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Südburgenland: Rebellen unterm Strohdach

Neben der landschaftlichen Schönheit geht es hier um ein heiß umkämpftes Kulturgut, den "Uhudler".

Sicherer Urlaub in Österreich? Ja eh, aber vorsichtshalber suche man coronasichere Gegenden, die es durchaus gibt, wie die Bezirke Güssing und Jennersdorf im südlichen Burgenland. Eine Landschaft mit Wow-Effekt ob der zahlreichen Entdeckungen für Natur- und Kulturliebhaber. Und für Freunde der Weinkultur.

In diesem abgelegenen Landstrich gedeiht ein "wilder" Wein auf Direktträger-Reben, der vor wenigen Jahren nur dank der Initiative einiger Rebellen überlebte. Einer davon war Johann Trinkl aus der Heiligenbrunner Kellergasse, der wegen seines Aussehens mit langen Haaren und Bart zum Spitznamen "Rübezahl" kam. Mit allen Regeln der Gesetzgebung war versucht worden, die Weinsorte "Uhudler" auszurotten. Trotz des Hinweises "Eigenbedarf" mussten Weinbauern erleben, dass die Behörden ihre Keller "ausließen", die Ernte vernichteten. Und dann: ein gerichtlicher Rodungsbescheid. Das Ende für die unverfälschten, reblaussicheren Rebsorten schien gekommen. Aber da hatte man die standfesten Südburgenländer unterschätzt. Sie verweigerten die Rodung, fanden politische Mitstreiter, und heute ist in dieser Abgeschiedenheit ein Uhudler-Paradies entstanden, auf das man stolz ist.

Davon zeugt das Wein- und Freilichtmuseum Moschendorf mit Gebäuden aus dem 17. bis 19. Jahrhundert. Die idyllischen Kellergassen wie in Eltendorf oder Heiligenbrunn wurden liebevoll restauriert, in der Gegend gibt es zahlreiche Kellerstöckl, die man für einen Urlaub mieten kann. Unter den Winzern gibt es sogar einige nebenberufliche "Neueinsteiger", welche mit Herzblut, Geschick und nicht wenig Aufwand das Erbe der Vorfahren in die Zukunft führen. Und was nicht zu verachten ist: Das Uhudlerviertel ist ein beschauliches Urlaubsgebiet, das keinen Vergleich zu scheuen braucht. In diesem Coronajahr ist die Gegend rund um Güssing bis in die hintersten Winkel geradezu ausgebucht, ruhigere, naturbelassenere Flecken findet man kaum.

So merkwürdig es klingt, "Corona war ein Glück", sagt Martin Weinek, der in Hagensdorf zum begehrten Winzer - und Vermieter seiner Kellerstöckl - geworden ist, nachdem er seine langjährige Karriere als Sidekick von "Kommissar Rex" aufgab. Die Schauspielerei spielt im Leben Weineks weiterhin eine große Rolle, und gemeinsam mit seiner Frau Eva wird zur Sommerzeit das "Uhudler-Landestheater" bespielt, das heuer in Bildein in freier Luft mit bescheidenen Mitteln einen kurzweiligen Abend aus Nestroys "Frühere Verhältnisse" und Herzmanovsky-Orlandos "Kaiser Joseph und die Bahnwärterstochter" anbot. Größere Kulturevents wie der Güssinger Musicalsommer oder die Oper auf Schloss Tabor mussten ins nächste Jahr verschoben werden.

Neuerdings hat sich ein Verein aus einigen rührigen Winzern aus dem ganzen Bezirk Güssing gebildet, Obmann ist der Rudersdorfer Gastwirt Bernhard Pranger. Und was heutzutage ein Verein ist, hat eine informative Homepage. Gemeinsam wollen die Winzer ihre Produkte vermarkten, denn neben ihren Weinen erzeugen die Kleinproduzenten auch erstklassigen, erfrischenden Frizzante und Uhudler-Produkte wie Säfte, Essige oder Marmeladen. Die Visionäre machen sich viele Gedanken um das alte Kulturgut der Gegend, im erhofften Aufschwung sollen auch Arbeitsplätze entstehen und der anhaltenden Abwanderung der Jugend soll Einhalt geboten werden.

Die selbstbewussten Winzer vergessen aber auch nicht auf die Geschichte. Neuerdings gibt es den Uhudlerwein mit dem Namen "Rübezahl". Der hat natürlich nichts mit dem Riesengebirge zu tun, sondern ist dem Uhudlerrebellen Johann Trinkl gewidmet, eine schmackhafte Cuvée, zu der die Mitgliedswinzer ihre besten Früchte beisteuern.

Woher kam überhaupt der Name "Uhudler"? Also von "hudeln" sicher nicht, im Uhudlerland geht alles slow und beschaulich vonstatten, die entspannte Stimmung schlägt sich sofort ansteckend auf das Gemüt auch der Gäste. Die beliebteste Erklärung zum Namen ist natürlich, dass man bei Übergenuss am nächsten Tag dank hart erworbener Augenringe "wie ein Uhu" dreinschauen soll. Angeblich. Aber es lässt sich bei Verkostungen schwer Nein sagen, die Geschmacksrichtungen unterscheiden sich von Winzer zu Winzer, die neben dem Uhudler auch andere Weine von Muskat Ottonel über Gemischten Satz bis Sauvignon Blanc produzieren, wenn es die Weingärten hergeben. Und ein herrlich spritziger Frizzante bekehrt auch Prosecco-Fans zum burgenländischen Produkt.

Wer über das Land fährt, zu den einladenden Kellerstöckln, dem sei ein Navi empfohlen, alle Plätze sind nicht auf Anhieb zu finden. Aber die Fahrt durch die Natur und die gepflegten, blumengeschmückten Dörfer - ob im Auto, mit dem Fahrrad oder einem neuerdings mietbaren E-Bike - ist an sich schon schön. Vieles erinnert noch daran, dass der Landstrich erst 1921/22 zu Österreich kam und man oft an der ungarischen Grenze entlangfährt. Um das historische Erbe kümmern sich die Winzer auch in architektonischer Hinsicht. Die weißen Kellerhäuschen sind eigentlich Holzbauten mit gestampftem Lehmboden, der Lehm wird auch für den Verputz verwendet. Besonders schön sind die Strohdächer, eine meisterliche Arbeit, wofür sich heute keine österreichische Firma mehr findet, wie die Winzer bedauern. Nur noch in Slowenien und in Polen gibt es Handwerkskünstler, die aus speziellem Roggenstroh haltbare Dächer bauen können. Die Bemühungen um die alte Kulturlandschaft sollten sich lohnen.

INFORMATION

Verein Uhudlerland, auf der Homepage sind Informationen und Links zu den einzelnen Mitgliedswinzern zu finden. www.uhudlerland.at
Verein der "Freunde des Uhudlers", www.uhudlerverein.at

Unterkünfte: Neben zahlreichen Kellerstöckln und Gasthäusern in den Dörfern gibt es auch Unterkünfte für Anspruchsvolle wie das Hotel "Das Eisenberg" in St. Martin an der Raab, www.daseisenberg.at

Auskünfte zu weiteren Angeboten der Region Südburgenland: www.suedburgenland.info

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