Leserbrief

150 Jahre Wehrdienst

Es wird darüber diskutiert, ob der Grundwehrdienst verlängert werden sollte und obwohl mich diese Änderung selbst nicht mehr betreffen würde, so möchte ich als Rekrut mein Unverständnis gegenüber solch einem ignorantem Lösungsansatz kundtun. Ignorant deshalb, weil man dabei auf 50 Prozent der österreichischen Bevölkerung vergisst. Heute, 150 Jahre nach der Einführung des Grundwehrdienstes, leben wir in einer Zeit, in der Männer und Frauen endlich als gleichwertig angesehen werden. Es hat (zu) lange gedauert, aber so gut wie alle geschlechterspezifischen Vorurteile werden langsam aus dem Weg geräumt, Artikel gegendert und Gehälter immer mehr angepasst. Nun stellt sich mir die Frage, weshalb der Staat immer noch der Meinung ist, dass Frauen nicht in der Lage sind, denselben Dienst für ihr Land zu leisten wie wir Männer? Denn genau durch diese unterschiedliche Behandlung von Mann und Frau schreibt der Staat die bestehenden Rollenmuster fort. Das Argument, dass Frauen für die Kinderbetreuung bzw. die Altenpflege verantwortlich sind und deshalb vom Grundwehrdienst befreit werden müssen, verstärkt genau das traditionelle Bild: Frauen für Kinder und Alten und Männer für das "Harte" (Militär).

Ich glaube, dass jede meiner Kolleginnen ebenso tauglich wäre, Rettungssanitäter zu sein, wie ich. Doch anscheinend tut das Österreich nicht. Schließlich wäre dies die einzig sinnvolle Erklärung, dass eine veraltete Regelung 150 Jahre unverändert überdauert hat. Dass man sich nicht getraut hat, etwas zu ändern, das würde in Österreich nie passieren, oder?
Ich werde wahrscheinlich nie einen Herzinfarkt haben, doch falls doch, würde es mich wütend machen, wenn ich daran sterben müsste, weil mein Land die Ausbildung von jungen Damen aufgrund einer veralteten Genderregelung verabsäumt hat - einer Regelung aus dem Jahre 1868!

Aaron Hellbert, 6841 Mäder

Aufgerufen am 30.10.2020 um 12:10 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/150-jahre-wehrdienst-66318700

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