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Pioniere der Kaiserin

Schwäbische Türkei. Im südlichsten Komitat Ungarns pflegen die von Maria Theresia angesiedelten Donauschwaben noch heute ihre Traditionen.

Ende August 1526: Der jugendliche Ludwig II., König von Ungarn, rüstet zur Schlacht, um sich Sultan Suleimans Heer entgegenzustellen. Nur wenige Kilometer von Mohács entfernt, unweit der Donau, kommt es zum entscheidenden und ungleichen Treffen. Die Türken haben fast vier Mal so viele Kanonen, bald ist der Kampf entschieden, wenige Magyaren überleben. Der König flieht mit seinen letzten Getreuen und stürzt sich samt Pferd laut Legende am nahen Cselebach bei Mohács zu Tode. 150 Jahre osmanische Herrschaft folgen. Die ist längst vorbei, nur am Cselebach graben heute noch Unbeirrbare nach der königlichen Kriegskasse aus längst vergangenen Zeiten.

Wer heute von Mohács, einer gemütlichen Kleinstadt an der Donau, die Landstraße entlang kommt, steht bald mitten in der Baranya, der Braunau - dem Land der Donauschwaben. Zwischen ausgedehnten Weizen-, Mais- und Sonnenblumenfeldern, zwischen Weinbergen und Fischteichen versteckt, wartet ein anheimelndes Dorf, überragt von zwei eindrucksvollen Kirchen - die eine katholisch, die andere serbisch-orthodox. Am Ortseingang schon das zweisprachige Schild "Somberek - Schomberg".

An der Hauptstraße stehen adrette Einfamilienanwesen, später dann bunt gestrichene Schwabenhäuser, die stets mit dem Giebel zur Straße blicken und an den Längsseiten zu den Stallgebäuden hin mit einer überdachten Galerie abschließen. Aus dem Kindergarten tönt zaghaft ein deutsches Lied, und auf der Straße plaudern in der Mittagssonne die Dorffrauen - einige von ihnen in der überlieferten Tracht. Es ist ein Dialekt, der uns ein leichtes Schmunzeln entlockt - das Donauschwäbische.

Franz Michaelis, Michelisz auf Ungarisch, der rührige Schomberger Heimatforscher - seine Vorfahren kamen im 18. Jahrhundert aus der Nähe von Karlsruhe - blättert im Geschichtsbuch: Nach der 150-jährigen osmanischen Unterdrückung siedelte Maria Theresia, regierende Erzherzogin von Österreich und Königin von Ungarn, um 1740 im entvölkerten Somberek - das seinerzeit neben ungarischen vor allem von serbischen Familien bewohnt wurde - und in den umliegenden Orten die ersten deutschen und österreichischen Auswanderer an. Sie kamen vermutlich über die Donau flussabwärts mit den sogenannten Ulmer Schachteln, hölzernen Frachtkähnen, aus Bayern, Baden, Württemberg, der Pfalz und auch aus Österreich in die "Schwäbische Türkei" - verwüstetes Osmanengebiet. Ihnen wurden Steuerfreiheit, Freizügigkeit, Religionsfreiheit und
andere Privilegien versprochen. Schon 1752 beherbergte die Hälfte der Schomberger Anwesen donauschwäbische Siedler. Und 1759 gab es im Ort neben der serbischen die erste deutsche Schule.

Heute bilden die Deutschen in Ungarn die zweitgrößte nationale Minderheit nach den Roma. Ihre Zahl wird gegenwärtig auf etwa 185.000 geschätzt, die meisten davon in den Regionen Baranya (um Pécs/Fünfkirchen), Tolna/Tolnau (um Szekszárd/Sechsard) und Somogy/Schomodei (um Kaposvár/Kopisch). Im 1500-Seelen-Dorf Schomberg machen die Donauschwaben und ihre Nachkommen immerhin fast zwei Drittel der Einwohner aus. Die Namen der Alteingesessenen zeugen davon - Buchhammer, Hoffmann, Kohl, Hofstädter, Rittlinger und Hartung …

Die Ungarndeutschen pflegen nun wieder, nachdem das bis in die 50er-Jahre des vorigen Jahrhunderts bei der "Obrigkeit" nicht immer gern gesehen war, ihre alten, guten Traditionen, die Otto von Habsburg - einst für kurze Zeit österreichisch-ungarischer Kronprinz - vor Jahren bei einem Besuch in Schomberg besonders lobte. Bester Beweis sind das dörfliche Heimatmuseum und das Deutsche Haus - ein schwäbischer Bauernhof mit allem Drum und Dran zum Vorzeigen. Mit viel Liebe ist hier alles zusammengetragen, was an Geschichte und Lebensart der Vorfahren erinnert. Und dann stehen im Jahreslauf wie in fast allen Dörfern der Braunau noch allerlei bunte Feste und Umzüge auf dem Programm, von deutschen und ungarischen Bewohnern gemeinsam ausgerichtet. Liederkranz und Kindertanzgruppe,
Jugendblaskapelle und Seniorengesangsverein, Kindergarten und Schule - die deutsche Sprache steht ganz oben in der Beliebtheitsskala, auch bei den ungarischen Kindern und Jugendlichen.

Der Bürgermeister selbst ist Ungar und parteiunabhängig. Und er setzt auf Gemeinsamkeit. "Bei uns", sagt Tamás Csoboth, "kommt es nicht auf die Nationalität an, sondern auf das, was jeder für die Gemeinschaft leistet." Anregungen dafür kommen auch von den Partnergemeinden, wie etwa Sinabelkirchen bei Graz, sowie manche materielle Unterstützung. Der Abschied von Schomberg und der Baranya mit dem bunten Völkergemisch von Ungarn, Deutschen, Roma, Kroaten und Serben fällt ganz schön schwer. Doch das Wiedersehen mit den Menschen aus Transdanubien und ihrer Landschaft, ihrer Geschichte und ihren Geschichten ist schon versprochen - spätestens zur nächsten Weinlese. Denn in vielen der donauschwäbischen Dörfer werden
Urlaubstage auf dem Bauernhof oder in den Kellerhäusern der Weinberge angeboten.

Quelle: SN

Aufgerufen am 15.10.2019 um 06:18 auf https://www.sn.at/leben/reisen/pioniere-der-kaiserin-68486554

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