Reisen

Über die Alpen nach Venedig

Wandern wie im Bilderbuch. "Traumpfad" nennt sich ein Weitwanderweg von München an die Adria, zu bewältigen mit Selbstvertrauen und Müsliriegeln.

Das Buch spricht Bände. Knapp einen Monat dauert es laut Wanderführer, um nach 555 Kilometern und rund 20.000 Höhenmetern von München aus am Markusplatz anzukommen. Auf direktem Weg über die Alpen in den Süden. Die Route des "Traumpfads" ist also klar beschrieben. Doch wie sieht es aus mit Kondition, dem Wetter, Hindernissen unterwegs? Viele Fragen, noch keine Antwort.

Anfang Juli geht es los, mit der Bahn auf den Weg nach München. Die Erfahrung von früheren Mehrtagestouren hat sich bereits bezahlt gemacht. Maximal acht Kilogramm Ausrüstung sind im Rucksack (Wasser und Proviant nicht mitgerechnet), nur ein zusätzliches Paar Socken und ein weiteres T-Shirt, dafür jede Menge Müsliriegel. Und auch wenn zehn Stück für die erste Woche übertrieben scheinen - das gute Gefühl ist unbezahlbar.

Nach vier Tagen die Isar entlang geht es bei Bad Tölz das erste Mal in die Berge. Und schon stellt sich die Grundsatzfrage: Mit der Gondel bis zur Bergstation, darf man das? Und wenn ja, darf man es zugeben? Doch das regnerische Wetter hilft uns bei der Entscheidung und erleichtert das Gewissen. Noch kurz vor Venedig amüsiert uns eine erlauschte Diskussion zwischen Wanderern, die sich voreinander rechtfertigen, warum da oder dort ein Taxi bestellt wurde.

Das Karwendel rückt näher, die Spannung steigt: Macht es die Schneelage möglich, den Schlauchkarsattel zu überschreiten? Bei der abendlichen Tourenbesprechung erfolgt die Entwarnung, der Sattel ist offen, der Wirt des Karwendelhauses erklärt uns mithilfe von Fotos: "Wenn ihr bis zu diesem Punkt länger als drei Stunden gebraucht habt, kehrt bitte um." Mit 8,5 Stunden reiner Gehzeit und mehr als 1500 Höhenmetern bergauf sowie bergab ist diese Etappe eine der anstrengendsten am Weg nach Venedig. Den Müsliriegel an diesem Tag haben wir uns redlich verdient.

Wie geplant, bin ich ab dem zehnten Tag allein unterwegs. Wobei dies nicht ganz richtig ist, denn zu diesem Zeitpunkt habe ich bereits fünf Wanderer kennengelernt, die das gleiche Ziel verfolgen. Und mit denen ich am Abend spannende Gespräche führe über das Warum und Wieso, diesen Weg zu gehen. Anna und Sepp etwa sind direkt vor ihrer Haustüre in Bayern aufgebrochen. Was Anna jedoch nicht weiß, ist, dass in Venedig ein Heiratsantrag auf sie wartet. Lisa kommt aus Hamburg und war noch nie länger in den Bergen. Sie möchte sich eine Auszeit gönnen und Venedig ganz ohne zusätzliche Fortbewegungsmittel erreichen. Wie sie das meint, bringt sie in einem Satz auf den Punkt: "Ich bin gekommen, um zu gehen." Der Endfünfziger Rudi aus Augsburg bereichert die abendlichen Gespräche der Gruppe mit heiteren und klugen Geschichten. Da wir ungefähr das gleiche Tempo haben, meistern wir einige Etappen gemeinsam. Er ist es auch, der mich auf die Idee bringt, die letzten fünf Tage in der venezianischen Ebene mit dem Fahrrad zu bewältigen. Ein ausgezeichneter Einfall - angesichts der Sommerhitze.

Doch noch ist es weit bis Venedig. Nach zwei Wochen erscheinen die Dolomiten am Horizont. In dieser wunderschönen Gebirgsgruppe liegt der höchste Schlafplatz der Tour: in einer kleinen Hütte am Piz Boè, ohne fließendes Wasser, auf 3152 Metern. Am nächsten Tag staunen wir nicht schlecht, als draußen der Boden mit frischem Schnee bedeckt ist. Eine echte Ausnahme, denn wir haben mit dem Wetter großes Glück - lediglich an vier Tagen regnet es. Die Unvorhersehbarkeit des Wetters ist auch der Grund, warum Wanderer die Schlafplätze auf den Hütten nicht zu früh buchen sollten.

Ehe Belluno und damit die venezianische Ebene erreicht wird, bleibt nach rund drei Wochen noch eine letzte Bergetappe. Und die sorgt bereits einige Tage davor für Gesprächsstoff. Es ist die einzige, die über einen Klettersteig führt. Viele entschieden sich dafür, den Klettersteig zu umgehen. Für mich ist dies jedoch der krönende Abschied von den Bergen, ich bin begeistert, dass die anspruchsvollste Etappe erst nach 22 Tagen am Ende der Bergwelt bevorsteht.

In Belluno ist es dann so weit: Neue Schuhe müssen her. Das Gesicht der jungen Verkäuferin, als ihr das zarte Aroma meiner seit mehr als drei Wochen getragenen Bergschuhe in die Nase steigt, wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Doch das Wandern hat mich mittlerweile gelehrt, gelassener zu sein. Ich habe leider keine andere Wahl und nur dieses Paar Schuhe dabei.

Am nächsten Tag rollt das Leihrad auf geradem Weg in Richtung Venedig. Eine richtige Entscheidung, wie ich später erfahre. Anna, Sepp und Lisa sind bei den letzten Etappen bereits um vier Uhr morgens aufgebrochen, um die Hitze in der venezianischen Ebene zu vermeiden. Doch auch auf dem Drahtesel ist es nicht so spaßig, wie man meinen möchte. Ohne gepolsterte Radhose mit einem 12 Kilo schweren Rucksack auf dem Rücken den ganzen Tag zu fahren - das ist nicht empfehlenswert. Wie es sich anfühlt, nach fast einem Monat am Markusplatz zu stehen? Wer das wissen will, sollte seinen Rucksack packen. Und beim Gewicht sparen, nicht aber bei den Müsliriegeln.

INFORMATION

Der Traumpfad München-Venedig wurde erstmals beschrieben von Ludwig Graßler im Jahr 1977.
Die Etappen: An jedem Tag ist eine Hütte das Endziel. Pro Tag sollte mit rund 50 Euro für Übernachtung und Verpflegung gerechnet werden. Je nach Lage der Hütte ist es am Wochenende ratsam, den Schlafplatz etwas früher zu reservieren.
Planung: Wer den ganzen Weg in einem gehen möchte, sollte vorab die Schneelage prüfen, insbesondere an Schlauchkarsattel und Friesenbergscharte.
www.muenchen-venedig.net

Quelle: SN

Aufgerufen am 16.10.2019 um 12:09 auf https://www.sn.at/leben/reisen/ueber-die-alpen-nach-venedig-69995767

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