Leserbrief

Angst vor dem Wolf

Immer wieder lese ich die diversen Artikel in den SN mit dem Thema "Wolf" und über die verbreitete Angst vor diesem Tier. Meine folgenden Erfahrungen und Beobachtungen mit Wölfen habe ich über viele Jahre am Rand eines Nationalparks in Kanada im Riding Mountain National Park, der besonderen Tier- und Pflanzenreichtum aufweist, gesammelt. Der Park liegt inmitten eines ausgedehnten landwirtschaftlichen Gebiets der kanadischen Prärie. Natürlich wandern die Tiere, Bären, Elche, Wapiti Hirsche, Wölfe, Luchse und vereinzelte Cougars etc. auch durch die bewohnten und bewirtschafteten Gebiete außerhalb des Parks. Nicht selten wandern Bären mit oder ohne Jungtiere an meiner Hütte vorbei. Nachts, vor allem bei Vollmond, hört man nicht selten Wolfs- und Coyoten-Geheul, also sind sie in nächster Nähe. In den ganzen Jahren der Aufzeichnungen ist in dieser Gegend noch nie ein Mensch durch einen Wolf, auch nicht durch einen Bären zu Schaden gekommen. Beim Wandern berücksichtigt man bestimmte Regeln und vermeidet aggressive Begegnungen mit der Tierwelt. In der Nähe der Behausungen wird Abfall nur in bärensicheren Behältern entsorgt. Sollten die Tiere, vor allem die Bären, zum Problem werden, sorgen die Rangers dafür, dass sie in entlegenere Gebiete gebracht werden. Bei Wiederholung werden sie abgeschossen.

Für die Wölfe sollte das Gleiche gelten. Der Wolf erfüllt eine wichtige Funktion und hält das Rotwild in ständiger Bewegung, so dass der natürliche Wald vor Überäsung verschont wird und ein natürliches Gleichgewicht erhalten bleibt. Schon oft habe ich Wölfe angetroffen, innerhalb und außerhalb des Parks im Winter wie im Sommer. Immer verhielten sie sich äußerst scheu. Unvergesslich sind die seltenen Momente, in denen wir in der Nähe eines Rudels auf die Rufe der Wölfe eingehen konnten und mehrmals eine Antwort bekamen.


Natürlich ist die Situation in Mitteleuropa eine andere als in Kanada. Im Außenbezirk des Parks gibt es Viehherden, Pferde mit Jungtieren, die das ganze Jahr im Freien verbringen, die geschützt werden müssen. Dabei ist es besonders wichtig, dass das Rudel nicht dezimiert wird, denn Wölfe jagen nur erfolgreich im Verband mit dem Rudel, der einzelne Wolf ist der gefährlichere, der sich dann auch an junge Nutztiere heranmachen wird, weil er keine andere Wahl hat.
Ich bin überzeugt, dass es auch bei uns in Österreich vernünftige Lösungen des Problems gibt - siehe Schweiz - aber wir sollten den Wolf nicht zu unserem Feindbild machen.


Christel Stadel, 5303 Thalgau

Aufgerufen am 18.10.2021 um 07:35 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/angst-vor-dem-wolf-63187075

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