Reisen

Wandern wie die Samurai

Auf dem Nakasendō-Weg zwischen Kyōto und Toko . Das Kiso-Tal mit seinen Dörfern aus der Edo-Zeit ist der schönste Abschnitt dieser alten Fernstraße.

Immer wieder bimmelt es. Mit jedem Schritt auf dem Wanderweg schickt das kleine Glöckchen an Yokos Rucksack ein helles Klingeln durch die Stille des Waldes. "Das ist als Schutz gedacht", sagt die Japanerin, "vor den Schwarzbären im Kiso-Tal. Die sollen damit ferngehalten werden." Ob es aber nun am Glöckchen liegt oder nicht: Bären gibt es auf der Wanderung durch den dichten Zypressenwald auf jeden Fall nicht zu sehen. Dafür aber einen hundert Meter hohen Wasserfall und an einem Aussichtspunkt zumindest die Schemen des Ontake, des mit 3067 Metern höchsten Berges der Gegend, der sich heute in zarte Nebelschwaden hüllt.

Die Natur des Kiso-Tals, anderthalb Stunden von der Millionenstadt Nagoya entfernt, ist ein malerisches Refugium vor der bisweilen hyperaktiven Moderne Japans mit ihren grellen Neonschildern. Hier geht es geradewegs Jahrhunderte zurück in die Epoche der Edo-Zeit, als Samurai, Provinzfürsten, Händler und Pilger auf dem Nakasendō unterwegs waren, der quer durch das Kiso-Tal verlief. Der "Weg durch die Berge" war einst eine von fünf wichtigen Fernstraßen, die vor über 400 Jahren vom Shōgun angelegt wurden. Auf einer über 500 Kilometer langen Strecke mit insgesamt 69 Übernachtungsstationen verband er die einstige Kaiserstadt Kyōto mit Edo, dem heutigen Tokio.
Wer heutzutage ins Kiso-Tal findet, steuert zuerst meist den besonders hübschen Abschnitt zwischen Magome und Tsumago an, einen idyllischen Wanderweg, den man in knapp drei Stunden abgewandert hat. Zeitreise inbegriffen. Hier säumen nur traditionelle Holzhäuser die Hauptgasse, dazwischen alte Holzlaternen. Kleine Brunnen. Eine Wassermühle klappert gemütlich vor sich hin. Die Büsche und Bäume in den kleinen Gärten sind mit messerscharfer Präzision in Form gebracht. Nur Souvenirgeschäfte gab es wohl keine zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert.

Mit dem Wispern von Wasser und Bäumen im Hintergrund geht es nach Tsumago. Bereits 1968 realisierte man dort, dass man mit den traditionellen Häusern über einen alten Schatz verfügt, und werkelte daran, das beschauliche Stück Edo-Japan zu retten.
So pittoresk und so stark besucht ist Kiso-Fukushima zwar nicht. Doch zwei Zollstationen machten die Kleinstadt mitten im Kiso-Tal bedeutend. Heute bietet sie Ablenkung an wanderfreien Tagen, etwa mit einem beachtlichen Steingarten, einem See zum Paddeln oder einem kleinen Museum über die Edo-Zeit. Und sie ist nicht zuletzt zentraler Ausgangsort für weitere Erkundungen des Tals: Wanderungen oder einen Tagesausflug nach Ōtaki. Der wahre Schatz liegt allerdings versteckt im Wald - der jahrhundertealte Satomiya-Schrein. "In Ōtaki bereiteten sich die Pilger auf ihre Besteigung des heiligen Bergs Ontake vor. Mehrere Wochen dauerte das", erzählt Guide Chris Gladden, der seit einigen Jahren in der Abgeschiedenheit hier lebt. Nach Durchschreiten des Torii erreicht man den Schrein über mehrere Hundert Stufen, die gesäumt sind von alten, himmelhohen Zypressen. Viele der Stufen, Skulpturen und Laternen entlang des Weges und am Schrein sind mit Moos bewachsen. Quellwasser sprudelt aus dem Berg. Märchenhaft verwunschen ist dieser Ort, der für Pilger ebenso Ziel ist wie die zwei nahe gelegenen Wasserfälle - zum Meditieren und für Reinigungsrituale unter kaltem Wasser.

Anders als für die Pilger früher gondelt bei einer Ontake-Besteigung inzwischen eine Seilbahn bis zur siebten Station auf 2100 Metern Höhe. Dann aber wird gewandert: Erst noch durch den Wald, wo sich ein schmaler, halbwegs domestizierter Weg schlängelt. Dann wird es baumloser, steiler, felsiger. Immer wieder gibt es Shintō-Torii zu entdecken, kleine Tore, die oft umstellt sind mit kleineren und größeren Figuren von Gottheiten und Denkmälern wichtiger Persönlichkeiten. Mit jedem Höhenmeter wird der Blick über das Tal eindrucksvoller. Fast alle Japaner haben Helme dabei - für den Fall einer Explosion und Steinschlag. Der Ontake ist schließlich, wie der Fuji, noch ein aktiver Vulkan. "Bis ganz oben zum Krater darf man daher nicht wandern", sagt Guide Koichiro, als eine Mittagspause in einer nagelneuen Hütte eingelegt wird. Sehr japanisch: Erst heißt es Schuhe ausziehen, ehe die Ramen-Nudelsuppe auf dem Ofen aufgebrüht wird. Die Hütte liegt direkt an einem vereisten Kratersee, von denen es in Gipfelnähe insgesamt fünf gibt. Einer davon ist das letzte Ziel heute. "Die Legende sagt, dass darin ein weißer Drache wohnt, der die Pilger beschützt - sie trinken daher das Wasser", erklärt Koichiro vor dem Abstieg.

Nach der Anstrengung steigt die Vorfreude auf die Übernachtung im traditionellen Ryokan "Urara" in Kiso-Fukushima - inklusive Kaiseki, des traditionell kunstvoll angerichteten Kaisermahls. Mit dem für Japan obligatorischen Bad jenseits der 40 Grad danach sind die müden Bergsteiger-Knochen endgültig vergessen - und bereit für eine Wanderung am nächsten Tag über den Torii-Pass bis nach Narai. Der Spaziergang durch die Gassen mit all ihren Holzhäusern ist ein letzter Abstecher in die Edo-Zeit. Kurz darauf ist es vorbei mit der Zeitreise, denn der Schnellzug wartet schon - zurück nach Tokio, in die grelle japanische Gegenwart.

INFORMATION

Anreise: Am einfachsten ab Nagoya (Flüge u. a. mit Finnair). Regelmäßige Zugverbindungen von Nagoya nach Kiso-Fukushima. Auch ab Tokio gute Zugverbindungen; die Fahrt dauert knapp drei Stunden.

Wandern und Auskünfte: Über das regionale Tourismusbüro lassen sich individuelle Programme buchen. Etwa ein Paket mit zwei Übernachtungen im DZ in Kiso-Fukushima, geführter Tour mit englischsprachigem Guide zwischen Magome und Tsumago, Mittagessen und Transfer zurück nach Kiso-Fukushima 64.750 Yen, also rund 500 Euro.

Kiso Ontake Tourism, https://en.visitkiso.com
Japanisches Fremdenverkehrsamt, www.jnto.de

Quelle: SN

Aufgerufen am 13.12.2019 um 01:08 auf https://www.sn.at/leben/reisen/wandern-wie-die-samurai-69996067

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