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Unbekannte Reiseziele - Eine Schatzkammer in Tschechien

Kraj Vysocina. Zu Besuch bei Schlossherren, Heiligen und Kulturbewahrern und nicht zuletzt beim braven Soldaten Schwejk.

"Nach dem Krieg um sechs im Kelch", ruft der brave Soldat Schwejk zum Abschied seinem Kumpanen Woditschka zu. Der Kelch heißt heute Zur Tschechischen Krone, und wer in Lipnice nad Sázavou in der Vysocina einen Krug Bier auf Schwejk und dessen Schöpfer Jaroslav Hašek leert, tut das auf historischem Boden. Der Roman wurde in dieser Gaststube verfasst, die heute von den Urenkeln der tschechischen Literaturlegende geführt wird, und in diesem Haus hat Hašek auch gewohnt. "Er hat gejubelt, endlich wohne er in einem Gasthaus", erzählt Petra Pelus-Haškova.

Hašek und Schwejk sind omnipräsent - im Gasthaus Zur Tschechischen Krone, in dem nahen, kleinen Museum, in dem Hašek zuletzt gelebt hat und auch gestorben ist. Selbst oben in der Burg derer von Lichtenberg und später auch Habsburg war er zugegen: Hašek, sagt der junge Guide und schmunzelt, habe man gern aus dem Gasthaus geholt, um sich von ihm drei Stunden lang alles über das 700 Jahre alte Bauwerk erzählen zu lassen - und das, obwohl er kaum etwas über die Geschichte der Burg gewusst habe. Egal, die Tschechen lieben ihren Hašek. Und finden sich wohl ein wenig in ihm und Schwejk wieder: ein wenig Hallodri, Schelm, Rebell und Anarchist.

Touristisch ein weißer Fleck auf der Landkarte

Die Tschechische Krone steht im nördlichen Teil der Vysocina, dem Hochland, dessen höchster Punkt gerade einmal 837 Meter misst. In Größe und Einwohnerzahl entspricht die Region etwa dem Bundesland Salzburg. Touristisch ist die Vysocina hingegen ein eher weißer Fleck auf der touristischen Landkarte, zu Unrecht. Immerhin beherbergt sie zwei Naturschutzgebiete und etliche Weltkulturerbestätten der UNESCO.

Große Städte sucht man hier vergeblich, auch der Verwaltungssitz Jihlava bringt es auf gerade 50.000 Einwohner. Entsprechend ruhig, ausgeglichen und bodenständig wirken die Menschen in diesem Teil der Welt. Stolz auch auf ihre schöne Heimat, wie Constantin Kinský meint, der im alten Schloss und dem dazugehörigen Kloster von Ždárnad Sázavou das Museum der neuen Generation eingerichtet hat. Und sie seien nicht wenig "stolz auf dieses Museum, weil sie sich hier wiederfinden". Der Pariser Investmentbanker kehrte zurück in das Schloss seiner Großmutter Eleonore und sein Museum ist ein Beweis dafür, wie spannend Geschichte dargestellt werden kann. Auf zwei Ebenen wird gezeigt und erzählt, ein Erlebnispfad für die Sinne. Dazu kommen Tanztheater und Sonderausstellungen, und sogar übernachten kann man hier, schließlich liegt das Museum direkt an einer der größten Fahrrad-Wanderrouten. Sein Konzept beschreibt Kinský so: Man gebe den Leuten nur einen Schlüssel in die Hand, entdecken müssten sie ihre Geschichte selbst. "Der Einzige, der die Wahrheit kennt, ist der Besucher", sagt er und lächelt ein wenig geheimnisvoll.

Oberhalb der Anlage, hinter dem Teich, hat es sich der heilige Nepomuk in seiner barocken Wallfahrtskirche bequem gemacht. Die Legende besagt, dass Johannes Nepomuk als Beichtvater von Königin Sophie dem König nicht verraten wollte, was ihm dessen Gattin geflüstert hatte. Als er dafür von der Moldau-Brücke gestürzt wurde, soll über seinem Kopf eine Krone mit fünf Sternen geleuchtet haben. Die Zahl fünf taucht in dem fünfzackigen Bauwerk des Architekten Johann Blasius Santini-Aichl überall wieder auf, ob im Grundriss, bei den Eingängen oder Altären.

Die in der Barockzeit bei Pilgern sehr beliebte Kirche wurde erst in den 1970er- und 80er-Jahren restauriert. Doch nun müssen, um den 1994 erreichten Welterbestatus zu erhalten, die zahlreichen Gräber im Innenhof umgebettet werden.

An jüdische Kultur wird erinnert

Solche Probleme hat man im 35 Kilometer südlich liegenden Städtchen Trebic nicht. Das jüdische Viertel ist eines der größten zusammenhängenden Ensembles in Europa sowie Weltkulturerbe, doch seine Bewohner wurden 1942 nach Theresienstadt verschleppt. Nur zehn überlebten, eine jüdische Gemeinde gibt es hier nicht mehr. Trotzdem erwecken Menschen wie Linda Navrátilová diese Kultur in Trebic gern wieder zum Leben. Ihre "Czech Jewish Experience" führt Besucher zum jüdischen Friedhof, zu Synagogen und jüdischen Bäckereien, wer will, kann tanzen, backen und kochen lernen. Und koscheren Wein bei Sommelier Tibor Szabo verkosten.

Über Jahrhunderte war die Vysocina auch der Landsitz der oberen Zehntausend. Zu bestaunen im Renaissanceschloss von Jaromerice nad Rokytnou. Heute geben sich Hochzeitspaare gern das Jawort in dem "mährischen Versailles", dem der Kunstfreund Johann Adam von Questenberg zwischen 1700 und 1737 sein heutiges Aussehen verlieh. Bei einem Rundgang lassen sich neben kostbarem Mobiliar und Porzellan auch Musikinstrumente bewundern - und selbst der intime Blick in die Badestube der Schlossherrin ist gestattet. Da hat sich seit Schwejks Zeiten einiges geändert.

Aufgerufen am 16.11.2018 um 11:43 auf https://www.sn.at/leben/reisen/unbekannte-reiseziele-eine-schatzkammer-in-tschechien-1179154

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