Leserbrief

Abscheu und Mitleid für die "Bergsteier" am Mount Everest

Wenn ich die Bilder betrachte, die in den letzten Tagen in den Medien und natürlich auch in der SN, den Stau am Normalweg zum Everest zeigen, dann empfinde ich als ehemaliger Expeditionsbergsteiger zwei gegensätzliche Gefühle: Mitleid und Abscheu.
Mitleid mit den Menschen, die mit großem physischem und auch materiellem Einsatz versuchen, ihr Ziel - den höchsten Berg der Welt - zu erreichen und die dennoch das intensive und einmalige Abenteuer nicht erleben dürfen, das die Besteigung eines unbestiegenen oder wenig bestiegenen hohen Gipfels vermittelt: Das eigenständige Finden einer geeigneten Route zum Gipfel unter Berücksichtigung der aktuellen Verhältnisse, das Spuren - oft im tiefen Schnee- - das Versichern schwieriger Stellen, die Entscheidungen, wie weit man an die eigenen Grenzen herangehen kann, die Risikoabwägungen hinsichtlich Lawinengefahr, Eisbruch und Wetterverhältnisse, die Zusammenarbeit im Team und vieles mehr. Alles das macht den Reiz des Höhenbergsteigens aus. Ob der Gipfel nun höher als 8000m, oder 7000m oder 6000m ist, ist fast Nebensache.
Abscheu: Wenn man dazu vergleicht, wie sich die Besteiger des Everest in einer fest getrampelten Spur an Fixseilen - die vorher von Sherpas verlegt
wurden - hochziehen und dabei aufpassen müssen, dass sie dem Vordermann nicht auf die Ferse steigen, so hat das in meinen Augen nichts mit Bergsteigen zu tun. Ich bin aber auch gegenüber diesen Menschen (Bergsteiger möchte ich dazu nicht sagen) sehr kritisch, da es nur um einen Superlativ geht - den höchsten Berg bestiegen zu haben - um sich entweder selbst etwas beweisen zu müssen oder um sich in Medien oder auch nur im Freundeskreis als "Held" zu präsentieren.

Dr. Gerhard Haberl, 5020 Salzburg

Aufgerufen am 18.09.2020 um 10:33 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/abscheu-und-mitleid-fuer-die-bergsteier-am-mount-everest-71088547

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