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Kirchtürme an der Elbe

Deutsche Straße der Romanik. Mit viel Liebe werden rund um Magdeburg in Sachsen-Anhalt historische Kleinode restauriert.

Traumhaft, dieses Panorama: Über dem Zusammenfluss von Elbe und Tanger gleitet der Blick über eine weite, kaum besiedelte Aulandschaft, aus der nur die beiden Kirchtürme von Jerichow am Horizont hervorragen. Nur die modernen Windräder muss man sich wegdenken, ansonsten scheint sich hier nicht allzu viel verändert zu haben, seitdem Kaiser Karl IV. im 15. Jahrhundert den Hügel von Tangermünde zu seiner Kaiserpfalz ausbauen ließ.

Wären die Tangermünder nicht so stur gewesen und hätten sie sich nicht vehement gegen eine Biersteuer gestemmt, dann wäre ihre Kleinstadt heute vermutlich deutsche Bundeshauptstadt und Millionenmetropole. Denn Kaiser Karl IV. zog mit seinem Tross letztlich verärgert weiter nach Cölln im heutigen Berlin. Gut so: Mit den gepflasterten Straßen und den kleinen Fachwerkhäusern ist Tangermünde heute ein beliebter Drehort für Historienfilme und selbstredend einer der schönsten Stopps auf der Straße der Romanik.

Schon bald nach der Wende, vor 25 Jahren, wurde diese touristische Route im ostdeutschen Bundesland Sachsen-Anhalt ins Leben gerufen. Sie sollte der schwer geprüften Region neues Selbstverständnis schenken. Tatsächlich ist Sachsen-Anhalt reich an einzigartigen mittelalterlichen Prunkstücken, darunter die UNESCO-Weltkulturerbe-Kirchen und Domschätze in Naumburg und Quedlinburg. Die Straße der Romanik führt beinahe durch das gesamte Bundesland und bildet die Form einer Acht, mit Magdeburg als Schnittpunkt, wo neben der ältesten gotischen Kirche Deutschlands das noch ältere Prämonstratenserkloster Unserer lieben Frauen steht, das als Museum für zeitgenössische Kunst genutzt wird und dessen imposante romanische Architektur großteils noch erhalten ist.

Kaum mehr als eine Stunde dauert die Autofahrt entlang der Elbe von Magdeburg zum Kloster Jerichow, dem ältesten monumentalen Backsteinbau nördlich der Alpen. Feldsteine waren im Schwemmland rar, lediglich die ornamentreichen Kapitelle, durch die keine Säule der anderen gleicht, sind aus Stein. Das Kloster liegt am rechten Elbufer, von hier aus missionierte man die widerspenstigen Slawen, die östlich des Flusses hausten. Ein paar Kilometer weiter, in Havelberg, steht der Dom St. Marien. Sein massiges, festungsartiges Westwerk zeugt von seinem romanischen Ursprung, innen ist er jedoch gotisch - die romanischen Kirchen wurden später häufig umgebaut.

Erfreulich ist der dynamische Geist, dem Besucher entlang der Straße der Romanik begegnen. Obwohl der Anteil der Gläubigen in Sachsen-Anhalt vergleichsweise gering ist, werden die Kirchen, die vor der Wende unter den Kommunisten verkümmerten, mit großem Elan von Fördervereinen saniert. So wie die Kirche in Sandau, die seit dem alliierten Wettlauf um Berlin zum Ende des Zweiten Weltkriegs mehr als sechzig Jahre lang als Ruine dastand und dessen ursprungsgetreu restaurierter Turm nun Besuchern eine Aussichtsplattform bietet. Oder die Stiftskirche in Beuster, die nach ihrer Trockenlegung nun liebevoll restauriert wird.

Aktuell zählt die Straße der Romanik 88 zertifizierte Gebäude, Tendenz steigend. Neu dabei ist die Kirche von Seehausen, deren romanischer Ursprung sich in einem einmaligen Westportal zeigt. Interessantes Detail: die simpel geschmückten Rundbögen beziehen sich auf Jesus, ohne ihn bildlich zu zeigen. Mit Kugeln als Symbol der Vollkommenheit und Zacken für den Strahlenkranz.

Die Geschichte der Romanik-Straße ist zugleich eine Geschichte des modernen Pioniergeists. Bernd Prüfert, zum Beispiel, kaufte bald nach der Wende aus dem Westen kommend ein völlig verlassenes Gutshaus mitten im Nirgendwo. Heute liegt sein Gutshaus Büttnershof direkt am beliebten Elbradweg und dient Radfahrern als pittoreske Jausenstation und Unterkunft. Ebenfalls in einem erbärmlichen Zustand war seinerzeit das Fachwerkhaus, das Tiemo Schönwald als frischgebackener BWL-Absolvent in Tangermünde neben der Stadtkirche erstand und mithilfe seiner Familie in die originelle "Exempel Gaststube" verwandelte. Dort sitzen die Besucher zwischen antikem Handwerkskrempel auf alten Schulbänken und blättern im Reiseführer von Heinzgeorg Oette und Ludwig Schumann, einem der wenigen, die es über Sachsen-Anhalt gibt.

Das Essen ist zünftig, wie in alten Zeiten, das Konzept geht auf. So wie auch das Herz der Besucher der Romanik-Straße, wenn auf der Terrasse des Schlosshotels Tangermünde, dem Kaiserblick-Ort, die Strahlen der untergehenden Sonne in einem Glas mit köstlichem Grünen Silvaner aus dem hiesigen Weinbaugebiet Saale-Unstrut funkeln.

INFORMATION

Anreise:

Mit dem Auto von Salzburg in etwa sechs Stunden Fahrzeit erreichbar. Ab Wien Direktflüge mit Austrian nach Leipzig, von dort mit dem Zug nach Halle (Saale) oder Magdeburg, www.austrian.com

Tipp:

Rund um den 9. September gibt's Events und Konzerte zum 25-Jahre-Jubiläum der Straße der Romanik, www.strassederromanik.de

Generelle Info zu Land und Kultur:

www.tourismusverband-sachsen-anhalt.de

www.germany.travel

Quelle: SN

Aufgerufen am 24.09.2018 um 12:44 auf https://www.sn.at/leben/reisen/kirchtuerme-an-der-elbe-39435967

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