Leserbrief

Angenehm lebt es sich dort nicht

Zum Leserbrief "Abschiebungen nach Afghanistan" (SN v. 22.8.):

Es ist nicht so, dass bei Abschiebungen nach Afghanistan gefühlskalt Recht gesprochen wird und welche in Kriegswirren geschickt werden. Afghanistan ist und war immer ein kulturell höchst unterschiedliches Land. In manchen Gegenden wird tatsächlich gelegentlich gekämpft, in anderen nicht. Es gibt Bombenanschläge. Die gibt es bald einmal wo auf der Welt. Krieg in unserem Verständnis, welches zumeist auf den Erfahrungen des 2. Weltkrieges fußt, ist dort nicht. Es ist dort kein Krieg, wo sich zwei Parteien mit allen Mitteln bekämpfen, sodass eine Art Walze der Vernichtung über alles hinwegzieht, wodurch Fluchtbewegung entsteht. Die üblen Taliban regieren auch nicht das ganze Land.

In der Tat: Angenehm lebt es sich dort nicht. Das ist aber kein Grund für Asyl woanders auf der Welt. Im übrigen lebt es sich in vielen Weltgegenden noch viel weniger angenehm. Aus dem Südsudan emigrieren trotzdem weniger Menschen als aus Afghanistan. Ein Südsudaner hat es vermutlich viel schwerer, die Schleppergebühren aufzubringen, um nach Europa zu gelangen. Vielleicht scheut man dort auch vor den unmenschlichen Methoden zurück, wie sie in Afghanistan üblich sind: Die Familie sucht einen Buben aus, der sich als Vierzehnjähriger ausgeben kann, legt zusammen, und schickt ihn allein nach Europa. Unbegleitete Minderjährige sind so gut wie immer Buben. Mädchen würde man das nicht antun.

Reinhold Sulz, 1210 Wien

Aufgerufen am 29.11.2020 um 12:39 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/angenehm-lebt-es-sich-dort-nicht-91911562

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