Reisen

Von der Doline genüsslich bis zum Meer

Der slowenische Karst. Zwischen Postojna und der Bucht von Triest liegt ein kaum entdecktes Wandergebiet.

Das Tosen wird mit jedem Schritt stärker. Plötzlich öffnet sich ein riesiger Krater - ein Fenster in eine versunkene Welt voll stürzender Wassermassen. Die St.-Kanzian-Grotte ist eine der größten Dolinen Sloweniens - ein Karstphänomen wie aus dem Lehrbuch: Die unterspülte Erdoberfläche brach zusammen, ein riesiger Trichter entstand. Wer auf dem gesicherten Treppenweg in die Labyrinthe der Škocjanske jame hinabsteigt, sieht den Wildbach aus dem Fels schießen und wieder darin verschwinden. Das Regenwasser versickert im löslichen Kalkgestein, das Land verkarstet. Also besser die Trinkflaschen gut füllen.

Für Wanderer ist Škocjan, Namenspatron der Grotte, der ideale Startpunkt. Am trockenen Bachbett der Sušica geht es zu grünen Wiesen und Wäldchen, Obstgärten und einer Koppel mit Lipizzanern. Erster Höhepunkt: die weithin sichtbare Kuppe von Artviže, wo man - einem alten slowenischen Volkslied zufolge - dem Teufel und dem lieben Gott gleichermaßen nah ist. 817 Meter über dem Meeresspiegel ist die Aussicht jedenfalls göttlich: von der Alpenkette bis zur Pyramide des Snežnik, der im Osten die Grenze zu Kroatien markiert. Rundum Täler in monochromem Grün, unterbrochen nur durch die roten Dachlandschaften kleiner Dörfchen. Es ist still, ein verlassenes Kirchlein, ein Hauch von Vergänglichkeit.

Das nahe Artviže wirkt überraschend lebendig. In dem höchstgelegenen Dorf der Region am Südhang arbeiten trotz der fruchtbaren Böden des Brkini-Höhenzugs nur noch fünf der insgesamt fünfzig Einwohner in der Landwirtschaft - meist in geförderten Biobetrieben.
Schon winkt die nächste Belohnung: Wie ein Traumbild erscheint die Adria am Horizont, die Ladekräne von Koper sind zu erkennen, die Landzunge von Piran. Weit draußen große Frachtschiffe im Dunst, dazwischen Segelboote - kleine bewegliche Punkte im Stillleben des Meeres.

Die Karstforschung begann Ende des 17. Jahrhunderts genau hier - österreichische Wissenschafter übernahmen dabei lokale Begriffe wie Doline, Polje und Uvala, die seither zum geologischen ABC des Karsts gehören. "Fojba" hat indes eine unschöne zweite Bedeutung bekommen. In diese tiefen Karstspalten stürzten jugoslawische Partisanenverbände nach Kriegsende italienische Besatzer und slowenische Kollaborateure. Das "Infoibamento" beeinträchtigt die Beziehung zwischen Italien und Slowenien bis heute.
Der Weg führt nach Osten, in Richtung Kroatien. Vom verlassenen Dörfchen Podgorje geht es auf die Hügelkette des Golič, dann auf den 800 Meter hohen Kojnik. Hier öffnet sich der Wald und der Pfad zieht sich in eine offene Hochfläche hinaus - slowenisches Niemandsland, das keilförmig in kroatisches Terrain hineinragt. Ein kleines Paradies: Zwischen Berganemonen, Narzissen, Pfingstrosen und Orchideen stehen einsame Mehlbeerbäumchen und verkrüppelte Schwarzkiefern - gezeichnet von der eisigen Gnadenlosigkeit der Bora. Es wird felsiger, bald ist der Kraški rob, der Karstrand, erreicht - an manchen Stellen ein Geheimtipp der internationalen Kletterszene. Bei Podpeč führen steilste Treppen zurück auf das Karstplateau. Und hier, gleichsam an seinem Ende, ist man im "richtigen" Karst angekommen - einem von dürren Gräsern bewachsenen Steinfeld, wo scharfe Kalkriffe wie gebleichte Knochen aus dem Boden ragen und der unter den Sohlen klimpert wie Scherben. Erste Möwen sind nun am Himmel zu sehen, die Hafenanlagen von Triest haben sich ins Bild gedrängt. Erstaunlich, wie nahe im "Carso" Industrieflächen und idyllische Natur beieinanderliegen. Nach letzten beinahe alpinen Felsgraten im Val Rosandra ist das Meer nun zum Greifen nah. Aber es war nie wirklich weit entfernt. Karst und Meer - das ist eine weitere Lektion - gehören zusammen.

INFORMATION

Einkehrstationen:

Gostilna Mahorcic, Familiengasthaus in Rodik, am Rand von Brkini-Region und Karst, Tel. +386 5 680 04 00.

Kmetija Mahnic Šušc, Weinbau und urig-gemütliche Buschenschank in Sežana, www.kmetija-mahnic.si

Gostilna Švab in Hrastovlje, istrische Küche, auch unter der Peka in der Ofenglut gegart, www.gostilnasvab.com

Info:

www.visitkras.info/de/was-kann-man-hier-tun/wein-und-kulinarik

Allgemeine Auskunft zum Karst und zum Wandern:

www.visitkras.info/de, www.slovenia.info,

www.visitkras.info/de/was-kann-man-hier-tun/wandern

Quelle: SN

Aufgerufen am 26.11.2020 um 11:20 auf https://www.sn.at/leben/reisen/von-der-doline-genuesslich-bis-zum-meer-76701091

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