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Und immer noch ein Güterweg

Jenseits von Wels. Bei Ausfahrten mit dem Wegerl-Pauli wird mit jedem Tritt klar: Wels ist Österreichs Rennradhaupstadt

Irgendwo gibt es immer noch eine nächste Abzweigung in den Feldern und den Hügeln rund um Österreichs heimliche Radmetropole Wels.  SN/rennradregion wels
Irgendwo gibt es immer noch eine nächste Abzweigung in den Feldern und den Hügeln rund um Österreichs heimliche Radmetropole Wels.

Es rauscht. Aber kein Lüfterl fährt durch den Kukuruz im Feld neben dem Güterweg. Es rauschen die Laufräder. Im Windschatten summt der Leerlauf. Leichte Hügel. Flotte Ausfahrt. Ideale Rennradbedingungen. Pedalieren, nicht schuften. Und dann hebt einer im Schwung die Hand. "Da hinüber", sagt er. Renate lächelt. Ihre Waden, die ein bisschen Angst machen, weil ihnen die Ausdauer anzusehen ist, folgen der Hand. Klare Anweisungen vorn. Vertrauen dahinter. So fährt man Rennrad in der Gruppe. Erst recht, wenn man fremd ist, wenn man nie zuvor im kühlenden Schatten des Aschachtals Erholung fand, wenn man die Gegend nicht kennt.

Der Hand nach also in eine Rechtskurve. Neuer Güterweg. Irgendwo hinter den Hügeln liegt Eferding, dann die Donau. An der Donau boomt das Radfahren als touristische Einnahmequelle seit Jahren. Aber die Ausfahrt hat in Wels begonnen.

Wels. Einkaufsstadt. Messestadt. Von außen betrachtet charmelos. Und nach draußen sind's, geleitet von perfekter Beschilderung durch die Altstadtgassen, nur ein paar Pedaltritte. Wels fährt Rad. Es gibt hier das Profiteam Felbermayr mit einer Nachwuchsarbeit, die unter anderem mit Lukas Pöstlberger und Felix Großschartner zwei Profis hervorbrachte, die derzeit im Team Bora neben Weltmeister Peter Sagan Furore machen. Mehrere österreichische Auslandsprofis sind schon für das Welser Team gefahren. Es gibt ein Innenstadtkriterium, bei dem heuer zum 20. Mal internationale Spitzenfahrer antreten. 10.000 Zuschauer kommen da. Ein paar Tage vor diesem Event endet die Österreich-Radrundfahrt hier. Wo so etwas passiert, muss einer sein, der die Menschen in Bewegung bringt.

"Ja, man könnt' sagen, einer ist an vielem schuld", sagt Renate und schmunzelt wieder bei einer Abzweigung. Zwei, drei Kilometer wird die Runde durchs Obst-Hügel-Land im Norden von Wels deshalb länger. In ihrem Restaurant Olivi in der Welser Innenstadt erzählt Renate Pöcherstorfer 89 Kilometer später, warum sie gelächelt hat, vor der Rechtskurve und vor ein paar anderen Abzweigungen. "Er kennt halt wirklich jeden Weg, jedes Straßerl", sagt sie. "Und er hat eine richtige Freud', wenn er das wem zeigen kann, der noch nie da war." Daher kommt auch sein Spitzname: Wegerl-Pauli nennen sie ihn.

Wenn der Wegerl-Pauli keine Abzweigungen anzeigt, ist er der Pauli. Seinen richtigen Namen sagt kaum jemand: Paul Resch heißt er, 68 Jahre ist er, ihm gehörte ein Drittel der Großbäckerei Resch&Frisch. Und er ist seit vielen Jahren halt radverrückt, wie er selbst sagt. "Für den Radsport ist der Pauli ein Wahnsinn", sagt Bernhard Eisel, Österreichs längstdienender Radprofi. Das Lob kommt daher, weil der Pauli, nachdem er aus der Bäckerei ausgestiegen war, eine Beschäftigung brauchte - und der Welser Radverein brauchte einen, der sich engagieren wollte. "So rutscht man hinein", sagt er. Ein Engagement knüpfte er damals daran, dass der Verein ein Kinderrennen organisieren müsse. Daraus wurde das Innenstadtkriterium - und er wurde Netzwerker, leidenschaftlicher Motivator, denn: "Organisator bin ich kein großer, eher ein Chaot", sagt er.

Auf den Güterwegen ist das nicht zu merken. "So viel es halt geht" sitzt er auf dem Rad. "Wir haben's hier perfekt zum Rennradfahren - auch wenn's Wetter nicht ist wie in Italien, aber es gibt ja gutes G'wand."

Jetzt passt das Wetter eh. Von den Hügeln geht der Blick in die Berge. "Ist auch nicht so weit", sagt einer der sportlicheren Mitfahrer der Tour. Attersee, Almsee - wer gute 100 Kilometer fahren will, kommt weit in die Berge. Das lässt sich auch ohne lokale Begleitung finden. Denn was rund um den professionellen Radsport aufgebaut wurde, will auch der Tourismus nutzen. Ein paar Hotels sind schon radfreundlich ausgestattet. Es gibt Kartenmaterial - analog und freilich auch zum Herunterladen im Netz fürs Navi - für 15 Touren, die jeden Anspruch erfüllen. Wels will "Rennradregion" sein. Und weil Wels halt keine ganz klassische Tourismusdestination ist, richten sich die Angebote auch an die vielen Geschäftsreisenden. Und es wird ihnen leicht gemacht, für eine After-Work-Tour den Weg zu finden. Man kann sich stets bei wem anhängen.

"Go where the locals go" heißt das Motto nämlich. In Wels ist das so einfach wie in klassischen Radregionen wie Belgien oder Frankreich. Die Radszene - von gemütlichen Rollern bis zu attackierenden Rennfahrern - ist viel unterwegs. Los geht es beim Gasthaus zur Kohlstatt an der Traun. Und manchmal ist auch der Pauli da und es geht hinaus. Jenseits des Geflechts aus Umfahrungen und Zubringern gibt es ein dichtes Netz an kleinen, wenig befahrenen Wegen. Ein Paradies für schmale Reifen, die nicht genug bekommen wollen vom Weit-Ausfahren. Und dann sagt der Pauli: "Über Stroheim ging's auch, das wäre noch ein kleines Stückerl weiter." Wir fahren dann aber doch direkt nach Pupping und dann über Fraham und Scharten zurück. Orte, die keiner kennen muss, außer man erkundet alles um Wels per Rennrad. Bei der Ortsdurchfahrt von Pupping deutet der Pauli mit einer leichten Schulterbewegung auf die andere Straßenseite hinüber: "Schau, der Kreuzmayr. Ein guter Wirt." Dass er die Wirtshäuser auch kennt, ist so wichtig, wie die richtigen Abzweigungen zu erwischen.

Aufgerufen am 28.05.2020 um 07:44 auf https://www.sn.at/leben/reisen/und-immer-noch-ein-gueterweg-29773735

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