Reisen

Zu Fuß zur Traube: Weinwandern in Österreich

Im Herbst ist der Wein ein Genuss auch fürs Auge. Drei Tourenvorschläge.

Es geht auf und ab in der Südsteiermark. Das braucht Kondition, bringt aber schöne Aussichten. Der Weitwanderweg "Vom Gletscher zum Wein" zwischen Dachstein und der Südsteiermark hat in den Etappen 22 und 23, etwa zwischen Leutschach und Ratsch, ein paar Gustostückerl parat. Ein Tipp vorab: Harald Lieleg hat seinen Kollerhof zu einem Lehrpfad gemacht, und das geht so: Smartphone zücken, die QR-Codes am Wegrand einscannen und so Trauben und Terroir kennenlernen. Mit Prachtblick auf Leutschach. Nächster Höhepunkt - ganz wörtlich zu nehmen - die Wallfahrtskirche Sveti Duh. Der Weg dorthin führt durch die Heiligengeistklamm, einen verwunschenen, märchenhaften Steig voll moosiger Steine, eine waldige Abwechslung zu den Weinbergen. Dann, auf 852 Metern Seehöhe, belohnt Sveti Duh, mehrheitlich auf slowenischer Seite gelegen, die Wanderer mit Panoramablicken ins umgebende Weinland. Als man 1919 hier die Grenze zog, wurde die Pfarre Heiligengeist auf Leutschach und Jugoslawien aufgeteilt. Beliebt ist der Wallfahrtsort bis heute. Von Langegg geht's entlang der Glanzer Hoftour leicht bergauf zum Eory-Kogel mit der größten Weintraube der Welt, einem fünf Meter hohen Gebilde aus Edelstahl und Glas, mit 365 Perlen ein Sinnbild der Tage und Wochen im Jahreskreislauf. Südlich von Sulz an der Weinstraße steht auf der Anhöhe ein ganz besonderer Tisch. Hier ist für sechs Personen Platz, drei sitzen in Slowenien, drei in der Steiermark. Der Grenztisch wurde für "Grenz-Gespräche" und als Treffpunkt für kulturellen Austausch errichtet. Ein paar Schritte bergauf, dann ist eins der beliebtesten Fotomotive im Naturpark Südsteiermark erreicht, die Herzerlstraße, ein Straßenabschnitt in Herzform. Und bald ist dann nach insgesamt gut 30 Kilometern Ratsch an der Weinstraße erreicht.

Vinophile Grenzgänge gibt es auch im Norden Österreichs, wo der Nachbar Mähren - ebenfalls mit reizvollen Weinbergen - in Blickweite ist. Schon der Startpunkt des Retzer Weinwanderwegs ist eine Augenweide - der Hauptplatz mit Sgraffito-Haus, seinen zwei Stadtbrunnen und dem Rathausturm. Durch das Verderbertor, mit dem Wappen des Hanns Fierenz von Goerz, einst Finanzverwalter des Grafen von Hardegg, und das Znaimertor geht es hinaus aus der Stadt, dann bald nach links in der Fladnitzerstraße in Richtung Hardegg. Nach wenigen Schritten ist der alte Anger erreicht, hier beginnt die Lange Zeile, eine der hübschesten Gassen der Stadt, die nach 800 Metern direkt in den Weinwanderweg mündet. Ab hier geht's sanft bergan, vorbei an Rebzeilen und an einer eisernen Reblaus sowie unter der Reblaus-Express-Trasse durch, zu einem Sortenweingarten und dem Landesweingut Altenberg mit seinem schönen Winzerhaus. Seit Kurzem sind neu gestaltete Tafeln am Weinwanderweg direkt in der Riede Altenberg montiert worden. Die alten Radierungen und Stiche wurden - auch textlich - überarbeitet und auf wetterfesten Alu-Tafeln aufkaschiert. Kleine Lesepausen sind also einzuplanen, bei Themen wie "Von der Geduld des Winzers" oder "Mitten im Traubenmeer". Nach einer kurzen Pause am Aussichtsbankerl führt der Weg entlang des Setzbergs in die Stadt zurück, wieder in die Lange Zeile, wo schon die ersten Heurigen zur Einkehr laden.

Wien besitzt - einzigartig für eine Hauptstadt - 700 Hektar Rebfläche innerhalb des Stadtgebiets, darunter die Toplage Nussberg. Eine gut fünf Kilometer lange Weinwanderung verbindet Grinzing, Nussberg und Nussdorf. Am besten autolos, An- und Abreise erfolgen einfach mit der Straßenbahn. Vom alten Weinbauort Grinzing geht es über den Grinzinger Steig, im Weingarten des "Clubs der Grinzinger" zur Linken tragen Rebstöcke die Namen ihrer erlauchten Paten, von Romy Schneider bis Udo Jürgens und Barack Obama. An den Mauern des Heiligenstädter Friedhofs vorbei - hier liegt Ödön von Horváth - geht es den Schreiberbach entlang sanft bergauf, dann scharf rechts, und nach rund 20 Minuten lässt sich der Ausblick auf Wien von den Höhen des Nussbergs genießen. Wir empfehlen dazu: ein Achterl Wiener Wein, recht urig im Heurigen Hirt oder stylisch im Weingut Wailand. Oder bei Schönwetter bei einem der Nussberg-Winzer: Wieninger, Windischbauer oder Mayer. Den Weg bergab über den Eichelhofweg nach Nussdorf gibt es in zwei Varianten: bis zur Hackhofergasse mit ihren alten Bürgerhäusern - auf Nummer 18 steht das Lehár-Schikaneder-Schlössl aus dem 18. Jahrhundert - oder direkt durch den Weinberg mit Rücksicht auf die Rebzeilen bis zur Endstation des D-Wagens. Tipp am Weg: Mit viel Glück schenken an diesem Tag Maria Grötzer und ihre Tochter Elisabeth in ihrem Weingarten Untere Schos ihren exzellenten Riesling aus.

WANDERN UND WEIN
Weitwanderweg "Vom Gletscher zum Wein", Etappen 22 und 23: jeweils 15 und 16 Kilometer, mittelschwer, www.steiermark.com
Retzer Weinwanderweg
Länge rund 6 km, leicht zu gehen, www.retzer-land.at
Wiener Weinwandertag:
3.-4. Oktober 2020, 10-18 Uhr, www.wien.info
nächster Termin: Herbst 2021

Aufgerufen am 24.11.2020 um 04:33 auf https://www.sn.at/leben/reisen/zu-fuss-zur-traube-weinwandern-in-oesterreich-93267802

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