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Tunbridge Wells: Königliche Erholung

Etwas vom Glanz seiner Zeit als Kurort atmet das kleine Städtchen im äußersten Westen der Grafschaft Kent heute noch.

Jo und ihr Mann Geoff nehmen Bier richtig ernst. Ganze 16 Zapfhähne sind an der Wand hinter der Bar unter dem Motto "For the Love of Beer" montiert, gekennzeichnet jeweils mit den Alkoholprozenten des Gerstensafts und dem Preis. "Serious about brilliant beer", lautet demnach der Leitspruch in ihrem Pub The Pantiles Tap, also der Pantiles-Zapfhahn. Ein Dutzend verschiedener Craft-Biere vom Fass, aus der Gegend wie auch internationale Besonderheiten, sowie eine Reihe verschiedener Ciders fließen hier aus den Hähnen ins Glas. "Intrepid, ein American Pale Ale, oder Oedipus, ein Polyamorie Mango Sour? Oder lieber eines aus dem Holzfass, etwa Five Points, ein Brick Field Brown?", fragt Jo beflissen und beschreibt anschließend ausführlich jede einzelne Rarität, leicht amüsiert über die ratlosen Mienen ihrer Gäste.

Der erste "Schöpflöffel"

Das gemütliche Pub liegt inmitten von The Pantiles, einer Mischung aus Promenade und Einkaufsstraße. Der Name stammt von der ursprünglichen Bepflasterung mit viereckigen Tonziegeln, eben den "pantiles". Im frühen 17. Jahrhundert hatte der Edelmann Dudley Lord North die Chalybeate Spring entdeckt, eine eisenhaltige Quelle. Gleich daneben lebte eine Mrs Humphreys, so erzählt die Fama. Sie soll dem Lord das erste Schüsselchen mit dem Wasser gereicht haben und wurde damit zum ersten "dipper", wörtlich übersetzt "Schöpflöffel", wohl aber so etwas wie "Schöpfmamsell". Dieses Amt, das sie bis zu ihrem Lebensende innehatte, wird bis heute von Generation zu Generation weitergegeben - wenn auch nicht alle Mrs Humphreys' gesetztes Alter von 102 Jahren erreichten.

In den 1730er-Jahren wurde eine baumbestandene Kurpromenade samt Kolonnaden neben jener Quelle angelegt, die der kleinen Stadt zum Namen verhalf. Von den Säulen der Kolonnade sind heute noch etliche im Original erhalten. Der Ausbau des Ortes rund um die heilkräftige Quelle im 18. Jahrhundert, als man immer mehr an die medizinische Wirksamkeit der Heilquellen glaubte, machte Tunbridge Wells zu einem Anziehungspunkt der feinen Gesellschaft aus der nahen Hauptstadt London. Die Frau des damaligen Bürgermeisters ließ 1804 direkt hinter der Quelle das Bathhouse errichten, in dem Dampf- und Duschbäder genossen werden konnten. Seine Glanzzeit erlebte der Kurort schließlich Mitte des 18. Jahrhunderts. Und im Jahr 1909 verlieh König Edward VII. Tunbridge Wells endgültig das Prädikat "royal", also königlich.

Ein geschichtsträchtiges Gebäude

Gegenüber dem Pantiles Tap befindet sich das ehemalige Tunbridge Wells Theatre. Das 1802 von Sarah Baker erbaute Haus sorgte etwa 50 Jahre lang für die Unterhaltung der genusssüchtigen Jeunesse dorée, die damals bevorzugt im Städtchen verweilte. Kuriosität am Rande: Früher verlief die Grenze zwischen den Grafschaften Kent und Sussex genau zwischen Bühne und Zuschauerraum. Ab 1843 nutzte man das Gebäude als Getreidebörse, die Corn Exchange, mit dem Standbild der Erntegöttin Ceres über dem Haupteingang. Nun ist es ein kleines Shopping-Center. Sehr viel imposanter ist gleich nebenan das heutige Royal Victoria, ehemals Sussex Hotel. Hier ist 1834 sogar Königin Victoria selbst - noch als Prinzessin - mit ihrer Mutter für eine Nacht abgestiegen.

Wir lassen das vorweihnachtliche Treiben in den Geschäften, Pubs und Cafés von The Pantiles hinter uns und wandern die High Street entlang. Vorbei an der Kirche King Charles the Martyr und berühmten Juwelieren und Hoflieferanten für die Queen, wie Collins & Sons, geht es hinauf zur Mount Pleasant Road mit dem Opera House. Auch hier atmet jeder Stein vergangene Größe und Glorie. Das Haus öffnete 1902, bot 1100 Besuchern Platz und beeindruckte mit Bühne, Logen und Galerien auf drei Ebenen samt bunten Wandbemalungen. Heute ist es längst zu einem Pub geworden und wirkt im Innenraum - trotz seiner imposanten Größe von außen - immer noch heimelig und intim.

Das imposante Opernhaus.  SN/knoll
Das imposante Opernhaus.

Mittlerweile leben in der Stadt im äußersten Westen der Grafschaft Kent im Südosten Englands etwa 45.000 Einwohner. Die Gegend rund um Tunbridge Wells ist berühmt für das beschauliche Leben, ihre sanften Hügel mit uralten Wäldern und Hochlandheiden. Gut gedeihen hier Hopfen, Obst und auch Wein, Besucher können zahlreiche Ausflugsziele etwa mit der Spa Valley Railroad erkunden.

Vor allem bei jenen, die in London arbeiten, ist Tunbridge Wells beliebt: Bestens an das Bahnnetz angebunden, ist von hier aus die Hauptstadt in etwa einer Stunde zu erreichen. Und das ist nicht nur zur Zeit von Christmas und Shopping-Fieber ein Trumpf.

Information:

Royal Tunbridge Wells Tourist Information Centre

Unit 2, The Corn Exchange

The Pantiles

E-Mail: touristinformationcentre@tunbridgewells.gov.uk

www.visittunbridgewells.com

Aufgerufen am 25.09.2018 um 07:10 auf https://www.sn.at/leben/reisen/tunbridge-wells-koenigliche-erholung-22022020

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