Reisen

Reykjavík: Großes auf der kleinen Insel

Island für Einsteiger. Mit wenigen Rundfahrten rund um Reykjavík lassen sich bereits viele Klischees widerlegen - und bestätigen.

Reykjavík: Großes auf der kleinen Insel SN/luxbacher/absenger
Blick auf den Hafen von Arnarstapi zwischen zwei Basaltsäulen hindurch.

Summend stützt Ragnheiður ihren Kopf auf den Tresen. Soeben saßen in der Laxnes Horse Farm noch zahlreiche Gäste, nun hängt nur noch der schwere Geruch nasser Pferde im Raum. Auf ihrer Reitfarm ermöglicht die Seniorchefin auch Reitneulingen, Island auf dem Rücken der robusten Islandpferde zu erleben. Wer Respekt vor Pferden hat, sollte sich einfach ein zentrales Motto der Isländer zu eigen machen: "Þetta reddast!" Zu Deutsch: Wird schon gut gehen!

Island muss mit vielen Klischees leben: dünn besiedelt, wenige Sonnenstunden, Elfen und Trolle, kein Wald, seltsame Leckerbissen. Manches davon stimmt: Für das isländische Wetter wurde der Begriff "wankelmütig" erst erfunden, mehr als die Hälfte der Isländer lebt im Großraum Reykjavik, zwei Prozent Waldanteil ist überschaubar und auf dem Teller findet sich Gewöhnungsbedürftiges wie gekochter Schafkopf im Ganzen. Dafür beruht die angeblich existierende Elfenbeauftragte auf einem Missverständnis, und die Isländer haben mit all diesen Klischees ohnedies nichts am Hut, wie man im Café Loki, gegenüber der mächtigen Hallgrímskirkja gelegen, erfahren kann. Hier kann nämlich auch Hákarl gekostet werden, getrockneter und fermentierter Hai.

Schmeckt höchst extravagant. Gefragt, ob sie das Gericht selbst auch essen würde, verneint die Kellnerin. Nur an bestimmten Festtagen würde sie das tun und dann auch nur in Kombination mit Brennivín, einem isländischen Schnaps, um den Geschmack umgehend zu neutralisieren. Mittlerweile haben sich die Speisekarten aber enorm verändert, und insbesondere in Reykjavík lässt es sich ausgezeichnet, wenn auch kostspielig speisen. Die Restaurants geizen nicht mit modernen Deutungen klassischer isländischer Küche und kredenzen dazu internationale Topweine.

International ist auch die isländische Musikwelt. Künstlerinnen und Künstler wie Björk, múm oder in den letzten Jahren Of Monsters and Men rangieren in den Hitparaden weltweit ganz oben, und wenn man die traditionsreichen Plattenläden Smekkleysa oder 12 Tónar im Zentrum Reykjavíks besucht, ist die Freude ob der Fülle isländischer Acts enorm. Bei einer Tasse Gratis-Espresso - Kaffi, wie die Isländer sagen, ist so etwas wie das inoffizielle isländische Nationalgetränk, beim Pro-Kopf-Verbrauch liegt Island weltweit an vierter Stelle und es wundert daher nicht, dass Kaffee nicht nur in den trendigen Third-Wave-Kaffeehäusern wie den Reykjavík Roasters oder im Café Brenslan zu bekommen ist, sondern auch in Supermärkten - lässt sich mit Johannes von 12 Tónar über Raritäten fachsimpeln, etwa über die Home-Recordings von Sigríður Níelsdóttir, die im Alter von über 70 Jahren mittlerweile rund 60 CDs aufgenommen hat.

Ein Highlight für viele Touristen ist eine Fahrt in die Blaue Lagune, die Bláa lónið. Von "National Geographic" in die Liste der 25 Weltwunder aufgenommen, ist sie seit Jahren einer der zentralen Touristen-Hot-Spots, daran hat auch der mittlerweile ziemlich gehobene Eintrittspreis nichts geändert. Welchen Einfluss die sagenumwobene Natur Islands auf die Künstler hat, lässt sich aber viel besser bei einer Rundfahrt auf der Halbinsel Snæfellsnes erahnen, die Island en miniature präsentiert und darob gern auch die Nussschale Islands genannt wird. Hier ragt der Vulkan Snæfellsjökull empor, den Jules Verne in seinem Roman "Reise zum Mittelpunkt der Erde" als Eintrittstor ins Erdinnere gewählt hat und der bei Schönwetter sogar von Reykjavík aus gesehen werden kann.

Südlich des Gletschers spannen sich weite, landwirtschaftlich genutzte Ebenen auf. Es ist diese Weite, die die Musiker von Sigur Rós zu ihren von gestrichenen E-Gitarren aufgespannten Soundlandschaften inspiriert haben muss. Vereinzelt treten Höfe hervor, die einzige Zapfsäule im Umkreis von etwa 50 Kilometern ziert eine prachtvolle Rostblume und dann, plötzlich, landet man bei Búðir, der am häufigsten fotografierten Kirche Islands. Die Musik von Sigur Rós ist klangliches Abbild dieser Landschaft. Gerade so wie der Vulkan direkt aus dem Meer an Land zu steigen scheint, schwellen die Musikstücke an, um gleich wieder abzuflachen. Da kommt der Stopp im Fjöruhúsið in Hellnar gerade recht, wird hier doch der vielleicht weltbeste Schokoladekuchen kredenzt.

Auf der Rundfahrt um die Halbinsel, während der sich die Hügel erloschener Vulkane besteigen und eigenwillige Basaltsäulenbestaunen lassen, bewohnt von Tausenden von Möwen, wird erkennbar, wie viel Raum diese Insel tatsächlich bietet. Auch eine andere beliebte Tagesrundfahrt von Reykjavík aus zeigt Panoramen und Naturschauspiele: der Geysir Strokkur, der Wasserfall Gullfoss und die historische Stätte Þingvellir, an der bereits im Jahre 930 das isländische Parlament gegründet wurde, womit das jüngste Land der Erde das älteste noch aktive Parlament der Welt besitzt. Ein Kunststück, das nur durch die im Verhältnis zur Einwohnerzahl größte Anzahl an Literaturnobelpreisträgern überboten werden kann.

Die Kleinheit des Landes ist also durchaus auch Garant dafür, auf vielen Ebenen große Momente zu ermöglichen!

Quelle: SN

Aufgerufen am 14.11.2018 um 06:00 auf https://www.sn.at/leben/reisen/reykjavk-grosses-auf-der-kleinen-insel-1126993

Schlagzeilen