Reisen

Strampeln mit Nachhilfe

Führerschein für E-Biker. In Seefeld in Tirol lernt man bei speziellen Kursen, sicher auf den Berg und wieder runter zu kommen.

Der Tag der Führerschein-Prüfung beginnt auf einem Parkplatz mitten in Seefeld. Die Anwärter haben ihre schweren Gefährte mit den dicken Reifen abgestellt und stehen erwartungsvoll vor Prüfer Lorenz Hänchen, der halb so alt ist wie die meisten seiner Schützlinge. Die haben ihren "richtigen" Führerschein schon seit Jahrzehnten. "35 Jahre unfallfrei", betont einer. Aber heute ist er gekommen, um seinen Fahrrad-Führerschein zu machen. Genauer: Er will lernen, wie man mit dem Elektro-Mountainbike die Berge hinaufdüst und unfallfrei wieder runterkommt.

Für Seefeld-Urlauber ist der gut vierstündige Kurs umsonst. Die Region hat die große E-Bike-Offensive ausgerufen und will mit dem Sicherheits-Training unterstreichen, dass sie die Sache ernst meint. Denn Gäste, die das Rad mit dem kleinen Motor beherrschen, bauen weniger Unfälle und verursachen weniger Rettungseinsätze. So bietet zum Beispiel auch die Polizei in Zürich Gratis-Sicherheits-Kurse für E-Biker an.

Immer wieder berichtet die lokale Tageszeitung von unbedarften Urlaubern, die dank elektrischer Unterstützung spielend auf 2000 Meter hohe Gipfel preschen, aber dann nicht wissen, wie sie mit dem schweren Bike abfahren sollen. "Hubschrauber holt unverletzte E-Biker vom Berg." Und diese Schlagzeilen sind harmlos. E-Biker prallen gegen Steinmauern, stürzen Abhänge hinunter oder überschlagen sich bei Bremsmanövern, manche mit fatalem Ende.

Lorenz Hänchen, Fahrlehrer und Prüfer in einem, nickt: "Deshalb ist der Führerschein so wichtig. Bei mir lernt ihr, das E-Bike zu beherrschen." Wie in der Fahrschule ist erstmal alles Theorie, Hänchen erklärt Bremsen, Motor und dann auch die Bedienung, die aussieht wie ein Tacho. Per Knopfdruck kann man auf dem Display einstellen, wie kräftig der Motor mitarbeitet, wenn der Fahrer tritt, bis hin zum Turbo. Wer damit fährt, hat am Berg jedoch wenig Spaß, weil dem Akku schnell der Saft ausgeht. Nach einer ersten Runde auf dem Parkplatz folgen die Schüler Hänchen in den E-Bike-Park am Gschwandtkopf, der extra für Elektro-Flitzer angelegt wurde. Baumstämme, Bodenwellen und Bretter dienen als Hindernisse. Das Besondere daran: Man fährt die Schikanen nicht bergab, sondern bergauf. E-Biker müssen lernen, mit der Kraft des Motors klarzukommen. Dank der elektrischen Hilfe hat jeder genügend Schwung, um steile Anstiege zu meistern, Steilstufen zu überwinden und über Wurzeln zu rollen. Aber: Ein E-Bike ist mit rund 20 Kilo doppelt so schwer wie ein sportliches Mountainbike. Die Handhabung verändert sich, das Rad liegt satter, aber auch träger in der Spur. Aufgrund der extrabreiten Reifen kommen Lenkbewegungen später an. Es ist wichtig, die Kraft des Motors richtig zu dosieren, manchmal ist gar Vollgas mit angezogener Bremse nötig, damit man nicht übers Ziel hinausschießt, aber auch nicht verhungert und umkippt.

Unter manchem Helm glüht nach den Übungen ein roter Kopf. Und so sind die Teilnehmer diesmal froh über eine weitere Theorieeinheit. Das Pedelec - der Name E-Bike hat sich einfach eingebürgert - hat eine maximale Motorleistung von 250 Watt und unterstützt den Fahrer nur, wenn er selbst tritt. Bei 25 Stundenkilometern schaltet der Motor automatisch ab. Während in Österreich Kinder erst ab zwölf Jahren Pedelecs nutzen dürfen, gibt es in Deutschland keine Altersgrenze.

Und weil Bergabfahren sich nicht simulieren lässt, radelt die Gruppe für den Gipfelsturm ins Gaistal, das für Autos gesperrt ist. Die steile Auffahrt auf dem breiten Schotterweg zur Rotmoosalm ist für die Führerschein-Anwärter kein Problem. Doch dann ist mehr Aufmerksamkeit nötig als bei einer Abfahrt mit einem normalen Rad. Durch das hohe Gewicht kommen die E-Bikes sofort auf ordentlich Tempo. Es ist wesentlich anstrengender und dauert deutlich länger, das Gefährt zum Stehen zu bringen. Hänchen mahnt zur Pause. Abfahrten am Stück runterzubrettern ist gefährlich. Kopf und Muskeln werden müde, man macht Fehler. Außerdem laufen die Bremsen heiß, wenn man sie durchgängig in Anspruch nimmt. "Lieber immer wieder kräftig anziehen und dann loslassen. So können sich auch die Finger erholen." Dann die Mutprobe. Im moderaten Gefälle soll das E-Bike nur mittels Vorderbremse zum Stehen kommen. "Ihr müsst die Angst ablegen, euch dabei zu überschlagen." Die Bremse vorn sei viel effektiver. "Und wer zu fest an der Rückbremse zieht, dem rutscht das Hinterrad weg." Die Versuche sind zaghaft, aber sie zeigen Wirkung. Als natürliche Hindernisse auftauchen, wie der Almbauer, der mit seinem Jeep hinauffährt, haben alle das korrekte Bremsmanöver drauf. Auch die zwei Kühe, die plötzlich mitten auf dem Weg stehen, bringen niemanden mehr in Schwierigkeiten. Im Tal angekommen legen sich die Teilnehmer auf eine große Wiese und atmen tief durch. "E-Biken kann ganz schön anstrengend sein", sagt Hänchen und grinst. "Die gute Nachricht ist: Ihr habt alle den Führerscheintest bestanden."

INFORMATION

Basics und Technik/Führerschein:
Einführungs- und Technik-Kurse immer dienstags auf dem E-Bike-Parcours am Biathlon-Stand (WM-Stadion/ Gschwandtkopf). Anmeldung im Hotel oder Infobüro.
www.seefeld.com/ebike


Verleih (Auswahl):
www.sport-norz.at
www.seefeld-skiverleih.com
www.sport-wedl.com


Touren/Guides (Auswahl):
www.holy-bike.at
www.ebiketour.at
www.xc-academy.com


Tourenvorschläge und allgemeine Infos zur Region:
www.seefeld.com
www.tirol.at

Aufgerufen am 01.12.2021 um 07:05 auf https://www.sn.at/leben/reisen/strampeln-mit-nachhilfe-36951493

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