Leserbrief

Anspruch und Wirklichkeit

Es scheint ein Festival zu werden, wo es den Veranstaltern nicht bloß um publikumswirksame und plakative Inszenierungen geht, die sich sonst ohnehin nur als Prominentenspektakel und mehr auf den Straßen und in den Nobelrestaurants der Stadt Salzburg abspielen. Der Anspruch, den Künstler, Dirigenten, Regisseure und Festredner der diesjährigen Salzburger Festspiele gleichermaßen erheben, scheint eine Kunst zu betreffen, deren Anliegen die gefährdete Humanität unserer Gesellschaft und mit ihr die bedrohten Grundsätze einer aufgeklärten Demokratie und Rechtsstaatlichkeit beinhalten.

Denn längst geht es im Theater, wie in der Oper nicht mehr um die Perfektion opulenter Inszenierungen und nicht mehr um die Vermittlung unzweideutiger Abbilder von stereotypen Lebenssituationen und Charakteren, sondern nunmehr sind es gewollte, fragmentarische, aber auf hohem künstlerischen Niveau stattfindende Versuche, Wirklichkeiten zu transportieren, deren Merkmal nicht mehr das Definitive, sondern dass Offene, das Widersprüchliche und das Fragwürdige darstellt.
Weder mit Jedermann, noch mit Don Giovanni und schon gar nicht mit Richard III musste man sich in der Vergangenheit identifizieren. Es waren Bilder aus fernen Zeiten und noch ferneren Welten - vorgetragen von virtuosen Musikern und klassisch geschulten Sprechkünstlern. Das moderne Theater, das es in Salzburg schwer genug hatte, sich mit G. Mortier wenigstens für kurze Zeit erfolgreich zu etablieren, scheint noch in der Erinnerung der Verantwortlichen zu sein. Denn dieses Theater dringt nun mit seinen Figuren und kryptischen Bildern ein in die vier Wände des Privaten und des Intimen, dorthin, wo häusliche Gewalt ihre fröhlichen Urstände feiert, wo die in der Öffentlichkeit unsichtbare Vereinsamung stattfindet, dorthin wo die Jugend die Türen knallen lässt und dort, wo mit der Verdummung vor den Bildschirmen der Betrug am Leben zuallererst beginnt.


Dipl.-Ing. Dr. Peter Thuswaldner, 5400 Hallein

Aufgerufen am 18.10.2021 um 08:38 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/anspruch-und-wirklichkeit-107231572

Schlagzeilen