Leserbrief

Alle Jahre wieder ...

... nein, eigentlich seit genau zweieinhalb Jahren bin ich klimafreundlich unterwegs und gebe einmal im Jahr ein Nettomonatseinkommen eines Durchschnittsverdieners für die Österreichcard der ÖBB aus. Momentan pendle ich besonders häufig zwischen Salzburg und Wien, da meine Mutter an Krebs erkrankt ist.

Am 19. Dezember war es wieder einmal so weit. Pünktlich (wenigstens etwas), um 8:37 Uhr rollte der Railjet in Wien Meidling ein. Voll eingepackt in Wintergarnitur und mit einer riesigen Tasche voll mit Weihnachtsgeschenken erklomm ich den Zug, in der Hoffnung einen freien Platz zu ergattern. Ja ich weiß, viele werden sich jetzt denken, warum ich nicht einen Platz reserviert habe, ist ja kostenlos mit der Österreichcard. Zu meiner Verteidigung war erst an dem Tag davor, knapp zwei Monate nach dem Kauf, die Karte mit der für die Onlinereservierung essenziellen Nummer im Postkasten. Natürlich könnte man auch persönlich oder telefonisch vor Ort eine Reservierung erstellen, allerdings müsste man dafür mindestens eine halbe Stunde früher am Bahnhof sein, wofür kein normaler Mensch Zeit hat.

Zurück zu meinem heutigen Fahrvergnügen: Als der Zug zum Stehen gekommen ist, hat sich bereits eine Menschentraube vor jeder Zugtür gebildet. Mit einer "This is Sparta"-Manier wurde mit Ellbogen und Taschen bewaffnet der Zug gestürmt, auf der Suche nach einem wertvollen freien Sitzplatz für den die meisten ihr Erstgeborenes geopfert hätten. Zu unserem Pech stand über jedem Sitz "ggf. reserviert", das heißt, man kann nicht wissen, ob der Platz nun reserviert ist oder nicht. Ich habe, wie viele andere, das Pech gehabt, mich auf einen reservierten Platz zu setzen, von dem ich kurze Zeit später verscheucht wurde (was ich verstehen kann, hätte ich persönlich auch gemacht). Deswegen habe ich mir dann verschwitzt, beladen mit meinen zwei Taschen, die ich nicht ablegen konnte, weil die Gepäckfächer alle rappelvoll waren und ca. halb Wien den Gang geteilt. Zwanzig Minuten später erreichten wir St. Pölten und endlich "singendes Halleluja" hatte ich einen Sitzplatz. Allerdings überkam mich kurze Zeit später der Hunger nach einem Frühstück und so gönnte ich mir eine heiße Schokolade mit Kipferl im Bordrestaurant. Da fing der Spaß erst richtig an. Also nicht für mich, sondern für die armen Restaurantmitarbeiter. Mit zwei Worten kann man sie am besten beschreiben: Hoffnungsvoll überfordert. Bis die Bestellung aufgenommen wurde, vergingen gut fünf Minuten. Währenddessen funktionierte natürlich eine der mobilen Bankomatkassen nicht. Mein Verkäufer dürfte relativ neu gewesen sein und musste
sich erstmals mit Fragen wie "Wo ist das Kakaopulver/Nusskipferl?" und "Wie bereite ich einen Kakao zu?" herumschlagen. Meine alles zerstörende letzte Bitte, mir doch bitte einen Deckel für den Becher geben zu können, weil ich sonst das heiße Getränk beim Zurückjonglieren auf meinem Platz nicht in meiner Speiseröhre, sondern auf meinem Kleid haben werde, hat ihm den letzten Rest gegeben.

Mit den Mitarbeitern habe ich wirklich Mitleid, sie werden anscheinend unzureichend eingeschult und stehen gehörig unter Zeitdruck. Letzteres führte wahrscheinlich auch dazu, dass eine komplett gestresste Angestellte aus der Spüle, in der sich das schmutzige Geschirr mit einem Schwamm auf der Spitze gestapelt hat, besagten genommen hat, um über vier Kaffeelöffel zu wischen. Dieser Schwamm hat für mich keine ersichtlichen Spuren von Spülmittel aufgewiesen. Danach wurden vielleicht 100 mL kaltes Wasser (kein Dampf) darüber gespült. Ich war in diesem Moment sehr froh über mein Wegwerfrührstäbchen. Gleichzeitig habe ich gehofft, dass vor allem momentan zum Höhepunkt der Grippewelle keine immunsupprimierten, älteren Herrschaften, Schwangere oder Kranke wie meine Mama so einen Löffel bekommen. Würde mich aber interessieren, was man im Labor so darauf finden würde. Mein Jammern findet nun ein Ende. Ich hoffe, die zuständigen Herrschaften der ÖBB, die sich solche 2.-Klasse-Zugfahrten nicht antun müssen, weil der Dienst-BMW vor der Tür steht, gibt dieser Brief etwas Stoff für die nächste Betriebsversammlung. Frohe Weihnachten.

Lisa Vesenmayer, 5020 Salzburg

Aufgerufen am 27.02.2021 um 08:19 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/alle-jahre-wieder-80921884

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