Reisen

Unterwegs sein: Strawanzerleben

Nicht nur deutsche Rentner verbringen die Wintermonate im Luxuscaravan in Spanien - auch ganz unterschiedliche Charaktere mit ebensolchen Lebensvorstellungen leben in ihren Fahrzeugen.

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Antonio - der Weltenbummler

Seit Antonio denken kann, will er reisen. Mit 16 Jahren setzt er sich auf sein Fahrrad und radelt über Wochen in Italien herum. Er lernt einen südafrikanischen Straßenkünstler kennen, bringt sich selbst mit seinen damals noch überschaubaren Jonglierkünsten ein. "Es war wie ein Erwachen, Geld einfach so unkompliziert und frei auf der Straße verdienen zu können, das entsprach einem Leben nach meinen Vorstellungen", erzählt Antonio.

Antonio, 30 Jahre, aufgewachsen in einem kleinen Dorf in der Nähe von Varese in Italien. Mit Matura, aber ohne erlernten Beruf, lebt er seit 3,5 Jahren in seinem Wohnmobil. SN/thomas bruckner
Antonio, 30 Jahre, aufgewachsen in einem kleinen Dorf in der Nähe von Varese in Italien. Mit Matura, aber ohne erlernten Beruf, lebt er seit 3,5 Jahren in seinem Wohnmobil.

Seine Eltern bestehen darauf, dass er Matura macht. Antonio gehorcht, bereits eine Woche nach dieser Prüfung geht er auf Reisen. Europa, Asien, Australien, Neuseeland. Er lebt in Wohnungen, im Wald, auf der Straße, auf einem Boot. Vor dreieinhalb Jahren kauft er sich um 2600 Euro ein altes Wohnmobil. In diesem lebt er seitdem mehr oder weniger durchgehend und seit vier Monaten mit Flash, einer kleinen Katze, die er sich zugelegt hat. Er könne sich nichts Besseres vorstellen, sagt er, bis auf ein besseres Wohnmobil vielleicht, denn eigentlich funktioniere bei seinem immer irgendetwas nicht. Auf Campingplätzen trifft man ihn nicht an. Er bleibt stehen, wo es ihm gefällt, manchmal über Monate hinweg am selben Platz.

Insbesondere in reichen Ländern sucht er sich dann vor Ort einen Job. In der Schweiz stellt ihn ein Landwirt ein, er melkt Kühe, hilft bei der Ernte und geht zur Hand, wo nötig. Am liebsten aber verdient er auf der Straße sein Geld. Mittlerweile jongliert er mit fünf Keulen, Bällen oder Hüten. Den Leuten ein Staunen ins Gesicht zu zaubern macht ihm Freude, viel mehr als alles Geld der Welt. Voriges Jahr bekam er die Möglichkeit, in einem Flüchtlingsheim in der Türkei aufzutreten, lediglich freie Kost und Logis wurden ihm dafür geboten. "So etwas mache ich gerne und dank meines Lebens im Wohnmobil und der geringen Fixkosten kann ich mir solche Engagements leisten."

Laura (27 Jahre, ausgebildete Krankenschwester aus Kastilien) und Diego (28 Jahre, ehemaliger Waldarbeiter aus dem Baskenland) leben seit drei Jahren gemeinsam in diesem Bus. SN/thomas bruckner
Laura (27 Jahre, ausgebildete Krankenschwester aus Kastilien) und Diego (28 Jahre, ehemaliger Waldarbeiter aus dem Baskenland) leben seit drei Jahren gemeinsam in diesem Bus.

Laura und Diego: als Künstler unterwegs

Als Laura noch als Krankenschwester arbeitet, fühlt sie sich nach einem harten Arbeitstag zumeist völlig erschöpft und leer. Wie tot kommt sie sich manchmal in dieser Zeit vor. Obwohl ihre Arbeit zweifellos eine sinnvolle ist, spürt sie keine innere Befriedigung in sich.

Nicht viel anders ergeht es Diego, der im Baskenland als Waldarbeiter sein Geld verdient. Draußen in der Natur sein, körperliche Arbeit, beides entspricht Diegos Vorstellungen, trotzdem, genau wie bei Laura, fehlt da etwas auch in Diegos Leben - eine Möglichkeit, täglich wachsen zu können und sein eigenes Ding durchzuziehen, vermuten die beiden heute. Kennengelernt haben sie sich beim gemeinsamen Besuch eines Zirkuslehrgangs in Toulouse. Täglich trainieren sie bis zu sieben, acht Stunden, um vielleicht in Zukunft einmal Menschen mit ihrer Darbietung begeistern zu können. Während der mehrwöchigen Ausbildung in Toulouse verlieben sie sich ineinander.

Sie beschließen, eine gemeinsame Performance zu entwerfen, diese anschließend Festivalveranstaltern vorzustellen und hoffentlich gebucht zu werden. Um sich auf das Wagnis einlassen zu können, geben beide ihre Wohnung auf, von nun an leben sie also gemeinsam in Diegos Bus. Drei Jahre ist all das her. Heuer wurde ihre Vorstellung bereits acht Mal gebucht, vorwiegend in Frankreich und Spanien. Als Rückzugsraum reiche ihnen der Innenraum des Busses vollkommen, sagen sie. Trotzdem hat sich Laura vor Kurzem einen Wohnwagen gekauft, dieser steht fix in Nîmes. Immer wenn sie dort sind, lebt sie vorwiegend im Wohnwagen und Diego im Bus, ein wenig Abstand täte ihnen gut, meinen beide.

Alessandro Jardon, 46 Jahre, Mechaniker und Tischler aus Argentinien, lebte anfangs aus Not im Bus, heute genießt er die Unabhängigkeit, die er dadurch erhält. SN/thomas bruckner
Alessandro Jardon, 46 Jahre, Mechaniker und Tischler aus Argentinien, lebte anfangs aus Not im Bus, heute genießt er die Unabhängigkeit, die er dadurch erhält.

Alessandro: das Stehaufmännchen

Vor sechs Jahren wird Alessandro in Buenos Aires von seiner Frau verlassen. Und beschließt, seinem Heimatland Argentinien den Rücken zu kehren. Nach Indien will er reisen, mit Kurzaufenthalt Europa. Nach Zwischenstopps in São Paulo und Amsterdam landet er nach 30 Stunden Reisezeit in Barcelona.
600 Euro Erspartes hat er auf der Seite. Über Facebook versucht er, eine Arbeit zu finden. Es gelingt, nach mehreren Monaten Tätigkeit stellt sich jedoch heraus, dass sein Arbeitgeber korrupt ist und ihm nichts bezahlt. Alessandro verbringt daraufhin mehrere Monate auf der Straße, schläft unter Pappkartons. Beim Herumstreunen entdeckt er auf einem abgesperrten Gelände einen ausgedienten Lieferwagen. Er macht den Besitzer ausfindig, der schenkt ihm das verrostete und scheinbar nutzlose Teil. Alessandro hat jetzt zumindest einen sicheren Platz zum Schlafen, doch Alessandro, der Mechaniker und Tischler, schafft es, den Mercedes Sprinter wieder zum Laufen zu bringen. Er nutzt den Kastenwagen daraufhin für Möbeltransporte, verdient ein wenig Geld, bald hat er wieder einen Job als Tischler. Er mietet sich wieder eine Wohnung, die er jedoch nur an Regentagen bewohnt, weil er das Plätschern der Regentropfen auf dem Dach des Busses nicht aushält.

Bei Schönwetter lebt er fast immer im Bus. "Es gibt nichts Besseres, als an einem schönen Platz direkt am Meer die Flügeltüren des Wagens zu öffnen, Matetee durch die Bombilla, ein Metallröhrchen, zu trinken und Ziehharmonika zu spielen", sagt er.

Jürgen Weigmann, 73 Jahre, Lehrer aus Deutschland, und Clemencia Satman, 69 Jahre, Soziologin aus Peru, leben seit 2015 teils über Jahre im Wohnmobil. SN/thomas bruckner
Jürgen Weigmann, 73 Jahre, Lehrer aus Deutschland, und Clemencia Satman, 69 Jahre, Soziologin aus Peru, leben seit 2015 teils über Jahre im Wohnmobil.

Jürgen und Clemencia: Alltag im Wohnmobil

Die erste Reise mit einem Bus unternimmt Jürgen mit 18 Jahren gleich nach seinem Abitur mit einem Freund. Von Deutschland bis nach Indien und wieder retour touren sie damals in einem halben Jahr mit ihrem VW-Bulli. Nicht um sich, wie so viele zu dieser Zeit, dem Drogenrausch hinzugeben, sondern um andere Kulturen kennenzulernen. Die interessieren Jürgen schon immer, insgesamt verbringt er deshalb 18 seiner Arbeitsjahre außerhalb Deutschlands, um als Fachberater junge Menschen in verschiedensten Ländern weltweit zu Deutschlehrern auszubilden.

Seine Entscheidung, nach seiner Pensionierung teilweise im Wohnmobil zu leben, trifft er aufgrund mehrerer Faktoren. Ein entscheidender ist seine Frau Clemencia. Die gebürtige Peruanerin verbringt oft mehrere Monate in südamerikanischen Ländern, um dort soziale Projekte tatkräftig zu unterstützen. Immer länger möchte sie bleiben. Um sie bei ihrem Vorhaben zu unterstützen und nicht allein zurückzubleiben, beschließt Jürgen, mit Clemencia im Wohnmobil die Panamericana von Alaska bis Feuerland hinunterzufahren und bei verschiedenen Projekten in Kolumbien und Peru länger haltzumachen.

Entgegen den ausdrücklichen Empfehlungen der besorgten Verwandten nehmen sie keine Waffen zwecks Verteidigung mit, lassen aber die Jungfrau von Guadalupe, das bedeutendste Marienheiligtum Südamerikas, auf die Rückseite ihres Wohnmobils malen. Sie soll für Sicherheit sorgen, und eine Trillerpfeife, mit der sie Lärm schlagen könnten, im Falle des Falles. Der tritt allerdings nie ein, fast überall tritt man ihnen wohlgesinnt gegenüber. 2,5 Jahre sind sie daraufhin unterwegs.

Nach kurzer Zeit in ihrer Wohnung in Berlin befinden sie sich aktuell wieder in ihrem Wohnmobil in der Nähe von Barcelona - Sohn, Schwiegertochter und Enkelkind leben in der katalanischen Metropole. "Alltag gibt es aber natürlich auch im Wohnmobil", erklärt Jürgen, "Gasflaschen müssen organisiert, Wassertanks gefüllt oder auch entleert werden, und Shanti, unser Hund, den wir aus Südamerika mitgebracht haben, verlangt täglich seinen Auslauf." (www.panamericanafahrt.com)

Tom Bucher, 23 Jahre, aufgewachsen in einem Pariser Vorort, Bachelor of Business, lebt seit drei Monaten im Bus, befindet sich auf dem Weg in den Senegal, wo er natürliche Heilmittel erstehen und diese anschließend in Europa verkaufen möchte. SN/thomas bruckner
Tom Bucher, 23 Jahre, aufgewachsen in einem Pariser Vorort, Bachelor of Business, lebt seit drei Monaten im Bus, befindet sich auf dem Weg in den Senegal, wo er natürliche Heilmittel erstehen und diese anschließend in Europa verkaufen möchte.

Tom: schafft er es bis in den Senegal?

Respekt, sagt Tom Bucher, sei das Um und Auf beim Reisen. Das und ehrliches Interesse am Gegenüber, das öffne Herzen. Bei der Ausbildung zum Bachelor of Business hat sich Tom immer wie ein Fremdkörper gefühlt, irgendwie nie in diese Geschäftswelt gepasst. Da waren ihm seine Reisen fernab des Mainstreams schon lieber. Vor drei Monaten hat er sich nun einen Bus gekauft, der drei Jahre älter ist als er selbst. Trotzdem funktioniert er einwandfrei, Tom hat bereits problemlos 6000 Kilometer damit bewältigt. Er will bis in den Senegal und wieder zurück reisen. Dass er dabei auch einige brenzlige Situationen wird meistern müssen, ist ihm bewusst. Insbesondere die Sahara und Mauretanien sind gefährliche Pflaster. Doch Tom wird sich wie bei all seinen Reisen auf seinen Instinkt verlassen, der hat ihm schon beim Autostoppen gute Dienste erwiesen. Einige Grundregeln hat er sich dennoch auferlegt: Papiere und Wertsachen nie im Bus lassen, sobald sich dieser außer Sichtweite befindet. Am Reisen liebt er, dass er sich dabei, anders als sesshaft in einer Stadt, nie allein fühlt. Die gestiegenen Benzinpreise machen ihm keine Sorgen, er hat im Vorfeld gespart und ein wenig Geld auf der Seite. Wie viel? "2000 Euro", sagt er. Damit komme man doch locker bis in den Senegal - und zurück, oder?

Aufgerufen am 29.06.2022 um 07:03 auf https://www.sn.at/leben/reisen/unterwegs-sein-strawanzerleben-121570951

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