Was für eine Überraschung. Starrummel auf Litauisch: Als er beim Stadtrundgang im Künstlerviertel Uzupi an jeder Ecke von Bewunderern und Fans um Autogramme gebeten wurde, tat er dies mit größter Bescheidenheit und Selbstverständlichkeit.
Es ist ein liebenswürdiges Volk und ein Volk von Bücherwürmern. Vor einigen Jahren hatte ein Student am Fluss Neris "Ich liebe dich" gepinselt. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten, bald las man "Ich dich auch" am gegenüberliegenden Ufer. Die Stadtväter ließen kurz entschlossen die beiden Botschaften an der Uferböschung in Blumen pflanzen. Vilnius ist eine Studentenstadt, rund 25.000 davon zählt die älteste Universitätsstadt des Baltikums, verteilt auf zwölf Fakultäten. Bücher und Wissen werden hoch geschätzt. Als den Litauern nach einem missglückten Aufstand gegen die Knute des Zarenreichs 1863 ihre Sprache, eine der ältesten Europas und nur mit dem benachbarten Lettisch verwandt, verboten wurde, war dies der Anfang des großen litauischen Bücherschmuggels, der bis 1904 andauerte. Diese dunkle Ära ist vorbei. Heute zeigt die Universitätsbibliothek aus dem Jahr 1570 ganze 166 Laufkilometer an Regalen und prunkvolle Lesesäle. Ein wenig Romantik und Legende hat dennoch den Geisteswissenschaften standgehalten. Am "Tor der Morgenröte" etwa, dem letzten mittelalterlichen Stadttor, wo die goldverbrämte Schwarze Madonna einst Vilnius vor dem Feuer bewahrte und noch heute um allerlei Wunder angefleht wird. Und darum, dass Andrius Mamontovas nie wieder ein Widerstandslied komponieren muss.

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Aufgerufen am 18.11.2018 um 03:25 auf https://www.sn.at/leben/reisen/kirchen-buecher-und-die-liebe-38894083