Leserbrief

Als zweite Profession Miethai

Ich möchte mich bei Ihnen für Ihr "Purgertorium" vom 13. 4. 19 bedanken, Sie haben mir aus der Seele gesprochen ("Eine Christianbremse muss her", SN). Sie kritisieren darin das Einfrieren von Mieten und zeigen am Beispiel Roms, dass dann die Wohnungen verfallen.
Ich musste beim Lesen Ihrer Zeilen an meine Wiener Vorsorgewohnung denken, wegen welcher ich von meiner ehemaligen Mieterin angezeigt wurde. Diese kann nämlich für 20 Euro Jahresbeitrag Mitglied bei den "Mieterfreunden" werden, was ihr eine rechtliche Vertretung zusichert, die ihr dann jegliche Arbeit abnimmt und gegen "Miethaie" wie mich rechtlich weiter vorgeht.
Also bin ich als Lehrerin nun als zweite Profession ein Miethai. Warum? Nach eingehender Rechtsberatung weiß ich nun, dass ich laut Wiener Richtwertmietzins doch wirklich zuviel für meine Wohnung mit 38 Quadratmeter verlange. Egal, ob sie in sehr gutem Zustand und im schönen 18. Wiener Bezirk liegt, laut dem Wiener Richtwertmietzins darf ich für diese Wohnung je nach Kategorie 100-200 Euro Miete im Monat verlangen. In meinem Fall möglicherweise nur 110, da mein Vorraum "nur" ein langer Gang ohne eingezogene Wand ist, der zur neuen, komplett ausgestatteten Küche führt.
Dank der Stadt Wien mit ihrer Gesetzeslage zu Altbauwohnungen bin ich also ein Miethai, weil ich mehr als 110 Euro im Monat Miete verlange für eine 38 Quadratmeter große Altbauwohnung in einem guten Bezirk.
Letzte Bemerkung am Rande: Ein Vorwurf meiner ehemaligen Mieterin lautete, das Bad wäre nicht "zeitgemäß", weil sie zu wenig Platz darin zum Aufhängen der Kleidung hätte.
Ich hätte bitte gern ein zeitgemäßeres Gesetz, nämlich eines, das keine 100 Jahre alt ist und es mir unmöglich macht, mittels Bankkredit, Engagement und harter Arbeit meine eine Vorsorgewohnung zu finanzieren.
Anscheinend kümmert sich die Politik nicht darum, wenn Altbauwohnungen verfallen, weil es sich kein privater Vermieter mehr leisten kann, seine Vorsorgewohnung bestmöglich in Schuss zu halten, da es rechtlich vollkommen egal ist.

Mag. Kerstin Gajda, selbstständige Erwachsenenbildnerin und angehender Miethai, 8043 Graz

Aufgerufen am 20.10.2020 um 02:40 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/als-zweite-profession-miethai-68844598

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