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Norderney: Zwischen Watt und Wolken

Deutschlands ältestes Nordseebad ist dabei, das etwas altbackene Kurort-Image abzustreifen. Die ostfriesische Insel Norderney punktet mit herbem Charme und als ein Ganzjahresziel für Ruhesuchende.

Die Begrüßung war friesisch-herb: am Hafen nach der Ankunft mit der Fähre von Norddeich fragt eine Frau den Fahrer des kleinen Inselbusses: "Ich muss zur Georgshöhe, fahren Sie da hin?" - "Ich bleib sogar stehen", kam die Antwort. Moin, Moin, willkommen auf Norderney, dem ältesten Nordseebad Deutschlands. So schroff, wie solche knappen Worte für österreichische Ohren klingen, ist das aber meist nicht gemeint. So kühl sie oft wirken mögen, in Wahrheit sind die meisten Nordlichter sehr freundlich und haben das Herz auf dem rechten Fleck.

Als Insulaner, wie sie sich selbst nennen, leben die Norderneyer seit mehr als 200 Jahren mit den Touristen. 1797 erklärte sich Preußenkönig Friedrich Wilhelm II. mit der Errichtung einer Badeanstalt einverstanden. Auch die ostfriesischen Stände, eine Art Regionalparlament, stimmten zu und schließlich konnte das erste Seebad an der Nordsee im Jahr 1800 eröffnet werden - Vorbilder waren die britischen Seebäder und das erste in Deutschland in Heiligendamm an der Ostsee. Anfangs kamen nur wenige Menschen von außerhalb Ostfrieslands, um im Reizklima mit klarer Seeluft und kaltem Meerwasser Erholung zu suchen. Als Norderney nach dem Wiener Kongress 1815 dem Königreich Hannover zugeschlagen wurde, änderte sich das allmählich. Der Dichter Heinrich Heine verbrachte 1825/26 zwei Sommerurlaube auf Norderney. Er beschrieb auch das harte Leben der Insulaner, die "einen Tee trinken, der sich von gekochtem Seewasser nur durch den Namen unterscheidet, und eine Sprache schwatzen, wovon kaum begreiflich scheint, wie es ihnen selber möglich ist, sie zu verstehen". Das damit gemeinte Plattdeutsch, das dem Niederländischen ähnelt, ist heute im Alltag noch verbreitet auf der Insel. Als Mitte des 19. Jahrhunderts der Hannoveraner Hofstaat im Sommer stets auf Norderney logierte, zog das mehr betuchte und adelige Gäste an. So gingen die Insulaner, die bis dahin nur von Fischfang und Seefahrt lebten, dazu über, ihre eigenen Zimmer zu vermieten und die Dachböden auszubauen. Später wurde ein erster Stock auf die Fischerhütten gesetzt und es wurden Veranden angebaut, viele davon sind heute im Stadtkern von Norderney noch erhalten.

An die Anfänge erinnern noch einige Namen, die Dünen Georgshöhe am Nordstrand und Marienhöhe am Weststrand etwa an das Königspaar, das den Aufschwung brachte. Männer und Frauen wurden anfangs getrennt mit Karren zu verschiedenen Strandabschnitten gefahren, wo sie liegend oder kniend badeten. Heute zeugen davon die Straßen Herrenpfad und Damenpfad.

Touristisch ist Norderney längst ein Riese - das flache, rund 14 Kilometer lange und 2,5 Kilometer breite Eiland zählt nur gut 6000 Einwohner, dazu kommen viele Zweitwohnungsbesitzer. Doch hier bleiben die Gäste noch relativ lang - im Schnitt rund eine Woche. Das ergab 2016 zum Beispiel mehr als 3,6 Mill. Übernachtungen, dazu kamen noch mehr als 200.000 Tagesgäste, die von Norden-Norddeich mit einer der Frisia-Fähren übersetzten. Auch im Herbst und rund um Neujahr ist Hochsaison.

Dennoch ist es einfach, auf der Insel Ruhe zu finden. Wetterfest sollte man schon sein, aber die weiten Strände an der Nordseite locken zu endlosen Spaziergängen. Radausflüge sind ebenfalls fein, wobei der Wind ein harter Gegner sein kann. Nicht umsonst gibt es den Spruch: "Wind ist erst, wenn die Schafe keine Locken mehr haben." Wer sich traut, kann auch bei Kälte unter Anleitung in die Nordsee gehen. Danach ist einem wohlig warm, das steht fest.

An der Südseite liegt das Wattenmeer, das bei Ebbe faszinierende Einblicke in das Ökosystem bietet- ohne fachkundige Führer ist das Betreten aber verboten. Wenn das Wasser zurückkehrt oder Nebel einfällt, herrscht Lebensgefahr im Watt.

Ans geschützte Wattenmeer kommen die meisten, weil sie Entspannung und Naturerlebnis suchen und nicht wegen der Partyzone, die es da und dort auch gibt. Dennoch ist es Norderney in den vergangenen Jahren ganz gut gelungen, die verzopfte Kurort-Ausstrahlung abzustreifen. Es gibt neben den altehrwürdigen Bade- und Kureinrichtungen - vom 1837 errichteten Conversationshaus bis zum tollen Badehaus im Bauhausstil - eine vielfältige Gastronomie jenseits von Backfisch und Bratkartoffeln, eine florierende Inselbrauerei und auch bei den Unterkünften hat sich viel getan. Ein Beispiel dafür ist das Boutiquehotel Inselloft. Dafür wurden vier historische Häuser aus der Wende zum 20. Jahrhundert behutsam saniert. Eine durchgehende Veranda schafft hier am Damenpfad eine einladende Atmosphäre für die zugehörige Bäckerei und den Laden samt Vinothek.

So manche Insulaner reden davon, dass Norderney sogar drauf und dran sei, der heute berühmteren Insel Sylt den Rang abzulaufen. Immerhin hat der Fischhändler Gosch aus Sylt im Zentrum von Norderney bereits eine Filiale. "Norderney korrekt angesteuert", so heißt es da. Für Fischliebhaber ist so ein Krabbenbrötchen immer eine Sünde wert. Auf Norderney heißen die kleinen Nordseegarnelen übrigens Granat, das kann nur vom Glitzern in der Sonne kommen. Ein paar Straßen weiter hängt wie zur Bestätigung ein Schild bei einem Geschäft: "Ein Leben ohne Fischbrötchen ist möglich, aber sinnlos" heißt es in Anlehnung an den berühmten deutschen Humoristen Loriot.

Zufällig trafen wir bei der Rückfahrt auf der Fähre am Ausgang Richtung Land wieder auf Altbürgermeister Klaus-Rüdiger Aldegarmann, der uns am Tag zuvor über die Geschichte einer Insel erzählt hatte. Der topfitte Mittsiebziger war gerade zu einem Surfurlaub in wärmere Gefilde aufgebrochen. Angesprochen auf das zuvor heftige Schlingern der Fähre in vier bis fünf Meter hohen Wellen - der Bordservice wurde eingestellt, einige Gläser barsten -, musste der Insulaner schallend lachen: "Was soll da schon passieren in dem flachen Wasser?" Na fein, man kann getrost wiederkommen.

Info Norderney

Die Insel Norderney ist Deutschlands ältestes Nordseebad (seit 1797) auf den ostfriesischen Inseln Niedersachsen. Anreise per Bahn und Fähre (ab Norden-Norddeich), der Autoverkehr ist beschränkt, man fährt Rad.

Info zur Insel:
norderney.de;
reederei-frisia.de;
www.germany.travel

Aufgerufen am 21.11.2018 um 05:51 auf https://www.sn.at/leben/reisen/norderney-zwischen-watt-und-wolken-53968558

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