Leserbrief

Alpine Regeln missachtet

Mir als gewesener Kinderarzt geht dieses tschechische Kind einfach nicht aus dem Sinn. Es fällt freilich schwer und es ist unangenehm, noch weiter Kritik zu üben, wenn diese Familie ohnedies schon so hart gestraft worden ist. Aber ich habe noch einen der freiwilligen Helfer im Ohr: Er gab zu, seine Kinder auch schon in die Berge mitgenommen zu haben, sie seien sogar jünger gewesen - wenn ich das richtig verstanden habe.

Und da möchte ich denn doch zu bedenken geben, ob ein Sechsjähriger auf einem so exponierten Klettersteig wie über der Drachenwand etwas zu suchen hat. Wenn dann seinetwegen der Aufstieg 6 1/2 Stunden dauert, muss dieses Kind total erschöpft gewesen sein. Schließlich wird er wohl mehr als doppelt so viele Schritte gemacht haben als die ihn begleitenden Erwachsenen.

Was mich aber noch viel mehr stört: Wenn der Gipfel um 16.50 Uhr erreicht worden ist, dann haben diese Bergsteiger bewusst in Kauf genommen, in der Dunkelheit absteigen zu müssen. Abgesehen von der fehlenden Seilsicherung, was ein Leserbriefschreiber am 28. 2. 2020 zu Recht bemängelt hat, ist davon auszugehen, dass ein von 6 1/2 Stunden Aufstieg zwangsläufig Erschöpfter Gefahr läuft zu stolpern. Jeder andere Alpinist hätte wohl angesichts des nicht rechtzeitig erreichbaren Ziels bei Zeiten umgedreht - entsprechend einer basalen alpinen Regel, wo Sicherheit vor einem Gipfelsieg steht.

Ich bin überzeugt, dass diese Familie verzweifelt und bitter bereut. Aber ich möchte andere ehrgeizige Eltern davor warnen, darin nur einen dummen Zufall zu sehen. Ein Unglücksfall ist unter solchen Umständen nahezu unvermeidbar gewesen.


Olaf Arne Jürgenssen, 5342 Abersee

Aufgerufen am 01.10.2020 um 06:16 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/alpine-regeln-missachtet-84371746

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