Reisen

Reif für die Inseln

Malediven. Nirgendwo ist der Traum von der einsamen Insel näher als hier. Fad ist es trotzdem nicht.

 SN/tui/floriran albert

Tharaf und Afu sitzen im Schatten vor dem Wassersport-Häuschen. Ein paar bewegungshungrige Gäste gleiten mit dem Stand-up-Paddel in der Lagune von Riffsaum zu Riffsaum. Wie auf einem türkisen Teppich schieben sich die kleiner und größer werdenden Menschlein hin und her - die gerade Linie der aneinandergereihten Wasserbungalows als einzige Referenz am Horizont.

Nein, sagen die beiden jungen Malediver, sie interessierten sich nicht für Politik. "Politik, das ist Malé", erklärt Tharaf. Und die Hauptstadt-Insel sei weit weg. Überhaupt sei dort alles anders, viel zu wenig Platz, und Leute, die glaubten, nicht arbeiten zu müssen. Und Präsidenten, die sich zu viel Macht herausnehmen. Der jüngste - und mittlerweile abgewählte - verursachte zuletzt unangenehme Negativschlagzeilen. "Schatten im Inselparadies", titelten die Medien weltweit. Der Mächtige hatte auf einen versuchten Sturz mit Inhaftierungen, Ausnahmezustand und Ausgangssperren geantwortet. Die Welt war entsetzt. Die beiden jungen Männer sagen dazu nur: "So etwas berührt die Inseln nicht." Den Blick in die Ferne gerichtet, mag man es ihnen glauben. Zumal die jüngsten Präsidentschaftswahlen der gemäßigte Oppositionskandidat Ibrahim Mohamed Solih für sich entscheiden konnte. Sieg der Demokratie im Inselreich klingt schon viel besser.

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Politische Gedanken lösen sich im Inselparadies aber schnell in Nichts auf. Stattdessen kommen Gedanken an die Schöpfung in den Sinn, und dass der liebe Gott sich bei den Malediven gedacht haben mag: Heute mache ich einen auf Blau. Blitzblau für den Himmel, strahlendes Türkis für Lagunen und Riffsaum, tiefes, meditatives Blau für das offene Meer. Und weil die Farbe Blau bekanntlich die Kreativität fördert, warf er Perlen in die See, aus denen bewachsene Inseln wurden. Ja, auf den Malediven kann sein, dass selbst Ungläubige erkennen, eine Seele zu haben.

Für die meisten Menschen auf Erden ist der Archipel im Indischen Ozean schlichtweg eines: der Inbegriff vom Traum der einsamen Insel. Und nirgendwo ist der näher, als hier. 1196 Eilande zählt der muslimische Inselstaat, nur 220 sind von Einheimischen bewohnt. Und wer würde sich das dicht besiedelte Malé aussuchen, gibt es doch traumhafte palmenbestückte Alternativen rundum, die - in jedem Fall für die Gäste - Entspannung pur verheißen.

Vom Massentourismus, der die Menschen mittlerweile in so vielen Winkeln dieser Erde plagt, ist man auf den Malediven tatsächlich (noch) weit entfernt. Nicht mehr als 127 Inseln sind derzeit als Hotel-Resorts der touristischen Nutzung gewidmet. Adam Szkopp beschreibt es ganz offenherzig so: "Man ist hier am Arsch der Welt." Breites Grinsen. Er sagt das natürlich liebenswert.

Zwei Flugunternehmen mit zusammen 55 Wasserflugzeugen bringen die Malediven-Urlauber auf ihre Trauminsel.  SN/tui/florian albert
Zwei Flugunternehmen mit zusammen 55 Wasserflugzeugen bringen die Malediven-Urlauber auf ihre Trauminsel.

Seit 17 Jahren arbeitet der gebürtige Pole für das deutsche Club-Tourismus-Unternehmen Robinson. Seit einem Jahr ist er auf der Insel Orivaru im neu eröffneten Club Noonu der General Manager. Als solcher darf auch er sich Träume erfüllen. Den vom eigenen Obst- und Gemüsegarten oder dem Gewächshaus, das er plant. So viel wie möglich soll auf der Insel selbst produziert werden, sagt Adam. Denn ein Kreuzfahrtschiff, mit dem ein Inselhotel auf den Malediven vergleichbar sei, bewege sich, "wir tun das nicht". Deshalb müsse man effizient arbeiten, nichts Verschwenden, Ressourcen, die es ohnehin kaum gibt, schonen.

Adam bittet hinter die Kulissen, ins eingezäunte Herz der Insel, um zu zeigen, was hinter dem Traumurlaub steckt. Hier befinden sich die Unterkünfte für 380 Mitarbeiter samt Swimmingpool, eigener Küche und Fußballplatz. Hier werden Laken und Handtücher gewaschen in drei 40-Kilo-Maschinen und riesigen Trocknern. In einer Näherei werden verloren gegangene Knöpfe an Servierhemden wieder angenäht. Und hier schlägt auch die technische Hauptschlagader des Inselparadieses - mit Kläranlage, Trinkwasseraufbereitung, Entsalzungs- und Flaschenabfüllanlage, die zentral gesteuerte Klimaanlage, der Dieselgenerator zur Stromerzeugung. 30 Prozent der Energiekosten fließen in die Wasseraufbereitung. Im Schnitt 200.000 Liter Brauchwasser fallen auf der Insel in 24 Stunden an. Über Rückwärmegewinnung der Dieselgeneratoren wird das Warmwasser für die Duschen in den Bungalows erzeugt. Als neues Resort habe man den Vorteil, die neuesten Technologien nutzen zu können, sagt Adam. Er will interessierten Gästen zeigen, dass man sorgsam umgeht mit dem Naturjuwel, das man ohnehin von der hiesigen Regierung nur gepachtet hat.

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Je mehr investiert werde, umso länger die Laufzeit, erklärt der Hotelchef. Im Regelfall seien es 50 Jahre. Die Frage, wie viel es kostet, eine Insel auf den Malediven zu pachten, bleibt unbeantwortet. Nur so viel gibt Adam preis: In 15 Jahren sollte sich das Investment gerechnet haben. Als laufende Kosten sind sechs Euro pro Gast und Tag abzuführen, dazu zehn Prozent Service-Charge und die Abgaben für die Alkohollizenz. Im muslimischen Inselstaat ist Alkoholkonsum verboten, für die Urlaubsinseln gibt es Ausnahmegenehmigungen.

Wie ein Nationalheiligtum werden die Palmen gepflegt. Kein Gebäude auf der Insel darf sie an Höhe überragen. Soll eine gefällt werden, ist das genehmigungspflichtig. Auch jedes Sandkörnchen wird akribisch dorthin platziert, wo es gerade gebraucht wird. Oft auch in Säcken. Die Inseln auf den Malediven seien immer in Bewegung, erklärt Adam. Nicht aber, weil wegen der Klimaerwärmung der Meeresspiegel so rasch steige, beteuert er. "Der Monsun bringt und nimmt den Sand." Deshalb müssten hin und wieder Sandsäcke als unterstützende Platzhalter her. Und vorübergehend wird eine versandete Lagune zum Fußballplatz umfunktioniert. Bis die nächste Strömung das Wasser zurückbringt.

Bleiben durften auf der Insel Orivaru die Hühner, die - keiner weiß wie - schon vor den Hotelgästen da waren und jetzt als frei lebende Haustiere herumstolzieren. So ist es nicht selten, dass auf dem Weg zum Strand oder ins Restaurant ein Gockel den Weg des Gastes kreuzt.

Die interessantesten Tiere bieten die Malediven freilich unter Wasser. Selbst von Land aus sind die Fische allgegenwärtig, wenn sie unter dem langen Steg, der zu den Wasserbungalows führt, ihre Runden ziehen - Rochen, Kugelfische, selbst kleine Riffhaie kommen bis in Strandnähe. Was passionierte Schnorchler und Taucher frohlocken lässt in der Erwartung auf mehr. Denn mit viel Glück begegnet man vor Orivaru beim Tauchen einem Leopardenhai. Fast immer aber kann man Schildkröten, Adlerrochen und Riffhaie beobachten. Und Tintenfische spielen ihr Versteckspiel.

Der befürchtete Inselkoller bleibt jedenfalls gänzlich aus. Wie schön ist es doch, einfach mal nur ins weite Blaue zu blicken. 360 Grad nichts als Nichts. Faul sein, ganz ohne schlechtes Gewissen und nervöse Unruhe. Denn da ist nichts, was man unbedingt tun müsste, aber genug, was man auf der Insel entdecken könnte. Am Ende würde man gern länger bleiben.

 SN/tui/florian albert

Information

Als beste Reisezeit für die Malediven gelten die Monate November bis April. Entsprechend entfallen 70 Prozent der Buchungen auf den Winter. Immerhin 30 Prozent wählen das Inselparadies im Indischen Ozean aber bereits als Sommerdestination. Das ganze Jahr über herrscht konstant warmes, tropisches Klima, die Temperaturen fallen selbst nachts selten unter 25 Grad Celsius.

Anreise: Austrian Airlines fliegen ab sofort bis zu zwei Mal wöchentlich direkt von Wien nach Malé (www.austrian.com), Alternative ist ein Flug ab/an Salzburg über Frankfurt mit Lufthansa.

Robinson betreibt auf den Malediven zwei Clubs als Tochter des Reiseveranstalters TUI. Bereits vor zehn Jahren eröffnete man im südlichen Gaaf-Alif-Atoll auf der Insel Funamadua den Club Maldives, mittlerweile ein "FeelGood"-Club für Gäste ab 16 Jahren mit Spa, Spezialitätenrestaurant, viel Wassersportangebot und Partys. Der erst im Herbst 2017 eröffnete Club Noonu auf Orivaru, 200 Kilometer nördlich von Malé gelegen, ist als familienfreundliche Anlage mit Roby-Club konzipiert.

www.robinson-austria.at

www.tui.at

Für Taucher zählen die Malediven noch immer zu den weltweit besten Tauchzielen, mit abwechslungsreichen Spots von flachen Korallengärten bis zu Steilwänden und sogar Wracks. Fast jede Insel hat ihren Manta- oder Sharkpoint, viele Inseln haben ein Hausriff, das vom Strand aus betauchbar ist. Meist handelt es sich hier um Strömungstauchgänge, also Drift Dives, die Tauchboote (Dhonis) werden nicht verankert, sondern folgen den Tauchern an der Oberfläche.

Aufgerufen am 17.10.2018 um 02:15 auf https://www.sn.at/leben/reisen/reif-fuer-die-inseln-41929519

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